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Elektromarke Zero : Motorrad-Power aus der Steckdose

  • -Aktualisiert am

Die Elektromotorräder wollen keine Fahrräder mehr sein Bild: Hersteller

Nach Jahren am Nullpunkt peilt Zero höhere Ziele an. Man will endlich als ernsthafter Motorradhersteller wahrgenommen werden. Ein Investor hat 26 Millionen Dollar lockergemacht. Ein Besuch in Kalifornien.

          3 Min.

          Behauptete gegenüber den Verantwortlichen des amerikanischen Unternehmens Zero („Null“, steht für null Emissionen) jemand, der kleine Hersteller von Elektromotorrädern stehe auch in seinem sechsten Jahr noch am Nullpunkt, gäbe es sicher heftigen Widerspruch. Aber zumindest für die europäischen Märkte lässt sich über die Zahl der ausgelieferten Fahrzeuge kaum etwas in Erfahrung bringen, was die Vermutung nährt, sie sei sehr gering. Nun peilt Zero höhere Ziele an, in Amerika wie in Europa. Man will endlich als ernsthafter Motorradhersteller wahrgenommen werden, und zwar global. Der geldgebende Investor hat 26 Millionen Dollar lockergemacht.

          Das Angebot an Straßenmotorrädern mit E-Antrieb ist bisher äußerst überschaubar. Aus europäischer Hand ist allein das Quantya aus der Schweiz lieferbar, das mit etwa 80 km/h Höchstgeschwindigkeit an die Fahrleistungen eines 125-Kubik-Leichtkraftrads kaum herankommt. KTM entwickelt momentan sein „Freeride“, das 2012 präsentiert werden könnte. Von anderen europäischen Herstellern, auch aus Fernost, ist uns nichts bekannt. Vergleichsweise stark engagieren sich amerikanische Hersteller: Brammo aus Oregon hat die Modelle Enertia (seit 2009) und Empulse (seit 2010) im Programm - sie werden aber noch nicht nach Europa geliefert. Zero Motorcycles, im kalifornischen Santa Cruz zu Hause, hat schon 2006 die ersten 26 Motorräder herangeschafft, im Jahr darauf 225. Belastbare Zahlen für die Folgejahre fehlen. Derzeit umfasst die Modellpalette fünf Typen, zwei davon haben seit dem vergangenen Jahr eine EU-Betriebserlaubnis und sind damit, wie das Quantya, praktisch in ganz Europa zulassungsfähig.

          Zero - das war bisher die Idee eines ziemlich grün angehauchten Mannes namens Neil Saiki. Stark vom Mountainbike beeinflusst, konzipierte der Erfinder des muskelkraftbetriebenen Helikopters betont filigran gebaute Leichtmotorräder mit Elektroantrieb. Doch den Markt überzeugte Saikis Ansatz nicht. Mögen in den Vereinigten Staaten seit der Zero-Premiere auch vierstellige Verkaufszahlen erreicht worden sein, so zeigte sich doch, dass die „X“ und „MX“ genannten Geländemodelle nicht Fisch und nicht Fleisch waren. Nur ein Beispiel: Für die Bremsanlagen waren Mountainbike-Komponenten vorgesehen. Anfang 2010, zwei Jahre nach dem Einstieg, wurde den Investoren klar: So kann es nicht weitergehen, man braucht Motorrad-Knowhow, um zum Erfolg zu kommen.

          Die Motorräder des Jahrgangs 2011 haben stärkere Bremsen, neue Verkleidungen, bessere Rückspiegel und Batterien

          Das Fahrrad-Gefühl ist weg

          Deshalb wurden neue Leute geholt. Ein Brite mit Triumph-Erfahrung wurde zum Geschäftsführer, ein Amerikaner mit Motorsport-Vita sowie Vertriebs- und Marketingkenntnissen zum Marketingchef gemacht. Von der Harley-Tochter Buell, damals gerade zugesperrt, holte man einen Entwickler. Seit knapp einem Jahr arbeitet die Mannschaft an der neuen Firmenpolitik und Modellpalette. Nun sind die Motorräder des Jahrgangs 2011 fahrfertig und verfügbar. Gesamteindruck: Zero hat in kurzer Zeit viel gelernt, denn der Schritt in Richtung „echter“ Motorräder ist erkennbar vollzogen. Das Fahrrad-Gefühl ist weg, Saiki seit kurzem auch. Und vor wenigen Tagen stellte zudem der bisherige Vorstandsvorsitzende seinen Posten zur Verfügung.

          Eine „Weltmarke“ soll aus Zero werden, mit Hilfe der 26 Millionen Dollar, welche die Investmentgesellschaft Invus in das Unternehmen pumpt. Ein neuer, größerer Firmensitz wird in diesen Tagen bezogen. Die Montage der E-Bikes, bisher in Südostasien angesiedelt, erfolgt schon im neuen Gebäude, rund 100 Kilometer südlich von San Francisco. „,Made in America' ist ein Gütesiegel“, meint Marketing-Boss Scot Harden. Alu-Rahmen und Akkus werden weiterhin aus Taiwan bezogen, Kabelbäume, Bremsen, Räder und Verkleidungsteile jedoch künftig von amerikanischen Zulieferern, ebenso die pflegeleichten Zahnriemen, mit denen die Modelle „S“ und „DS“ statt einer Kette neuerdings ausgerüstet werden. Sieben Mitarbeiter montieren zur Zeit zehn, zwölf Fahrzeuge am Tag. Insgesamt beschäftigt Zero rund 65 Leute am Stammsitz plus eine Handvoll in der Europa-Niederlassung. Als Produktionsziel für 2011 nennt die Unternehmensleitung 1200 Fahrzeuge; 35 bis 50 Prozent davon sollen nach Europa gehen.

          In zwei Stunden aufgeladen

          Die Motorräder des Jahrgangs 2011 haben stärkere Bremsen, neue Verkleidungen, bessere Rückspiegel und Batterien, die dem Hersteller zufolge 12,5 Prozent leistungsfähiger sind als die bisherigen. Fahrwerkskomponenten wie Gabeln und Federbeine wirken nun angemessen dimensioniert. Das Gewicht stieg ebenfalls, ist mit 135 Kilogramm im Fall der Typen „S“ und „DS“ (für diese beiden liegt eine EU-Betriebserlaubnis vor) aber immer noch gering. Die Maximalgeschwindigkeit wird mit 93 km/h angegeben, die Reichweite - sie ist stark von der Fahrweise abhängig - mit bis zu 70 Kilometer. Prüfen konnten wir diese Angaben bisher nicht. 1800 Ladezyklen (entsprechend 112.000 Kilometer Gesamtlaufleistung) werden versprochen.

          Um die Verkäufe in Europa anzukurbeln, sollen auch die Geländemodelle „X“ und „MX“ sowie das jetzt präsentierte Straßenmotorrad „XU“ mit einer EU-Betriebserlaubnis ausgestattet werden. Für das nur 99 Kilo wiegende XU (7995 Euro) ist ein textiles Heck-Gepäcksystem lieferbar. Sein Lithium-Ionen-Akku lässt sich mit wenig Mühe entfernen und zum Laden mit in die Wohnung nehmen. Nach zwei Stunden - mit optionaler Schnellladeeinrichtung 60 Minuten - sollen die Stromspeicher wieder voll sein. Zu bestellen sind die Zeros ausschließlich via Internet (www.zeromotorcycles.com). Ausgeliefert werden sie dann von Händlern, die Zero speziell dafür in Anspruch nimmt.

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