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Elektroräder : Besser Steher als Sitzenbleiber

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Alle mal herhören, sind die Pedelecs eingeschaltet? Die Vielfalt der Elektroräder wird erahnbar Bild: Kay Tkatzik

Eine Million Elektrofahrzeuge rollen längst auf unseren Straßen: Fahrräder, schneller und schwerer als andere. Zeit für ein Fahrsicherheitstraining mit Pedelecs.

          Machen wir uns nichts vor: Die Veranstaltung am Berliner Lietzensee, um die es hier geht, ist blanker Lobbyismus. Das war allerdings knapp ein Jahr zuvor ganz genauso, als die Unfallforscher der Versicherungswirtschaft die Pferde scheu machten: Man ließ sehr effektvoll ein Elektrorad mit einem Dummy drauf rechtwinklig bei 45 km/h in die A-Säule eines Kombis krachen. Und verkündete anschließend einer geziemend erschütterten Öffentlichkeit, dass ein solcher Unfall nur tödlich ausgehen könne. Daran war nicht zu zweifeln, wohl aber am Nutzen einiger daraus abgeleiteter, für die Versicherungswirtschaft einträglicher Forderungen: unter anderem nach einer neuen Fahrzeugklasse mit Vmax 30km/h, mit Versicherungskennzeichen und natürlich Helmpflicht.

          Auch am Lietzensee, beim Fahrsicherheitstraining mit Pedelecs und schnellen Elektro-Leichtkrafträdern der Klasse L1e, herrscht Helmpflicht. Veranstalter ist der Göttinger Pressedienst Fahrrad, der dem guten Fahrrad mehr Öffentlichkeit zu verschaffen sucht, speziell da, wo die veröffentlichte Meinung immer noch von Drahteseln, Pedalrittern oder Kampfradlern daherschmockt. Die Instruktoren Thomas Danz und Jan Marc Zander kommen von Trailtech (www.trailtech.de), wo man sich bei Fahrtechnikseminaren im Nordharz fürs Mountainbiking fit machen lassen kann.

          In der ersten Trainingseinheit wird bremsen geübt

          Die elektrifizierten Räder, die in Berlin gefahren werden, sind ein bunter Querschnitt dessen, was der Markt hergibt - nicht vollständig, aber doch so vielfältig, dass jedem sofort klar wird: Das Elektrorad gibt es nicht. Die Bauformen reichen vom Hollandrad bis zum Mountainbike mit Motor, vom kompakten Stadtwiesel bis zum Dreirad. Als Marken sind der Schweizer Marktführer Biketec mit etlichen Flyer-Modellen genauso vertreten wie Riese und Müller mit den vollgefederten Hybridrädern, Koga aus den Niederlanden genauso wie HP Velotechnik, der Liegeradspezialist aus Kriftel.

          In den Armen federnd und aus dem Sattel gehend - so verliert auch eine trotz Vollfederung mit Rumsen überrollte Treppenstufe ihren Schrecken Bilderstrecke

          Wenn die Gefährlichkeit von Elektrorädern beschworen wird, dann ist es immer wieder das höhere Tempo der Fahrräder mit elektrischer Motorunterstützung, das als argumentativer Hebel angesetzt wird. Ein 90-Grad-Crash, wie der anfangs erwähnte zwischen Dummy und Kombi kann sich allerdings mit oder ohne Motor ereignen - typischerweise, wenn der Autofahrer dem Radfahrer die Vorfahrt nimmt, weil er ihn übersehen hat. Dann kommt es darauf an, mit dem Fahrrad eine gekonnte Vollbremsung hinlegen zu können - ohne sich selbst hinzulegen. Das gilt erst recht mit einem Pedelec, doch nicht wegen des höheren Tempos, sondern weil das Elektrorad deutlich schwerer ist als ein nur pedalbetriebenes Fahrrad. Folgerichtig wird in der ersten Trainingseinheit bremsen geübt.

          Doch bevor es so weit ist, lernt die so ziemlich alle Alters- und Erfahrungsstufen repräsentierende Teilnehmerschar, dass man sich mit seinem Fahrzeug vertraut machen muss: An einem Elektrofahrrad ist eben ein bisschen mehr dran als an dem Torpedo-Dreigang-Zossen daheim - und sei es nur der Hauptschalter für die Elektrik, den Bosch an den Akku verlegt hat, und wofür Riese und Müller ein Guckloch in den Rahmen des Culture Hybrid designten. Man sollte nicht nur wissen, wie man welchen Unterstützungsmodus für die ersten Fahrversuche wählt, man muss sich sein Fahrzeug auch anpassen. Wer seine Bremsgriffe nicht dem Greifvermögen seiner Hände entsprechend einstellt, kann nicht effektiv bremsen. Wer zu hoch sitzt, wird nachher kaum aus dem Sattel kommen. Und das muss er, wenn er das Trainingsziel erreichen will: aktiv Fahrrad zu fahren und nicht passiv die Fahrzustände auszusitzen, die Fahrbahn und E-Bike aufzwingen.

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