https://www.faz.net/-gy9-9p1h4

Hybridantrieb : Kuriose Kolosse und verkannte Hybride

  • -Aktualisiert am

Aufgeschnitten: Toyota Prius mit Hybridantrieb. Die Kombination aus Benzin- und Elektromotor sorgt für niedrigere Verbrauchswerte. Bild: Hersteller

Der Hybridantrieb ist nicht mehr gewollt, hat aber gegenüber dem reinen Elektroantrieb viele Vorteile. Mit zwei Herzen fährt er gut für Spatzendurst.

          Im Rennen und Ringen um den Antrieb für das Auto der Zukunft liegt der Elektromotor aktuell in erster Position. Das ist erstaunlich, sind doch die Nachteile des rein batterieelektrisch bewegten Automobils seit langem bekannt. Doch zwei maßgebliche Einflussparteien setzen immer stärker sehr einseitig auf den Elektroantrieb: So gibt die Politik mit strengeren Grenzwerten für die Schadstoffe im Abgas jene Linien vor, die nach dem aktuellen Stand der Technik in der großen Serie nur mit batterieelektrischem Antrieb zu erreichen sind.

          Das nützen Teile der Autoindustrie in ihrem eigenen Interesse aus. Sie treiben die mit gigantischen Investitionen verbundene und im Kern durchaus beherrschbare Elektrotechnik massiv voran. Dadurch besetzen sie jene künftigen Geschäftsfelder, die hohe Profite durch den Verkauf der teuren Elektroautos versprechen. Dadurch entstehen immer häufiger Vehikel mit Stromantrieb, die zur Luftverbesserung in den Städten zwar geeignet wären, aber durch Gewicht und daraus folgender Hochleistung viel zu teuer sind. Automobile wie die Tesla-Modelle, wie Audi E-Tron oder Mercedes EQC mit Preisen von 70000 bis weit jenseits der 100.000 Euro werden zwar begeisterte Fahrer finden. Sie zu fahren ist jedoch ein faszinierendes Kuriosum, aber zur Luftverbesserung können sie aufgrund ihrer geringen Menge im Verkehr der Massen kaum beitragen. Und sie führen riesige Batteriepakete mit sich, die 600 bis gut 700 Kilogramm auf die Waage bringen. Gewichte, vor denen die aufs Abspecken geeichten Automobilentwickler bisher Symptome schweren Schüttelfrosts zeigten.

          Kraftsysteme auf dem Abstellgleis

          Dieser darf beim Elektroauto nicht aufkommen: Denn beim aktuellen und in naher Zukunft geltenden Stand der Technik sind diese Batteriemonster wegen der hohen Leistung in den Elektro-Vehikeln nicht zu vermeiden. Nicht zuletzt deshalb warten die neuen Elektro-Anführer der Autoindustrie mit Leergewichten von zwei bis zweieinhalb Tonnen auf. Menschen, die es gut meinen mit der elektrischen Mobilität, sagen, nur Geduld, diese Monster seien nur der Anfang, alsbald fahren die Normal-Modelle vor, ihr Angebot wachse täglich. Aber wollen die Kunden einen Opel Corsa mit Elektroantrieb, der ein Kleinwagen zu 30.000 Euro ist? Oder einen Volkswagen im Golf-Format zu 40.000 Euro? Nur dort, wo hohe Subventionen wie in Norwegen oder totalitär-staatlicher Druck wie in China die Batterieautos in den Markt presst, da steigen ihre Zulassungsquoten rascher.

          Wobei diese weitgehende Fixierung auf den tatsächlich vor allem im Betrieb sauberen Elektroantrieb andere Kraftsysteme im Auto umstandslos aufs Abstellgleis schiebt. So wird die mobile Stromversorgung aus der mitgeführten Brennstoffzelle weitgehend eher als Alibi-Entwicklung vorangetrieben. Auch die Plug-in-Hybrid-Technik mit den an der Steckdose aufladbaren Akkus wird von der deutschen Autoindustrie nur am Rande wahrgenommen. Fast komplett ignoriert wird hierzulande jene Technik, die im Auto die elektrische Kraft nutzt und gleichzeitig überwiegend von dem Verbrennungsmotor abhängig ist: Hybride ohne externe Stromaufladung kommen fast nur von japanischen Herstellern, die seit Jahren ihren Vorsprung auf diesem Antriebsfeld vergrößert haben. Mit der Ignoranz des Erfolgreichen hatten in der Vergangenheit vor allem die Marken-Chefs des VW-Konzerns reagiert. So verwies zum Beispiel der einstige VW-Obere Martin Winterkorn gern auf die wunderbare, verbrauchsgünstige und leistungsintensive Tätigkeit seiner Dieselmotoren. Dagegen wurde die Hybridtechnik von Toyota/Lexus und von Honda eher als teure und exotische Attitüde abgetan.

          Nicht der richtige Maßstab

          Doch bei Toyota ist ein Benzin-Elektro-Hybrid entstanden, der jetzt in dem für Europa wiedererweckten Corolla und im neuen RAV4 zeigen darf, was er kann. Wobei beide Hybrid-Modelle nicht nur von neu entwickelten Motoren und neuen Batterien, sondern auch von den großen Fortschritten der elektronischen Steuerung profitieren. Und zwar für Verbrennungs- und Elektromotor sowie für das Automatikgetriebe. Dieses Dreier-Team wird permanent überwacht und abgehört, der Komponenten-Verbund liefert von zahlreichen Sensoren im Millisekundentakt jene Unmengen an Informationen, die das Zusammenspiel ermöglichen. Dabei geht es nicht darum, möglichst lange Entfernungen elektrisch zu absolvieren. Denn den Technikern ist klar, dass hierfür vor allem Größe, Gewicht und Speicherleistung der Batterien zuständig sind.

          Doch für den Erfolg der Hybridtechnik ist die elektrische Reichweite nicht der richtige Maßstab und fast Nebensache. Über das zentrale Steuermodul wird die elektrische Antriebsleistung in jener Menge eingebracht, die zwei wesentliche Ziele verfolgt: den Fahrerwunsch nach Leistung zu erfüllen und zudem den Verbrennungsmotor so zu betreiben, dass er dabei den bestmöglichen Niedrigverbrauch aufweist. Gleichzeitig erkennt die Elektronik alle Chancen, entweder dem Verbrenner ungenutzte Leistungsmengen zum Aufladen der relativ kleinen Hybrid-Batterie über den dann als Generator fungierenden Elektromotor zu entnehmen. Oder zusätzliche Leistung über den Elektromotor in das System einzuspeisen, um den Verbrenner zum Beispiel beim Anfahren und Überholen zu unterstützen.

          So sorgt der Elektro-Antrieb aufgrund seiner raffinierten Steuerung dafür, dass der Verbrenner möglichst selten in den verbrauchsintensiven Spitzenbereich hochjubeln muss. Große Elektro-Reichweite ist kein Maßstab für die Güte der Hybridtechnik. Gerungen wird vor allem um den niedrigeren Verbrauch und um die Verringerung der Schadstoffe im Abgas. Den konventionellen Benzinern ist der Hybrid allemal überlegen. Er fährt überall, wo Benziner fahren. Und Tankstellen stehen auch in der Einsamkeit.

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.
          200 Nanometer Durchmesser: Virus Varicella Zoster (VZV)

          Gürtelrose : Höllischer Schmerz

          Die neue Impfung gegen Gürtelrose zahlen jetzt die Kassen. Gut so, denn wer einmal unter der Infektion litt, wird das so schnell nicht vergessen. Die Infektion ruft heftige Nervenschmerzen bei den Betroffenen hervor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.