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Fahrbericht Aprilia Tuareg 660 : So ein Wüstling

  • -Aktualisiert am

Hochgewachsen: Lange Federwege Bild: Hersteller

Aprilia beglückt die Mittelklasse und lockt Geländefreunde mit der Tuareg 660: 80 kerngesunde PS in einem offroadtauglichen Fahrwerk.

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          Im Motorradmarkt ist eine Entwicklung zu beobachten, die nach den Jahren des Wettrüstens erstaunen, vielleicht sogar erfreuen muss. Statt sich gegenseitig mit gewaltigen Motorleistungen und entsprechend gewachsenen Massen zu überbieten, legen die Hersteller neue Modelle auf, die mit „vernünftigen“ PS-Zahlen unterhalb der 100 und einer puristischen Ausstattung aufwarten. Dass dies erfolgreich sein kann, beweist Yamahas Reiseenduro Ténéré, die aus 689 Kubik maximal 73 PS erlöst und bis auf ein ABS keine Elektronik an Bord hat.

          Diesem Vorbild eifert Aprilia nach. Wie Yamaha es vormachte, kreieren die Italiener eine ganze Mittelklasse-Baureihe um einen Motor herum. Doch die Tuareg 660 unterscheidet sich viel stärker von ihren Geschwistern RS 660 und Tuono 660, sie ist eine rundum eigenständige Entwicklung mit einem speziellen Gitterrohrrahmen aus Stahl und höchst tauglichen Federelementen. USD-Gabel wie Federbein sind beide komplett einstellbar und stellen mächtige 240 Millimeter Federweg bereit, mit denen sich auch grobes Geläuf unter die Stollenreifen vom Typ Pirelli Scorpion Rally STR nehmen lässt.

          Entsprechend hoch liegt das einteilige, nicht verstellbare Sitzmöbel. Vor respektgebietenden 860 Millimetern müssen aber Normalgroße nicht scheuen, denn die schmale Taille erlaubt auch ihnen einen sicheren Bodenkontakt im Stand. Während der Fahrt ergibt das Ergonomiedreieck aus Rasten, breitem Alu-Lenker und Sitzbank ein bequemes Ambiente mit lässigen Kniewinkeln und aufrechtem Oberkörper, das vom ausgezeichneten Wind- und Wetterschutz hinter der nicht einstellbaren Scheibe veredelt wird. So lassen sich auf der Tuareg selbst lange Etappen ohne zusammengebissene Zähne oder Schwielen am Allerwertesten entspannt abspulen, ungeachtet der guten Reichweite des recht großzügigen 18-Liter-Tanks.

          Trotz tadelloser Tourentauglichkeit schlägt die Stunde der Italienerin erst so richtig auf kurvigen Landstraßenabschnitten und dann, wenn der Asphalt endet. Dazu verhilft ihr der einsatzgemäß modifizierte Reihenzweizylinder, der wie die Faust aufs Auge passt: Nockenwellen mit zahmeren Steuerzeiten und Änderungen an Ansaugtrakt wie Auspuffanlage lassen den Motor unten und in der Mitte fülliger wirken. Dass dafür etwas Spitzenleistung geopfert wurde, erscheint verschmerzbar, zumal der erste Gang wie auch die gesamte Sekundärübersetzung für knackigen Antritt kürzer übersetzt wurden. Im Techniktableau liest sich das wie folgt: Die Spitzenleistung von 80 PS wird bei 9250 Touren erreicht, beachtliche 70 Nm Drehmoment stehen schon bei 6500/min zur Verfügung.

          Quell moderater Kraft: Reihentwin Bilderstrecke
          Fahrbericht : Aprilia Tuareg 660

          Anders als im Fall der puristischen Yamaha haben Fahrer der mit fortschrittlicher Elektronik versehenen Aprilia die Wahl zwischen zwei festen Fahrmodi, die das Ansprechverhalten und Bremsmoment des Motors, die Traktionskontrolle und den Eingriff des ABS vorgeben, sowie zwei weiteren individuell konfigurierbaren Einstellungen. Wem das zu viel Auswahl ist, wählt „Explore“ für die Straße und „Offroad“ mit hinten deaktiviertem ABS für Geländeaktivitäten.

          Unisono gefällt der Tuareg-Twin mit einer guten Gasannahme in allen Lastzuständen und druckfreudigem Schub schon im Drehzahlkeller. Ab 2000 Touren geht die Tuareg selbst im letzten Gang ohne zu mucken vernünftig vorwärts und lebt bei rund 4000 Touren richtig auf; ganz oben passiert dann jedoch nicht mehr viel. Trotz der leichtgängigen Kupplung ist der Blipper für rund 200 Euro eine Empfehlung, der kupplungsloses Herauf- und Runterschalten ermöglicht.

          Die Tuareg lässt sich engagiert über Kurvenstrecken bewegen, ungeachtet der grobstolligen Pirellis, die erstaunlich präzise und neutral abrollen. Für ein Motorrad mit 21-Zoll-Vorderrad flutscht die 660er behände durch die Ecken und bleibt schön stabil, selbst auf der Bremse taucht sie trotz der langen Federwege nicht ab – die Grundabstimmung von Gabel wie Federbein liegt auf der straffen, fahraktiven Seite, was bei langsamem Tempo ein wenig vom Fahrkomfort nimmt.

          Auf Schotterpisten und Geröll fruchtet diese Auslegung und macht die Tuareg zu einem leicht genießbaren Offroad-Spaßfahrzeug, das auf Sand, losem Geröll und Pisten funktioniert. Viel Vertrauen schafft die gelungene Gewichtsverteilung der vollgetankten 204 Kilogramm ebenso wie die gute Integration des stehenden Fahrers, der wegen der guten Kontrollierbarkeit schnell versucht ist, mit durchdrehendem Hinterrad durch die Kurve zu driften.

          Obwohl dies vergleichsweise leicht gelingt, mag man es nicht übertreiben. Denn die Aprilia ist alles andere als spartanisch ausgestattet, neben dem voll einstellbaren Fahrwerk und der – nicht schräglagenfähigen – Fahrassistenz gibt’s einen bestens ablesbaren, multifunktionalen Fünf-Zoll-Bordcomputer und auffällige LED-Beleuchtung. Die investierten 11.990 Euro zahlt die eigenständige Tuareg aber in erster Linie durch ihren fröhlichen Fahrspaß auf der Straße, die guten Reisetugenden und ihren umgänglichen Geländecharakter zurück.

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