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Erlebnispädagogik in der Oberpfalz : Mountainbike statt Ritalin

  • -Aktualisiert am

Ein Sprung über die Schanze eines Bikeparks ist Mutprobe und Belohnung in einem Bild: Alberter

Kann es hilfreich sein, verhaltensauffällige Jugendliche auf dem Mountainbike downhill rasen zu lassen? In der Oberpfalz glaubt man: ja. Hier wird das Geländefahrrad zu einem erlebnispädagogischen Instrument.

          Wenn das Stichwort „Erlebnispädagogik“ fällt, dann mögen Leute, die wirklich gar keine Ahnung haben, an Unsäglichkeiten wie die Doku-Soap „Die strengsten Eltern der Welt“ denken. Und Lästerer, die meinen, etwas Ahnung zu haben, reden von Abenteuerurlaub am Amazonas für jugendliche Gewalttäter auf Kosten der Solidargemeinschaft. Markt Nittendorf liegt nicht am Amazonas, sondern im Landkreis Regensburg, und der Ortsteil Undorf ist oberpfälzische Idylle pur. Hier residiert auf einem schönen Hanggrundstück mit selbstgebautem Baumhaus und einer Höhle unter dem Garten das KAP Institut. KAP steht für Kooperative Abenteuer Projekte.

          Gegründet hat das Institut, wo Lehrer, Erzieher oder Sozialarbeiter eine erlebnispädagogische Zusatzqualifikation erwerben können, das aber auch Unternehmenskunden coacht und eine therapeutische Wohngruppe für Jugendliche unterhält, Peter Alberter. Der gelernte Fachkrankenpfleger für Kinder- und Jugendpsychiatrie, studierte Heilpädagoge und nun Geschäftsführer und Dozent für Erlebnispädagogik hat selbst einen hyperaktiven Sohn. Vor dessen Zimmer ein feines Mountainbike von Specialized. „Wirkt besser als jedes Medikament“, meint der Vater, der sich von Jugend auf fürs Fahrrad und alle möglichen anderen Outdoor-Aktivitäten begeisterte.

          Auch für Manager stehen die knallroten Räder bereit

          Vor zwanzig Jahren machte Alberter mit einem als gewalttätig und gefährlich, aber auch als bis zum Suizid autoagressiv eingestuften Fünfzehnjährigen, den keine Jugendpsychiatrie mehr haben wollte, eine Mountainbike-Tour, die in die Gründung des KAP Instituts mündete: Ein halbes Jahr lang radelte er mit dem sich allmählich wandelnden Jungen von Agadir durch Marokko und in östlicher Richtung über die schneebedeckten Atlasgebirge und quer durch die Nordwestsahara, um dann über Spanien und Frankreich zurück nach Regensburg zu fahren. „Es war eine 5.380 Kilometer lange Radtour zurück in die Gesellschaft“, sagt er dazu heute.

          Das gehört mit zum Erlebnis: Bevor man durch die Kurven zischen kann, selbst Hand anzulegen beim Bau eines Mountainbike-Parcours – im eigens dafür erworbenen 10-Hektar-Wald des KAP Instituts Bilderstrecke

          Zwei Jahre später nahm mit der Einstellung des ersten Mitarbeiters die therapeutische Wohngruppe ihre Arbeit auf. Inzwischen hat sie über 150 Jugendlichen ein Heim auf – unterschiedlich lange – Zeit geboten. Ob das Mountainbike für sie während dieses Aufenthalts zum Mittel der Therapie wird, entscheidet sich während einer ersten Phase, dem „Clearing“. Das Institut unterhält jedoch eine ganze Flotte von Mountainbikes. Man kann ganze Abteilungen aufs knallrote Rad setzen, wenn Weltfirmen – die stets nur höchst ungern genannt werden möchten – ihre Manager durch Gemeinschaftserlebnisse wie Biken oder Tipi-Bauen coachen lassen.

          Gleichmäßigkeitsrennen statt Wettfahrten

          Alle Räder, für deren Wartung und Reparatur zwei Fachkräfte zuständig sind, stammen von der angesagten Marke Specialized. Das hat mehrere Gründe: Der amerikanische Hersteller macht einem guten Abnehmer wie dem Institut gute Preise und unterstützt auch sonst mit Material die gute Sache. Nicht zuletzt wegen der Werbewirkung: Wenn der Herr Abteilungsdirektor auf einem Specialized gecoacht worden ist, findet er wahrscheinlich auch als Kunde zu der Marke. Nicht zuletzt muss es aber für die Jungs der Wohngruppe etwas Gutes sein: Die wissen nämlich genau über Spezifikationen und Modelle Bescheid. Und da sagt Alberters Motto „Demo statt Ritalin“ alles: Die Demo-Modelle von Specialized bewegen sich in Preisregionen irgendwo zwischen 4.000 und 8.000 Euro.

          Aber warum überhaupt das Mountainbike? Zum einen, weil man es vor der Haustür benutzen kann. Und: „Ein Hyperkinetiker im Kanu? Das geht gar nicht“, sagt Andreas Langer, Projektleiter der Intensivtherapie. „Aber wenn er sich auf dem Bike heftig konzentrieren muss, wird er ausgeglichener.“ Und so ein Zappelphilipp kann auf dem Mountainbike auch richtig gut werden, eben weil er sich sehr, sehr rasch entscheiden kann: Nehme ich die überhöhte Kurve brav, ungefähr in halber Höhe, oder habe ich genug Speed, um mit maximaler Schräglage hart an der oberen Kante langzudonnern? Verletzungen habe es glücklicherweise nur wenige gegeben.

          Das Gute am Mountainbiken sei die ausgleichende Dynamik, sagt Langer. Man fahre zwar in der Gruppe, aber jeder treffe einzeln für sich die Entscheidungen, wie er fahre. Die Jugendlichen seien sehr verschieden, das reiche von Introvertiert-Depressiven bis zu hoffnungsloser Selbstüberschätzung. Deshalb gebe es keine Wettfahrten, höchstens ein Gleichmäßigkeitsrennen. Und es mache einfach so viel Spaß, dass die Aussicht, einen Bikepark in der Nähe zu besuchen, als belohnender Anreiz wirke. Zum Beispiel dafür, in der Wohngruppe Heizkosten zu sparen.

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