https://www.faz.net/-gy9-8szxs

Renault Zoé im Härtetest : Mission 300

Leider verkalkulieren wir uns. Wir haben schon einige Elektroautos bewegt und sind zu angsthasig geworden. Der Abgabetermin naht, aber der verdammte Akku wird einfach nicht leer. Dunkelheit bricht heran. Statt zurück zum Händler fahren wir eine zusätzliche Schleife über die Landstraße, eine Raffinerie von Shell siegesgewiss links liegen lassend. Und wir wenden, all unseren Mut zusammennehmend, erst auf der letzten Rille. Das Navigationsgerät zeigt 21 Kilometer bis zum Ziel, die Anzeige 23 Kilometer Reichweite. Die gesamte Fahrt über gleichen wir die Werte ab, wir sind einen Kilometer im Plus, das muss genügen. Bei 12 Kilometer Reichweite schlägt ein Alarm an, es blinkt jetzt etwas aufgeregt ein Batteriesymbol im Tacho. Er zählt ermahnend runter. 10, 9, 8, 0. Wie jetzt? Von 8 auf 0? Hilft ja nichts, wir haben noch 6 Kilometer vor uns. Zoés Heimat erreichen wir mit leicht feuchten Händen.

Wir schieben ihn in die Werkstatt

Der Mechaniker kann eine gewisse Freude nicht verbergen, uns auf eigenen vier Rädern wiederzusehen. Er möchte Feierabend machen, wir auch, aber niemand kann die Fragen beantworten, was passiert, wenn die Batterie ganz leer ist. Fällt dann sämtliches Licht aus? Bleibt die elektrische Lenkung plötzlich stehen? Was ist mit der Bremse? Der Wagen lasse sich in Stellung N der Automatik schieben oder abschleppen, versichern die Experten, woraufhin wir beschließen, das Ende durch Fahrten um das Autohaus herum herbeizuführen. Das dauert unfassbare 50 Minuten.

Zuerst bewegt sich der Zoé noch einige Kilometer normal. Dann meldet er „Reduzierte Leistung“ und fährt höchstens 50 km/h schnell. Schließlich einige Kilometer mit 15 km/h, dann mit 6. Er kapituliert nach 28 (!) Kilometern hinter Normalnull an einer Fahrbahnschwelle. Das Licht bleibt an, die Anzeigen innen auch, weder Lenkung noch Bremse sind ausgefallen, es gibt dafür einen separaten Stromkreislauf. Man hätte ihn ohne Gefahr rechtzeitig abstellen können. Wir schieben ihn in die Werkstatt.

271,8 Kilometer haben wir an diesem Tag geschafft. Unter widrigsten Bedingungen. 15,3 Kilowattstunden Strom betrug der Durchschnittsverbrauch, das ergibt bei 24 Cent je Kilowattstunde rund 3,70 Euro auf einhundert Kilometer. Am nächsten Morgen fährt die tolle Kiste wie weiland Herbie selbständig an die Ladesäule, als ob die Energie über Nacht zurückgekehrt wäre. Nach einer Stunde an der auch für den Hausgebrauch dringend zu empfehlenden Schnellladeeinrichtung meldet der Bordcomputer 52 Prozent.

Wetten, dass unter angenehmeren Umständen mehr als 300 Kilometer drin gewesen wären? Für Langstrecken ist das Elektroauto noch immer nichts, aber für Pendler hat sich der Zoé das Prädikat „alltagstauglich“ verdient. Es gibt derzeit vermutlich kein besseres, finanziell erreichbares Elektroauto auf dem Markt. Allerdings bleibt es dabei, Elektromobilität muss man wollen. Der kompakte Renault kostet vor Abzug staatlicher Prämien mindestens 32 900 Euro. Zuzüglich Schnellladebox und Kosten für deren Installation durch den Elektriker. Ein vergleichbarer Clio ist deutlich billiger. Wie sehr die Realität noch von Schaufensterreden entfernt ist, beweist ein Blick in die Zulassungsstatistik. Der Zoé ist das meistverkaufte Elektroauto in Deutschland. Im vergangenen Jahr wurden 2805 Stück neu zugelassen.

Opel nimmt den zweiten Anlauf

Was Renault kann, möchte Opel in Zukunft auch können. Und noch ein wenig mehr. Die Rüsselsheimer übernehmen die Gene des von ihrer amerikanischen Muttergesellschaft General Motors vorgestellten Chevrolet Bolt und machen daraus ihren neuen Opel Ampera. Weil dessen erster Namensgeber kläglich scheiterte, trägt das neue Modell den Zusatz E. Das Herzstück der Antriebseinheit ist eine Lithium-Ionen Batterie mit 60 Kilowattstunden, die im Unterboden verbaut ist. Dadurch liegt der Schwerpunkt des 1620 Kilogramm schweren und 4,17 Meter langen Wagens weit unten. Die Sitzposition rückt nach oben. Das stört nach einer ersten Probe nicht weiter, doch die Plätze wirken etwas schmal geschnitten. Wie überhaupt die Einrichtung mit viel hartem Kunststoff den hohen Kosten des Konzepts Tribut zollt. Der Elektromotor leistet 150 kW oder 204 PS, hat 360 Nm Drehmoment und beschleunigt von 0 auf 100 km/h in 7,3 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 150 km/h begrenzt. Als Normreichweite gibt Opel 500 Kilometer an und behauptet, 350 Kilometer seien unter Alltagsbedingungen drin. Ob das stimmt, wird sich auf deutschen Straßen erst im Sommer ausprobieren lassen, denn den Ampera E gibt es im Gegensatz zum Renault Zoé noch nicht zu kaufen. Der Grundpreis, aus dem Opel ein Staatsgeheimnis macht, dürfte vor Elektroautoprämie gen 40 000 Euro tendieren. Hinzu kommen die Kosten für eine Schnellladeeinrichtung, ohne die geht es nicht. An der gewöhnlichen Haushaltssteckdose dauerte eine komplette Ladung bis zu 30 Stunden.

Weitere Themen

Schwefel befeuert den Power-Akku

Batterieforschung : Schwefel befeuert den Power-Akku

Ein weiterer Schritt in die E-Zukunft: Lithium-Schwefel-Akkus bieten klare Vorteile: Sie sind leicht, günstig und enorm leistungsfähig. Sorgen bereitet noch die geringe Stabilität des Stromspeichers.

Das Coronavirus breitet sich aus Video-Seite öffnen

Videografik : Das Coronavirus breitet sich aus

In China breitet sich das neuartige Coronavirus immer weiter aus. Die Epidemie kommt zu einem Zeitpunkt, da hunderte Millionen Chinesen zu den Neujahrsfeiern auf Reisen sind. Mehrere Maßnahmen sollen die Ausbreitung der Epidemie stoppen.

Topmeldungen

Schwäche der Parteien : Mehr Macht den Parlamenten

Situationen wie in Thüringen wird es künftig öfter geben: Es findet sich keine Koalition mit einer Mehrheit im Parlament. Dadurch wird die Politik unübersichtlicher. Aber das muss nicht schaden – im Gegenteil.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.