https://www.faz.net/-gy9-9bbm4

Elektroautos Mission E : Porsches Stromschnellen

  • -Aktualisiert am

Cross Turismo heißt das Konzept, mit dem Porsche Familienväter und Vielfahrer ködern möchte. Bild: Hersteller

Porsche baut den elektrischen Taycan und plant schon den nächsten Schritt. Der Cross Turismo ist ein spannendes Konzept. Wir drehten eine erste Runde.

          Porsche ist im Umbau, und das in jedem Sinne. Im wörtlichen, weil der Stammsitz Zuffenhausen zurzeit eine einzige Baustelle ist und sie mitten in der Stadt ein neues Werk aus dem Boden stampfen. Und im übertragenen, weil der Sportwagenhersteller seinen Weg in die Zukunft sucht und sein Heil in der Elektromobilität finden will. Sechs Milliarden Euro investiert die VW-Tochtergesellschaft dafür bis zum Jahr 2022 und will mittelfristig mindestens 25 Prozent ihres Absatzes mit Akku-Autos machen.

          Das erste Modell, das von diesem Geld entwickelt und in der neuen Fabrik im Herzen der Heimat gebaut wird, hat gerade seinen Arbeitstitel Mission E eingebüßt und den Namen Taycan bekommen. Dieses „lebhafte, junge Pferd“ soll zum Tesla-Konkurrenten werden und das neue Image von Porsche prägen. Abgesehen vom alternativen Antrieb und dem futuristischen Ambiente wird der Taycan deshalb ein Porsche alten Schlages, sagt Stefan Weckbach, der die Mission E leitet und die neuen Elektromodelle als Baureihenchef verantwortet. Wie jeder Porsche soll der elektrische Erstling in der Dynamikwertung ganz vorne fahren. Und als stilprägendes Modell soll er aussehen wie ein Sportwagen.

          Weil Weckbach weiß, dass er dafür im Platzangebot und mithin in der Alltagstauglichkeit Kompromisse eingehen muss, hat er schon eine Ergänzung parat: Cross Turismo heißt das Konzept, mit dem er Familienväter und Vielfahrer ködern möchte. Bisher gab es diesen Shooting Brake mit Pfadfinder-Kluft und erhöhter Bodenfreiheit nur auf Messen zu sehen. Doch um die Zeit bis zum Serienstart des Taycan Ende nächsten Jahres zu überbrücken und zugleich ein bisschen Werbung für das weiterentwickelte Konzept eines Audi Allroad im Porsche-Trim zu machen, hat Weckbach die Mischung aus Panamera und Cayenne jetzt schon mal auf die Straße entlassen und zum Test gebeten.

          Den besteht der Cross Turismo mit Bravour. Erstens, weil man bei knapp fünf Meter Länge und beinahe drei Meter Radstand im Fond mindestens so gut sitzt wie im langen Panamera und es dahinter einen Kofferraum gibt, der diesen Namen verdient. Zweitens, weil man sich im von allen Knöpfen befreiten, digitalen Cockpit mit gleich drei Touchscreens bis vor den Beifahrer und einem großen Bildschirm hinter dem Lenkrad auf Anhieb zurechtfindet. Und drittens, weil die Mission Strom fährt, wie es sich gehört: schnell und scharf.

          Knapp fünf Meter Länge und beinahe drei Meter Radstand. Bilderstrecke

          Mit zwei Motoren von zusammen mehr als 600 PS wird ein Wert von weniger als 3,5 Sekunden für den Standardsprint versprochen. Während Konkurrenten wie der Jaguar I-Type bei 200 km/h abgeregelt werden, darf der Cross Turismo mehr als 250 km/h rennen. Und das nicht nur einmal, sondern mehrfach und über lange Zeit, sagt Weckbach. Wozu steckt im Bauch ein Akkupaket von etwa 90 kWh? Weshalb sonst sollte man sich zumindest daheim bald 24 Stunden gedulden, bis der Akku geladen ist, wenn man danach Kompromisse eingehen müsste?

          Sport definiert sich im Cross Turismo nicht allein über das Spurtvermögen. Das Elektroauto überrascht auch mit seiner Querdynamik. Mit einem tieferen Schwerpunkt als der des 911, mit einem Allradantrieb mit voll variabler Kraftverteilung und mit Allradlenkung ist der Koloss überraschend handlich. Anders als die der meisten Studien sind die Fahrleistungen des Cross Turismo keine Fabelwerte. Was die Theorie verspricht, löst das millionenschwere Einzelstück in der Praxis ein. „Wir haben kein großes Modell mit Hilfsmotor gebaut, sondern ein echtes Auto“, sagt Weckbach. Wofür ist er Herr über Hunderte Prototypen, mit denen seine Mannschaft den Taycan erprobt. Einen davon hat er für den Cross Turismo geopfert und die Serientechnik mit der Karosserie der Studie gekreuzt. So kann der Mann erfolgreich für den Systemwechsel hin zum Elektroantrieb werben. Denn wer einmal mit dem Cross Turismo auf Achse gegangen ist, dem fehlt außer dem typischen Boxerklang nicht viel zum echten Porschegefühl. Und den gibt es schließlich in Cayenne oder Panamera auch nicht mehr.

          F.A.Z. Digitec: jetzt testen!
          F.A.Z. Digitec: jetzt testen!

          Nehmen Sie die digitale Zukunft selbst in die Hand.

          Mehr erfahren

          Bliebe noch die Frage nach dem guten Geschmack. Aber die ist bekanntlich subjektiv. Es gibt Menschen, die sehen in der Studie eine elegante Zukunft, andere eine missglückte Fingerübung. Offiziell gibt es für den Cross Turismo noch keine Produktionsfreigabe, das bisherige Echo war laut Weckbach gespalten. So begeistert Europäer und Asiaten auf das Konzept reagiert hätten, so zurückhaltend sei die Reaktion unter Amerikanern. Die fremdeln mit dem Kombi und rufen nach mehr SUV, fasst er die Kritik zusammen. Aber der Baureihenleiter muss nur auf die konventionellen Autos schauen, dann weiß er, dass er mit einem Sportwagen allein nicht viel ausrichten kann. Die Modelle Macan und Cayenne verkaufen sich besser als Boxster, Cayman und 911.

          Deshalb lässt Designchef Michael Mauer das Konzept auch schon überarbeiten, und beide sind guter Dinge, dass es doch noch was wird mit dem Cross Turismo. Ersterer, weil er noch nie eine Studie von Porsche gezeigt hat, die es nicht in Serie geschafft hat. Und Letzterer, weil der Cross Turismo so einfach zu bauen wäre. „Das ist ein weiterer Vorteil der Elektromobilität und unserer Architektur“, sagt Weckbach. Weil die gesamte Technik im Unterboden verschwindet, lässt sich vergleichsweise schnell und günstig ein neuer Hut über die Plattform stülpen. Schon ein Jahr nach dem Taycan könnte der Elektriker unter den SUV deshalb starten. Dass Porsche auch dann noch eine einzige Baustelle ist, störte nicht weiter. Nicht umsonst hat der Cross Turismo eine Handbreit mehr Bodenfreiheit und serienmäßig Allradantrieb.

          Weitere Themen

          So wird die Schiene schlauer

          Deutsche Bahn : So wird die Schiene schlauer

          Die Bahn holt sich neue Ideen von außen in den Konzern. Vom Innovationsmanagement sollen auch Instandhaltung und Betrieb des 33.400 Kilometer langen Netzes profitieren.

          Nur die Ruhe

          Solar-Katamarane : Nur die Ruhe

          Die großen Solar-Katamarane von Silent Yachts sind ziemlich einzigartig. Nirgendwo sonst ist Luxus so elektrisch.

          Topmeldungen

          Klimaaktivistin : Das Team hinter Greta

          Vor einem Jahr hat die schwedische Teenagerin Greta Thunberg ihre Schulstreiks begonnen. Heute ist sie weltberühmt und segelt über den Atlantik. Wir zeigen die Leute hinter ihr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.