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Elektroräder im Vergleich : Und vergib uns den Motor im Mountainbike

  • -Aktualisiert am

Das Haibike Xduro Nduro Pro26 Bild: Hersteller

Bulls, Focus, Felt und Haibike stellen neue Modelle vor. Die Frage ist nicht mehr, ob mit E-Motor oder nicht. Sondern mit wie viel Power und Federweg sie unterwegs sind.

          4 Min.

          Welch ein Februar! Der Vorgarten steht voller Krokusse. Man kommt sich im Göttinger Stadtwald und auf dem Kerstlingeröder Feld vor, als sei man schon im Frühjahrstraining auf Mallorca. Und ist man tatsächlich dort, zieht man schwitzend die Jacke aus und lässt sich die Sonne auf die noch blassen Arme und Beine scheinen. Vier Tage Sonnenschein, mehr als vier Mountainbikes von den vier Marken Bulls, Focus, Felt und Haibike, und alle haben sie einen Motor, verschiedene Elektro-Antriebe und ganz verschiedene Charakteristiken.

          Unterwegs in der Halle und im Gelände

          Die ZEG mit ihrer Sportmarke Bulls macht an einem noch kühlen Morgen den Anfang des Reigens von Probefahrten in einer Halle in Rheinbreitbach. Dort stieben gewöhnlich Elektro-Enduros der Machart KTM Freeride E (30 PS, 45 Newtonmeter, 95 Kilogramm samt dem 300-Volt-Akkupack) über die festgestampfte Buckelpiste und durch überhöhte Kurven. Ist solch ein geschlossenes Enduro-Areal die Zukunft des Mountainbikes mit elektrischem Hilfsantrieb? Es gibt solche Befürchtungen (siehe Kasten unten) und sicher auch genau darauf gerichtete Bestrebungen, aber es wäre schade drum.

          Das Bulls Six50-E FS 3

          Nicht, dass ein Six50E FS 3 von Bulls in der Halle etwa keinen Spaß machen würde. Das Fully mit 120 Millimeter Federweg vorn und hinten und dem „Performance Line“-Mittelmotor von Bosch an der Tretkurbel und 0,25 kW für rund 20 Kilogramm Fahrzeuggewicht (mit 400-Wh-Akkupack) macht jede Menge Laune zum Preis von rund 3700 Euro. Gefahren wird zunächst eine „verschärfte“ Variante - sozusagen Chip-Tuning: An der Motorleistung des zulassungsfreien Pedelecs, das sogar ohne Helm gefahren werden dürfte, was aber kein vernünftiger Mensch tun wird, ist nichts verändert. Aber wie der Antrieb seine Unterstützung der menschlichen Tretarbeit beisteuert, nämlich rascher und heftiger als bei der in die Läden gelangenden Version des Rades, das wurde radikalisiert. Der Unterschied ist deutlich: Auch die zahmere Version hilft einem zuverlässig die steile Rampe zu dem aufgeschütteten Plateau hinauf, aber man muss nicht so sehr aufpassen, dass ein Tritt zu viel zur falschen Zeit einem das Hinterrad seitlich wegschmieren lässt.

          Hersteller Focus bringt Mountainbikes mit neuem Antrieb

          Tags drauf stiebt an der Cala d’Or der Schotter, aufgewirbelt unter den 650B-Noppenreifen von Schwalbe, wenn der neue Antrieb Impulse 2.0 von Derby Cycle in den Modellen Jarifa (Hardtail) und Thron (Fully) der Marke Focus unterstützend eingreift. Eins der neuen Details an dem 36-Volt-Mittelmotor ist der „Shift Sensor“, der noch mehr als im Antriebsstrang der Montainbikes bei Rädern mit Nabenschaltung wie etwa dem kompakten Stadtrad Kalkhoff Sahel eine besondere Rolle spielt: Sobald man schaltet, wird dies erkannt, und der Motor unterbricht seine Tätigkeit für einen Sekundenbruchteil. Richtwert seien dafür, wurde gesagt, 250 Millisekunden.

          Das Focus Thron mit dem neuen Antrieb Impulse 2.0

          Die praktische Erfahrung zeigt auch hier: alles Einstellungssache. In dem einen Rad merkt man so gut wie nichts, man schaltet einfach, auch unter Last. In einem anderen Exemplar desselben Modells legt der Antrieb sozusagen eine deutlich spürbare Gedenksekunde ein, wenn man den Gang wechselt. Man darf dem allerersten Fahreindruck also keineswegs unkorrigierbar glauben. Noch etwas wurde an der von der Eigenentwicklung bis zur Herstellung als „hundert Prozent Made in Germany“ beworbenen zweiten Auflage des Impulse-Antriebs verändert: Die Rücktrittbremse, die Derby Cycle 2011 - natürlich nicht bei den Mountain Bikes, sondern bei den Elektrorädern der Marken Kalkhoff und Raleigh - einführte, greift nun weicher und besser dosierbar. Impulse 2.0 machte in dem Hardtail Jarifa einen knackigeren Eindruck als im Thron, von dem es eine bis 45 km/h unterstützende schnelle Variante mit Versicherungspflicht geben wird.

          Das neue Haibike-Modell ist schon ausverkauft

          Für das Freeride- oder Enduro-Bike von Haibike ist jedes Werben überflüssig: Das 6500 Euro teure Xduro Enduro Pro ist beim Hersteller schon ausverkauft. Das Fully mit vorn und hinten fabelhaften 180 Millimeter Federweg (Fox 36 Talas RC2 und Fox CTD X) und dem Perfomance-Line-Motor von Bosch wird als Alternative zum Gipfelerklimmen mit dem Lift angepriesen: „No lift, but fun!“ Den wahren Fahrspaß entwickelt das Rad in halsbrecherischen Abfahrten, bei denen es mehr verkraftet, als sich der Probefahrer traute. In zahmerem Gelände bewegt, ist es ein sehr leicht zu handhabendes Bike mit einer ausgesprochen angenehmen Sitzposition. Komplett neu entwickelt wurde der Hinterbau mit dem zum Patent angemeldeten „Sprocket Equalizing System“: Eine Umlenkrolle reduziert trotz des kleinen Motor-Ritzels und des großen Federwegs Antriebseinflüsse wie etwa Pedalrückschlag. Gut gefallen hat an dem Rad auch das dicke Paket der elf Ritzel einer Sram XX1 im Hinterrad.

          Jafira, die Hardtail-Variante der Marke Focus, ebenfalls mit dem Antrieb Impulse 2.0

          War das Nduro von Haibike von der Technik her betrachtet etwas ganz Besonderes, so war das ungewöhnlichste Mountainbike mit Elektromotor tags zuvor das Lebowsk-e von Felt gewesen. Der Name dieses Fatbikes des deutsch-amerikanischen Herstellers spielt auf den „Dude“ in der Filmkomödie „The Big Lebowski“ an. Das Rad verkörpert die Mode, die gerade mit Macht aus den Vereinigten Staaten zu uns herüber kommt und für viele abkupfernde Hersteller spätestens auf der Eurobike im Sommer zum Pflichtprogramm gehören wird. Ein völlig ungefederter Mountainbike-Rahmen, dessen Hauptaufgabe es ist, mit geradezu riesigen Durchlässen die vier Zoll breiten Ballonreifen zu beherbergen. In denen steckt - wenn sie erstaunlich schlapp aufgepumpt sind - aller Federweg, den das Rad zu bieten hat.

          Wie andere Fat-Bikes sieht das Lebowsk-e beinahe zum Fürchten schwerfällig aus. Wer sich drauftraut, erlebt, dass das von Felt ebenfalls mit der Performance Line von Bosch in Kombination mit der XX1 von Sram motorisierte Rad nichts weniger als behäbig ist. In Anbetracht der Reifendimensionen möchte man es geradezu wendig nennen. Und dieses Rad marschiert durch Schnee, Matsch und grundlose Pfützen genauso wie es geradlinig über Schotter, Sand, Wurzelwerk, Äste oder loses Laub rollt: unerschütterlich. Selbst auf Untergründen, die dem Fahrer unangenehm sind, vermittelt es ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität, das denken lässt, es stütze sich auf mehr als zwei Räder. Dass die breiten Reifen enorme Mengen von Schmutz und Steinchen fassen und bei erster Gelegenheit von sich schleudern, sei nur nebenbei angemerkt. Allerdings sind die großen Zerstörungen der Waldwege, wie sie das Foto nebenan zeigt, nicht dem noch preislosen seriennahen Prototypen des wohl im Sommer in die Läden kommenden Lebowsk-e anzulasten. Das waren Holz rückende Forstfahrzeuge und keine Biker.

          Das Felt Fatbike Lebowsk-e im Gelände

          Nicht übertreiben

          „Wir müssen darauf achten, dass wir die Faszination Mountainbike weiter leben dürfen.“ Als ehemaliger Mountainbike-Profi, Enduro-(Motorrad)-Fahrer und Berater von Bulls weiß Gerrit Gaastra genau, wovon er spricht. Das Mountainbike mit E-Motor macht enorm Spaß und mobilisiert auch Menschen, die ohne Hilfsmotor kaum auf einem Fahrrad im Wald unterwegs wären. So steigt die Zahl der Radfahrer im Gelände, und sie dringen in Höhen und Lagen vor, in die sie vorher ohne Motor niemals gelangt wären - um als tollkühne Downhill-Fahrer ins Tal zu donnern. Diese Entwicklung birgt einiges Konfliktpotential. Die Hersteller kennen die Thematik. Doch der Markt für eine neue Spielart des Sports ist da, die Nachfrage ist trotz saftiger Preise enorm - manche Hersteller melden ihre 2014er-Modelle schon jetzt als ausverkauft. Kein Hersteller will da auf E-Mountainbikes verzichten. Was also tun? Vor allem: Miteinander reden - statt dass die einen illegal Sprungschanzen im Wald bauen und die anderen Bäume quer über unerlaubte Trails fällen. Das Bewusstsein für verantwortungsvolleren Umgang mit E-Mountainbikes muss geschärft werden. Die Sportler haben es durch ihr Verhalten selbst in der Hand, ob das Mountainbike auch künftig in freier Natur seine Faszination entfalten darf. „Wir müssen aufpassen, dass es uns nicht irgendwann so ergeht wie den Enduro-Fahrern, die nur auf abgesperrten Arealen fahren dürfen“, warnt Gerrit Gaastra. (Susanne Braun)

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