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Fahrbericht Birò von Estrima : Das vermutlich kleinste Elektroauto der Welt

Bild: F.A.Z., Andreas Brand

Der Birò ist das etwas andere Elektroauto. Er hat nur manchmal zwei Türen, fährt maximal 60 km/h und hält nicht immer die Spur. Aber es macht Spaß, damit zu fahren.

          3 Min.

          Nicht alle sind beeindruckt. In der Redaktion fielen Kommentare wie „Krankenfahrstuhl“ und „Schuhkarton“, als das Elektrokleinstauto aus Italien vor der Tür stand. Andere fanden es „cool“ und hoben den Daumen. Auf jeden Fall hatten alle so ein kleines Elektroauto noch nie gesehen. Renaults Twizy wirkt geradezu wuchtig dagegen. Strenggenommen ist der Birò noch nicht einmal ein Auto.

          Weil er nur 45 km/h schnell fährt und sein Motor eine maximale Leistung von 3,3 Kilowatt hat, reicht der Moped-Führerschein. Zum fast richtigen Auto wird der Birò erst in der Version Bolt. Dann fährt er bis zu 60 km/h mit der gleichen Motorleistung. Wir sind mit den Varianten Winter (mit zwei Türen) und Big (mit einem kleinen Kofferraum) gefahren, die der österreichische Vertrieb aus Kitzbühel zur Verfügung gestellt hat. Der Hersteller Estrima sitzt in Italien.

          Wer im November als Fahrrad- oder Rollerfahrer in den Birò steigt, fühlt sich erst einmal wohl. Man hat ein Dach über dem Kopf gegen den Regen, keinen Gegenwind im Gesicht und festen Stand auf dem schmierigen Straßenbelag. Weil der Birò keine Heizung hat, bleibt auch hier die Jacke an. Aber es immer noch gemütlicher als auf dem Fahrrad. Wer als Autofahrer Platz nimmt, fühlt sich eingeengt. Spätestens wenn ein Beifahrer daneben sitzt, dürfte der eine oder andere Platzangst bekommen. Nur die Windschutzscheibe ist beheizt, ein mickriger Schalthebel für vorwärts und rückwärts, das Lenkrad sitzt nicht mittig zum Fahrer, die Handbremse knarzt wie im Traktor und die Kopfstütze kommt von oben.

          Einen Parkplatz zu finden, ist eigentlich nie ein Problem. Bilderstrecke

          Es geht los. Der Autoschlüssel ist eine Scheckkarte, die man wie beim Carsharing an die Windschutzscheibe hält, damit die Tür geöffnet werden kann. Wie im Hotelzimmer gehen alle wichtigen Lichter an, wenn danach die Karte in den Schacht links vom Lenkrad gesteckt wird. Der Birò zeigt, wie voll der Akku noch ist und wie viele Kilometer gefahren wurden. Anschnallen mit dem Dreipunktgurt, Schalthebel nach vorne und Gas geben.

          Das wird übrigens mit der Zeit anstrengend. Weil die Beine im rechten Winkel stehen, tut dies der Fuß auch, so dass immer das ganze Bein in Bewegung ist. Im Herbst zeigt sich schon nach wenigen Metern, dass die beheizbare Windschutzscheibe unverzichtbar ist. Wie eine Brille beim Betreten der Kneipe beschlägt die Front ziemlich schnell, vor allem wenn der Fahrer Luftfeuchtigkeit beisteuert. Da die Windschutzscheibe praktisch vor der Nase ist, lässt sich der Beschlag flott wegwischen, bevor die Heizung Wirkung zeigt, was sie übrigens recht schnell macht.

          Ist die Sicht erst einmal frei, ist sie erstaunlich gut im Birò, weil man fast nur Scheibe um sich herum hat. Die ist dringend notwendig, um den Verkehr äußerst genau zu beobachten, weil immer die Angst mitfährt, dass ein Auto in den Birò rauscht. Mit fast nicht vorhandener Knautschzone ist die Verletzungsgefahr deutlich höher als in richtigen Autos. Wer Rad- oder Rollerfahren gewohnt ist, fühlt sich eher sicher, weil wenigstens noch etwas den eigenen Körper vor dem Blech der anderen schützt.

          Von 0 auf 50 km/h in...

          Es kann sogar Spaß machen, mit dem Birò durch die Stadt zu heizen. Mit nur 45 km/h? Ja, weil er sich fährt wie ein Gokart, die Lenkung reagiert direkt, aber schwammig, die Geschwindigkeit wirkt viel schneller als sie in Wirklichkeit ist. Deswegen traut man sich kaum, mit der Bolt-Variante auf 60 km/h zu beschleunigen, es fühlt sich wie 100 an. Im Übrigen kommt man kaum auf die Spitzengeschwindigkeit. Selbst mit dem starken Birò kam es selten dazu, dass sich die Nadel der 50 näherte. Es dauert mehr als 20 Sekunden, bis die erlaubte Höchstgeschwindigkeit in Ortschaften erreicht ist. Es sei denn, man drückt den Boost-Knopf, der ein paar Sekunden spart. Doch am Morgen und Abend sorgen nicht nur in Frankfurt Staus und Ampeln dafür, dass der Fuß sich nicht so lange Richtung Bodenblech bewegen kann.

          Dennoch muss ein Birò-Fahrer unerschrocken sein. Fährt er mit (relativ) hoher Geschwindigkeit über unebenen Straßenbelag oder querende Straßenbahnschienen, rumpelt und pumpelt es, der Birò verlässt etwas die Spur und der Fahrer den Sitz. Aber genau dieses Fahrgefühl findet mancher attraktiv. Kurven nimmt man gern mal etwas flotter, um wie in einer Carrera-Bahn die Richtung zu wechseln. Beim Abbiegen nervt, dass der Blinker fürchterlich piepst und händisch abgestellt werden muss.

          Nach 50 Kilometern ist übrigens Schluss mit dem Spaß, dann braucht der Birò neue Energie. Die Rechnung – Fahrer mit 90 Kilogramm kann bei einstelligen Temperaturen mit zehn Prozent des Akkus zirka fünf Kilometer fahren – ging fast immer auf. Die Batterie mit einer Kapazität von rund fünf Kilowattstunden ist in gut vier Stunden aufgeladen. Was nervig ist: Das Ladekabel ist sehr kurz, in der Regel braucht man ein Verlängerungskabel, um die nächste Steckdose zu erreichen. Auf 100 Kilometer verbraucht der Birò also etwa zehn Kilowattstunden, macht rund 2,70 Euro für zwei Ladungen.

          Der Autor mochte den Birò sehr. Gerade während des Parkplatzsuchens spielt der Kleine seine Stärken aus. Selten ist eine Lücke zu klein, weil das Gefährt - im Gegensatz zum Smart - um neunzig Grad versetzt in dieser stehen kann, ohne weiter als die anderen Autos herauszuragen. Dennoch würden wir den Birò nur zu anderen technischen und preislichen Konditionen kaufen. Das bedeutet: mehr Akkukapazität, stärkere Motorleistung, andere Anordnung von Brems- und Gaspedal, längeres Ladekabel und geringerer Preis. Der Birò für den Moped-Schein (45 km/h, ab 16 Jahre) kostet knapp 11.000 Euro, der größte Big (60 km/h) sogar 13.500 Euro. Selbst mit dem Elektromobilität-Joker „Kostet immer mehr“ wird Estrima mit dem Birò potentiellen Kunden nur schwer klarmachen können, warum sie so viel dafür ausgeben sollen. Bei aller Liebe zur Elektromobilität.

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