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BMW F 850 GS und R 1250 GS : Jetzt kommt’s dicke

  • -Aktualisiert am

Die Adventure-Versionen von BMW: R 1250 GS und F 850 GS. Bild: Hersteller

BMW schickt die Adventure-Varianten F 850 GS und R 1250 GS ins Rennen. David gegen Goliath? Fahreindrücke on- und offroad lassen die Konkurrentinnen in anderem Licht erscheinen.

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          Mit 268 Kilogramm Leergewicht ist die BMW R 1250 GS Adventure ein Schwergewicht. Das ist sie aber auch stückzahlmäßig, weil ihr Anteil am Absatz der GS-Klasse mit Boxermotor schon 40 Prozent erreicht hat, Tendenz steigend. Wie alle anderen fünf Boxermodelle bekommt „die Dicke“, so der BMW-Jargon, ab sofort den neuen, auf 1254 Kubikzentimeter vergrößerten Boxermotor mit variabler Steuerung der Einlassventile. Die Leistung steigt auf 136 PS (100 kW), zudem erhöhen sich Durchzug und Laufkultur, während der Verbrauch sinkt. Auf einer Zweitagestour on- und offroad bestand Gelegenheit, erste Fahreindrücke zu gewinnen – und gleich einen Vergleich anzustellen mit einer möglichen Konkurrentin, nämlich der rundum neuen BMW F 850 GS Adventure, eine Nummer kleiner. David gegen Goliath?

          Der Start erfolgt auf der F 850 GS Adventure. Ein paar Kilometer Autobahn zeigen, dass der bei der sportlichen Rallye-Version gestutzte Windschild dank Einhand-Hebelverstellung recht guten Schutz bietet. Reichlich mit Sonderausstattung gesegnet, bietet die mit dem neuen 853-Kubik-Reihentwin (95 PS/70 kW) motorisierte Mittelklassemaschine alles, was das Fahren komfortabel macht: Tempomat, fünf zum Teil individualisierbare Fahrmodi (wichtig fürs spätere Offroadfahren), Kurven-ABS und vieles mehr, darunter ein hervorragend ablesbares TFT-Display mit allen Konnektivitäts-Schikanen. Fast vibrationsfrei gleitet die F 850 GSA mit Tempo 120 bis 140 dahin, ein angenehmes Reisemotorrad, fast ein Sessel auf Stollenrädern, auch akustisch okay. Der „Ab-Preis“ beträgt 12.950 Euro, die opulent ausgestatteten Testmaschinen kosten weit mehr als 16.000 Euro.

          Doch 244 Kilogramm Leergewicht mit gefülltem 23-Liter-Tank lassen Skepsis aufkommen: Wie bewährt sich die gewichtige 850er im Gelände? Die Bedenken erweisen sich schon nach wenigen Fahrminuten auf steilen, teils groben Schotterwegen als unbegründet: Die F 850 GSA ist prima austariert, der Motor spricht auch bei niedrigen Drehzahlen feinfühlig aufs Gas an, das große 21-Zoll-Vorderrad hält die Spur. Die Eingewöhnungsphase ist auch dank der mittelgroben Reifen „Metzeler Karoo 3“ nur kurz, schon bald kommt im Gelände Fahrfreude auf, wobei die 890 Millimeter Sitzhöhe der Rallye-Version nie zum Problem werden, obgleich der Fahrer gerade mal 1,76 Meter misst. Die langen Federwege von deutlich mehr als 20 Zentimetern, die große Reichweite von gut 500 Kilometern, eine Höchstgeschwindigkeit von 197 km/h – die Weite will erobert werden mit diesem Motorrad. Die vergleichsweise bieder wirkende Vorgängerin F 800 GS Adventure, 2013 erschienen und 15 Kilo leichter, hat eine mehr als würdige Nachfolgerin gefunden, Zusatzpfunde hin oder her.

          Mit 268 Kilogramm Leergewicht ist die BMW R 1250 GS Adventure ein Schwergewicht.

          Karge sechs Grad signalisiert das TFT-Display der „Dicken“ am nächsten Morgen. Sonor brummt der großvolumige Boxermotor auf der Autobahn und der Landstraße, die neue Auspuffanlage kappt wirksam die lästigen Lärmspitzen des Vorgängermodells. Gegenüber diesem sind das Mehr an Kraft in untersten Drehzahlregionen sowie die noch sanftere Gasannahme, aber auch die erhöhte Drehfreude spürbar. Auch am zweiten Tag sitzen wir auf der sportlichsten der drei Varianten, HP genannt. Auch die ist, wie die Rallye-Version der F 850 GSA, blau-weiß-rot lackiert, die ebenfalls goldfarben eloxierten Kreuzspeichenräder kontrastieren gleichermaßen hübsch, die Sitzhöhe beträgt ebenfalls luftige 89 Zentimeter. Der auch bei der HP gestutzte, stufenlos einstellbare Windschild, in die oberste Position gedreht, sorgt in Verbindung mit der zweistufigen Griffheizung trotz der Morgenkälte für Wohlbefinden.

          Souverän pflügt die mit ihrem 30-Liter-Tank zu Recht „Dicke“ genannte BMW sich und ihren Fahrer über Schikanen hinweg: Enge, holprige Karrenwege mit halbmetertiefen Auswaschungen, lose Geröllfelder, kiesig-sandige Naturstraßen – all diese Unwegbarkeiten und auch einen mehrere Kilometer langen Abstecher in ein wasserführendes Flussbett lässt die R 1250 GSA vergnüglich erscheinen. Ein tänzelnder Elefant von 268 Kilo. Für „ab 17.700 Euro“, komplett ausgestattet allerdings jenseits der 22.000 Euro, erhält der Käufer ein Faszinosum, nämlich ein zu Agilität geformtes, riesiges Motorrad, das zu rangieren eine echte Aufgabe ist, insbesondere im Gelände. Die „Dicke“ ist hochfunktional – Winkelventile an den Felgen, klappbarer Fußbremshebel, mehrere Sitzbänke zur Wahl, leicht verstellbarer Alu-Rohrlenker – und zugleich emotional: Wo, bitte, geht es zum Ende der Welt?

          Die BMW F 850 GS Adventure ist eine Nummer kleiner, aber mit 244 Kilogramm auch nicht leicht.

          Der Vergleich zwischen der „Dicken“ und der „Kleinen“ endet unentschieden mit Vorteilen für die Boxer-GSA. Die 850er kann, was eine Reiseenduro können sollte. Sie fährt sich geschmeidig, bremst gut, hat Dampf und bietet, sofern das Konto des Käufers das zulässt, sämtliche heute möglichen technischen Finessen. Hätte sie vier Räder, hieße sie BMW X3. Dass sie „nur“ der Mittelklasse zugehörig ist, liegt an der 1250er. Die ist ein zweirädriger X5, mindestens. Trotz ihres gegenüber der 850 GSA 24 Kilogramm höheren Gewichts kann sie auch offroad nichts schlechter, eher alles noch ein Quentchen besser. Nicht mal das nur 19 Zoll messende Vorderrad stört des Fahrers Wohlbefinden. Die Große reißt bei Bedarf wolfsartig an, gibt sich andererseits sanft wie ein Lämmchen, bremst darüber hinaus dank Telelever und Radial-Vierkolbenzangen phänomenal.

          Beide Motorräder beweisen eindrucksvoll: Das absolute Gewicht ist nachrangig, entscheidend ist, wo die Pfunde sitzen und ob die Fahrzeugkonstruktion sie betont oder aber teilweise eliminiert. Diesen Kniff hat BMW Motorrad bei beiden Modellen drauf.

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