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Dreirad Scorpion FS 26 S : Elektrischer Stuhl

  • -Aktualisiert am

Sprungbereit: Das Scorpion fs 26 S von HP Velotechnik ist ein betont sportliches schnelles Pedelec. Bild: Pardey

45 km/h und mit dem Hintern gefühlt eine Handbreit über dem Asphalt: Wir haben das Dreirad Scorpion FS 26 S von HP Velotechnik ausprobiert.

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          Auf den ersten Blick wirkt dieses flach an den Boden geduckte Dreirad weniger bedrohlich als vielmehr etwas verwirrend. Das Dreieck des Fahrwerks mit seinem angetriebenen 26-Zoll-Rad hinter der Rücklehne und den beiden gelenkten, einzeln aufgehängten Vorderrädern (20 Zoll) rechts und links von den Knien des Fahrers hat einfach so viele Linien. In Längsrichtung mittig ein zentrales Rohr, das hinten in die Antriebsschwinge mündet und vorn das Tretlager mit den Kurbeln trägt.

          Vor der Sitzkante der nach oben gebogene Lenker und der Querträger der Vorderradaufhängung, Federbeine und Querstabilisator, die schlanke Röhre der Kettenführung, Kabel, Rohre, Rollen, Streben. Alles zusammen ist entschieden mehr, als dass im Kopf der Begriff „Fahrrad“ aufleuchten würde. Im diesem Falle ist das ja auch ganz richtig: Das Scorpion FS 26 S von HP Velotechnik ist ein elektrisches Leichtkraftrad der Kategorie L2e: der Nabenmotor im Hinterrad (Go Swissdrive G45, Nennleistung 370 Watt, 45 Newtonmeter Drehmoment) unterstützt bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h mit einer fünfstufigen Kraftverstärkung (bis 300 Prozent).

          Solch ein Fahrzeug braucht ein Versicherungskennzeichen, und der Fahrer muss mindestens sechzehn Jahre alt sein und mindestens einen Führerschein der Klasse AM haben. Auch wenn einen die Gnade der frühen Geburt von der Führerscheinpflicht befreit, hat man einen Helm zu tragen. Neue, durch den Hersteller mit einer Betriebserlaubnis des Kraftfahrt-Bundesamtes zuzulassende schnelle Elektroräder müssen inzwischen – vernünftigerweise – eine Hupe haben, wie schon zuvor Rückspiegel und Seitenreflektoren. Zweispurige Räder wie das Scorpion können nun Blinker als Richtungsanzeiger haben, HP Velotechnik verbaut seit diesem Jahr die zierlichen Leuchten von WingBling. Und dann wäre da noch diese Sache mit dem Schauglas – wie die Wegfahrsperre in Form eines Ringschlosses eine Bedingung der Betriebserlaubnis. Deren gibt es ja allerlei: Einspurige schnelle Elektroräder müssen zum Beispiel einen Seitenständer vorweisen können, der bei Entlastung einklappt.

          Einfach zu transportieren

          Das ist, am wesentlich schwereren Motorrad orientiert, ingenieurmäßig und sicherheitstechnisch gedacht, in der Praxis aber immer wieder Ursache dafür, dass das geparkte S-Pedelec umgeworfen wird – von rempelnden Kindern, großen Hunden oder anderen Parkplatzsuchenden. Nun, bei dem Dreirad verlangte die Genehmigungsbehörde ein Schauglas zur Ölstandskontrolle der gekoppelten hydraulischen Bremsen. Hydraulische Fahrradbremsen haben solch eine Kontrollanzeige gewöhnlich nicht. Die Krifteler mussten sich daher zusammen mit dem Bremsenlieferanten etwas einfallen lassen.

          Nach Recht und Gesetz: das Schauglas, ... Bilderstrecke

          Kurz und gut: Das Scorpion fs 26 S von HP Velotechnik ist das erste Dreirad, das als elektrisches Leichtkraftrad alle neuen Vorschriften erfüllt. Und jetzt einmal kurz, aber ganz tief Luft holen: So, wie es dastand und gefahren wurde, kostet es mit Zubehör rund 10.500 Euro; allein der zweite Akku (636 Wattstunden), der für ausreichende Reichweite sorgt, macht einen knappen Tausender aus.

          Man steigt gewissermaßen ein

          Auf dieses Schmuckstück setzt man sich nicht einfach drauf, man steigt gewissermaßen ein: sofern da nicht noch als Wetterschutz die durchsichtige Frontverkleidung Streamer montiert ist, am besten einfach von vorn, dabei aber rückwärts gehend. Nach einem Schritt über das Zentralrohr des Rahmens hinweg nimmt man Platz, wie man sich in einen Sessel setzt. So bequem sitzt man dann auch. In der Optionsliste, die einen Autoverkäufer neidisch machen könnte, finden sich allein zu diesem Punkt sechs Varianten: in Form, Höhe und Breite und Sitzlänge variable Bequemlichkeit.

          Die Hände finden neben den Oberschenkeln das Geweih des Lenkers samt den Auflagen für die Unterarme, den Brems- und Schalthebeln sowie dem Taster und dem Display der Motorsteuerung. Wenn dann noch der Auszug des Rahmenrohrs in der Länge richtig eingestellt ist, was wie das Zusammenfalten des gesamten Fahrzeugs für den Transport nur ein paar Handgriffe benötigt, finden die angehobenen Füße vorn die Pedale wie von selbst. Auf das fürs Liegeradfahren ziemlich wichtige Thema der Überhöhung, des Höhenunterschieds zwischen Tretlager und Sitz, wird hier verzichtet: Auch in diesem Punkt hat man bei einem Scorpion Wahlmöglichkeiten; der Katalog ist 80 Seiten stark.

          Marktführer in Europa

          Auf einem Liegerad thronend, guckt man beim Fahren nicht stur geradeaus, man hat viel mehr Bewegungsfreiheit unterwegs, zum Gucken, Fotografieren, Essen und Trinken. Mit dem Überblick aufs Verkehrsgeschehen, den man im Sattel eines üblichen Fahrrads genießt, ist es auf dem Sessel eines Scorpion allerdings vorbei, selbst wenn man die höhere und breitere Variante Scorpion plus gewählt hat, die sich zum Reha- und Therapierad aufrüsten lässt. In den 25 Jahren, die Paul Hollants und Daniel Pulvermüller mit ihren Liegerädern von der heimischen Garage auf den Weltmarkt geführt haben, wurden die Grundkonzepte kontinuierlich ausdifferenziert und verfeinert. Schon als Schüler waren die beiden bei einem Wettbewerb mit Fahrradtechnik erfolgreich.

          Als Wirtschaftsingenieur und Maschinenbauer von der TH Darmstadt kommend, machten sie sich selbständig und bauten zunächst nur einspurige Liegeräder. Heute werden von 35 Mitarbeitern in Kriftel bei Frankfurt am Main auf 2400 Quadratmeter in vierzehn Produktlinien etwa zweitausend Liegeräder im Jahr nach individuellen Kundenwünschen montiert. Die Rahmen werden nach eigenen Spezifikationen in Taiwan gefertigt und in Deutschland pulverbeschichtet. Mit rund sechs Millionen Euro Umsatz ist HP Velotechnik Marktführer in Europa. Verkauft werden die Liegeräder in Deutschland über den Fachhandel. Rund die Hälfte der Produktion wird in Übersee abgesetzt, in den Vereinigten Staaten, Australien und Fernost.

          Leiser Motor

          Das Scorpion gibt es nicht nur als Elektrorad und Bequemrad für Senioren, die mit dem Gleichgewichthalten Schwierigkeiten haben, sondern wie seit 2006 auch als Muskelkraftfahrzeug, als leichtes Sport-Trike, als Reiserad oder als Mountainbike auf drei Rädern. Das erste S-Pedelec der Scorpion-Baureihe wurde 2012 präsentiert. Ausgereiftheit, das ist der vorherrschende und bleibende Eindruck, den das aktuelle elektrische Modell macht. Es ist auch optisch überarbeitet worden, es überzeugt aber vor allem durch die Stimmigkeit in allen Details und die über jeden Zweifel erhabene Verarbeitung.

          Ein leiser, praktisch nicht zu hörender Motor im Rücken, ein exzellentes, mit allen Widrigkeiten der Fahrbahn und dem Tempo sehr komfortabel zurechtkommendes Fahrwerk, als 30-Gang-Schaltung die fein abgestufte GX30 von Sram, Rangieren mit einem Rückwärtsgang, eine sehr gute Beschleunigung und das leicht zu haltende, hohe Dauertempo machen die Fahrt mit dem Scorpion fs 26 S von HP Velotechnik auch für den zum besonderen Erlebnis, der Elektroräder kennt. Dass man mit diesem Trike nicht überall dort fahren darf, wo Fahrräder und 25-km/h-Pedelecs das dürfen, hat schon seine Richtigkeit: Über diesen Tiefflieger von Elektrorad sagt nur die blanke Wahrheit, wer lässig kundtut, dass es ja sehr schön sei, dass man es aber leider allzu oft nicht richtig ausfahren könne.

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