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Fahrbericht Aprilia Tuono V4 : Sorry, liebe Nachbarn

Ableger des Rennmotorrads RSV4: die Tuono V4 1100 von Aprilia Bild: Wille

Wo Racing draufsteht, ist nicht immer Racing drin. Hier schon. In der Aprilia Tuono V4 1100 steckt Racing in hoher Dosis - ganz zum Leid der Nachbarn.

          Auf den Brüllstoß beim Anlassen klirrt in den Geschirrschränken der Nachbarschaft das Porzellan. Feuermelder springen an, Hunde reißen sich los. Es scheint ratsam, sich an diese Maschine erst einmal vorsichtig heranzutasten. ABS aktiv? Traktions- und Wheeliekontrolle scharf? Pobacken zusammengekniffen? Nun denn.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Im Bauplan des menschlichen Körpers war eine Begegnung mit etwas derart Mitreißendem wie einer Tuono ursprünglich nicht vorgesehen. Geringste Bewegungen mit der Gashand entfesseln Gewalten. 175 PS (129 kW) Nennleistung bei 11.000 Umdrehungen und ein Drehmoment-Maximum von 121 Newtonmeter bei 9000/min vermeldet das Datenblatt. Furcht, Freude und Faszination meldet abwechselnd das Hirn, manchmal auch alles gleichzeitig. Im Feld der stärksten Naked Bikes auf dem Markt reiht sich die Aprilia in vorderster Linie ein, dort, wo die BMW S 1000 R und die KTM 1290 Super Duke R die Keulen schwingen.

          Fast schwerelos: Gasbefehl unangestrengt nach vorn bis etwa 250 km/h Bilderstrecke

          Sie erhebt zudem den Anspruch, die Attraktivste von allen zu sein. Für ein Motorrad der Hooligan-Klasse wirkt die Nackte aus Noale ausgesprochen seriös, geradezu nobel, und mit ihrem mächtigen, glänzend polierten Ensemble aus Rahmen und Schwinge der Boxengasse eng verbunden. Da wäre der „Racing“-Schriftzug am Tank gar nicht nötig gewesen.

          Gewinn an Schubkraft in niedrigen und mittleren Drehzahlen

          Es handelt sich - Verkleidung ab, Rohrlenker dran - um einen Ableger des Rennmotorrads RSV4. Die Tuono eröffnet die Möglichkeit, in ziviler, kommoder Sitzhaltung Atemraubendes zu erleben. Zur Saison 2015 wurde die Maschine stark überarbeitet: Sitzarrangement verändert (Sattel niedriger, angenehmere Polsterung, schmalerer, niedrigerer Lenker), leichtere Lampenmaske verbaut, Bremsanlage auf mehr Aggressivität eingeschworen. Federung, Lenkgeometrie, Schwerpunktlage blieben ebenfalls nicht unangetastet. Den bedeutsamsten Unterschied zwischen alter Tuono und ihrer Nachfolgerin stellt indes die Hubraumerweiterung des charismatischen V4-Triebwerks von 999 auf 1077 Kubikzentimeter dar, erreicht durch mehr Bohrung bei unverändertem Hub.

          Im Zuge dieser Maßnahme stieg die Höchstleistung um ein paar PS. Aber das ist nicht der Punkt. Viel interessanter ist der Gewinn an Schubkraft in niedrigen und mittleren Drehzahlen. Das vollkommen verzögerungsfrei ansprechende Aggregat schüttelt Zwischenspurts verblüffend lässig aus dem Ärmel, gibt an keiner Stelle des weiten Drehzahlbands ein Zeichen der Schwäche von sich, stürmt aus jedem beliebigen Tempo heraus auf Gasbefehl unangestrengt nach vorn und schließlich bei etwa 250 km/h in den Begrenzer. Vereinfacht wird ihm das durch die nun kürzere Getriebeübersetzung. Was den Klang des Motors betrifft, ein unverwechselbar bassiges V4-Grollen, waren wir hin und her gerissen. Mehr hin als her. Allerdings ist die Lautstärke grenzwertig und der provokante Brüllstoß beim Anlassen eine Bedrohung des Friedens im Wohnviertel.

          Davon abgesehen beeindruckt die 205 Kilogramm wiegende Tuono in allem, was sie tut, durch eine fabelhafte Souveränität. Fast schwerelos fühlt sich das an. Jeder Wink des Fahrers, jeder winzige Lenkimpuls wird genauestens in die gewünschte Kursänderung umgesetzt. Das Motorrad federt und dämpft nicht bloß einfach gut, es tastet den Belag ab, schnüffelt über den Asphalt, gibt knackig und glasklar Rückmeldung, gewährt nebenbei eine ausreichende Prise Komfort, lässt Vortriebs- und Bremskraft feinstens dosieren. Trotz extrem sportlichen Charakters, beinahe unauslotbarer Reserven des Trieb- und des Fahrwerks, vermittelt es dem Fahrer angenehmerweise kein Gefühl des Gehetztseins. Schaltfaul bewegt, kann die Aprilia ein Mittel der Entspannung sein.

          Wo Racing drin ist, muss auch reichlich Kraftstoff hinein

          Gangwechsel nach oben unterstützt in jeder Situation einwandfrei der Schaltassistent. Dass das System in umgekehrter Richtung noch nach einer Kupplungsbetätigung verlangt, ist ein kleiner Makel. Ansonsten steht an Regelsystemen, Fahrprogrammen und Einstellmöglichkeiten reichlich zur Verfügung. Den winzigen Rücksitz werden sich nur anschmiegsamste Beifahrerinnen antun. Für 16.490 Euro erwerben Tuono-Piloten einen Anderthalb-Sitzer, müssen obendrein mit einem sehr geringen Lenkeinschlag und entsprechend großen Wendekreis leben, mit moderatem, erträglichem Lastwechselrucken im Stadtverkehr sowie einem hinsichtlich Informationsfülle eher spärlich ausgestatteten Cockpit. Tankuhr und Lufttemperaturmesser beispielsweise fehlen.

          Eine Anzeige des Durchschnittsverbrauchs ist vorhanden. Da schaut man jedoch besser weg. Bei 7,2 Liter auf 100 Kilometer lag unser niedrigster Verbrauch (in der Phase des vorsichtigen Herantastens). Es folgten Werte von 7,6 bis 9,7 Liter. In dieser Hinsicht ist die neue Tuono leider ganz die alte, Motto: Wo Racing drin ist, muss auch reichlich Kraftstoff hinein.

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