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Fahrbericht Elektroroller Unu : Für fünf Euro nach Berlin

Der Unu wird in China nach Maßgabe einiger deutschen Jungunternehmer für den europäischen Markt zusammengesteckt. Bild: Hersteller

Elektromobilität muss nicht teuer sein. Der Roller Unu wird in China für Deutschland gebaut – der Motor kommt von Bosch. Wir haben ihn ausprobiert.

          3 Min.

          Noch ein Elektroroller aus Fernost? Jawohl, denn von solchen Geräten kann man gar nicht genug bekommen. In China haben sie die Städte erobert, denn sie sind dort, wo die Luft am dreckigsten ist, gänzlich emissionsfrei und haben ein paar Privilegien, über die man auch hier einmal nachdenken könnte. Der Unu wird in China nach Maßgabe einiger deutschen Jungunternehmer für den europäischen Markt zusammengesteckt. Mit ihm fast lautlos – nur die Reifen sind zu hören – durch die Stadt zu wuseln macht süchtig. Er steht an der Ampel und scheint tot, warum knattern die anderen rundum so? Wenn’s dann losgeht, zieht er zunächst ganz sanft und dann stetig von dannen, das sind wir von der Konkurrenz so nicht gewohnt. Die heißt, schon wegen des vergleichbaren Preises und der ebenfalls winzigen Maße, in erster Linie Niu N 1s und wurde von uns vor gut einem Jahr gefahren, ein Roller mit Biss und etwas ruppigem Auftreten.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Der Unu ist ähnlich und doch ganz anders, vornehme Zurückhaltung beim Gasgeben, aber nicht schwächlich. Dennoch, beim Anfahren an der Ampel wünschen wir uns einen etwas deutlicheren Antritt auf den ersten Metern. Das ist eine Frage der Einstellung. Andere Anbieter riegeln ihre Elektroroller beim Erreichen der unsäglichen Moped-Begrenzung auf 45 km/h schlagartig ab – der Fahrer hat nach erfreulich kräftiger Beschleunigung das Gefühl, gegen eine Gummiwand zu fahren. Der Unu dagegen läuft in ruhigem Übergang in den Begrenzer und legt dabei noch eine Schippe drauf: 49 km/h Höchstgeschwindigkeit unter Ausnutzung aller Toleranzen. Der wohltuend analoge und gut ablesbare Tachometer in Form eines Schlüssellochs zeigt dann 51 an.

          Weil der Gesetzgeber es so will, gilt das Limit für alle drei Motorvarianten, sie unterscheiden sich nur am Berg und in der Beschleunigung. Unser Roller war die mittlere Version mit einem 2000 Watt starken Radnabenmotor von Bosch (der Niu hat 2400 Watt), dann kostet der Unu noch nicht einmal 2300 Euro. Die schwächste für 1800 Euro hat 1000 Watt, die wollen wir mal vergessen, denn der Unu ist für zwei Personen zugelassen, und wenn der Roller an der Kreuzung verhungert, hört der Spaß auf. Charakteristisch für Elektromotoren ist der gleichmäßige Drehmomentverlauf, an leichten Steigungen wird der Unu kaum langsamer. In der Ebene reicht eigentlich der mittlere Motor, laut Anbieter soll unser Testexemplar sogar 20 Prozent Steigung schaffen – das geht wohl, allerdings verlor er an den steilen Hängen im Taunus erheblich an Schwung. Wer also flott bergan oder zu zweit unterwegs sein will, greift am besten zur Version mit 3000 Watt, sie gehört mit einem Preis von 2800 Euro immer noch zu den preisgünstigsten vergleichbaren Elektrorollern.

          Unser Roller war die mittlere Version mit einem 2000 Watt starken Radnabenmotor von Bosch. Bilderstrecke

          Wobei die Vergleichbarkeit im Akku liegt, andere Billigexemplare haben meist eine simple Bleibatterie. Der Unu wird mit einem Lithium-Ionen-Stromspeicher ausgeliefert, der eine Kapazität von 28,5 Ah und eine Spannung von 50,4 Volt hat. Er wiegt 9,45 Kilo und kann mit einem Handgriff unter der Sitzbank hervorgeholt werden. Der Verschluss rastet sauber und zuverlässig ein. Geladen wird in der Wohnung, dabei wird das nicht gekühlte Ladegerät recht heiß. Nach gut fünfeinhalb Stunden war der Akku mit 1,4 kWh wieder gefüllt, 70 Prozent sollen aber schon nach zwei Stunden wieder drin sein. LED an der Oberseite informieren über den Ladeverlauf. Der Anbieter verspricht tausend Ladezyklen, dann sollen noch 70 Prozent der Kapazität verfügbar sein.

          Vor der Eisdiele erntet man neugierige Blicke, und gelegentlich traut sich mal einer zu fragen: Wie weit kommt man damit? Der Hersteller verspricht bis zu 50 Kilometer, und das ist nun einer der raren Fälle, in denen die Praxis die Ankündigung übertrifft. Nach 47 Kilometern begann die Leistung spürbar nachzulassen, ab Kilometer 51 war nur noch Schleichfahrt möglich, der Unu kapituliert dann vor dem kleinsten Hügel. Eine Fahrt von Frankfurt nach Berlin verschlingt also weniger als fünf Euro – billiger geht’s nur mit dem Fahrrad, man muss halt eine Woche Zeit mitbringen. Wem das Stromangebot nicht reicht: Für 690 Euro lässt sich ein zweiter Akku erwerben, der die Reichweite verdoppelt und ebenfalls unter der Sitzbank Platz findet – dann geht allerdings nur noch eine Brieftasche hinein, wenn die Stromspeicher zum Laden herausgenommen sind, reicht es für den Helm. Jener findet zusammen mit dem der Sozia eine sichere Unterkunft an der Sitzbank, gehalten an seinem Verschlussring durch einen Noppen, der ihn fixiert.

          Sagen wir es offen: Der Unu ist 67 Kilo leicht und winzig. Also wie geschaffen für kleine Menschen. Im Team des Anbieters gibt es Leute mit Gardemaß 190 Zentimeter, die angeblich damit zurechtkommen. Das mag sein, der Autor dieser Zeilen empfand schon mit einer Handbreit weniger Körpergröße die Knie zu nah an den Ohren. Man gewöhnt sind dran, wie auch an die Knochenhärte solcher Gefährte, immerhin ist die Sitzbank weich. Was es nicht gibt sind diverse Fahrprogramme, und wir stellen hier leidenschaftslos fest, dass sie nicht vermisst werden. Warum freilich in einem solch modernen Gefährt im Hauptscheinwerfer ein schlichtes Bilux-Birnchen sein Dasein fristet, ist unverständlich, im Zeitalter der Lithium-Akkus hätte es dort auch eine LED mit dem halben Stromverbrauch oder der doppelten Lichtausbeute getan.

          Die Bremse ist gewöhnungsbedürftig. Der Unu segelt dahin, bis der rechte Hebel gezogen wird, dann schaltet sich zunächst der Generator heftig zu und rekuperiert. Ist der Akku voll, tut sich freilich nicht viel, die Wirkung der Scheibe und die der hinteren Trommel ist mäßig. Schön dagegen die Ablage und der Transporthaken zwischen den Beinen, auf die Abstellfläche passt ein Sechserkasten Äppler, das ist wahre Größe. Elektroroller wie der Unu verdienen als Stadtgefährt eine weitere Verbreitung. Verkaufsförderung ohne Subventionen ist möglich: Wie wäre es mit einer Entschränkung auf 60 km/h?

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