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Ducati Multistrada 1260 S : Mehr Multivitamin, mehr Saft

Die 1260er ist mit einem Basispreis von rund 17.000 Euro kein billiges Ding. Bild: Hersteller

Nimmt man die Italiener beim Wort, handelt es sich bei dieser Ducati nicht um ein Motorrad, sondern um vier. Eine erste Probefahrt mit der Multistrada 1260 S.

          3 Min.

          Ein Motorrad kaufen, vier bekommen. Das klingt nach Zauberei und einem guten Geschäft. Im Jahr 2010 zog Ducati die Multistrada aus dem Hut, mit genau jenem Versprechen. 2014 wurde die Maschine mit den bis dahin recht rabiaten Umgangsformen umgänglicher durch einen 1,2-Liter-Motor mit variabler Ventilsteuerung. Nun ist die große Multistrada reif für weiteren Feinschliff. Abgelöst wird die 1200er durch eine 1260er, die mit einem Basispreis von rund 17 000 Euro kein billiges Ding ist. Gut 19.700 Euro aufwärts kostet die S-Version. Aber nimmt man die Italiener beim Wort, handelt es sich ja jeweils nicht um ein Motorrad, sondern um vier.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Wer sich eine Multistrada zulegt, bekommt laut Ducati einen Supersportler, einen Langstreckentourer, ein Alltagsmotorrad und eine Enduro in einem. Wir sehen das so: Man erwirbt eine Reisemaschine, die lange Distanzen ebenso beherrscht wie sehr sportliche Gangart, im Alltag zu gebrauchen ist und auch in leichtem Gelände zurechtkommt. 17-Zoll-Gussräder, gemäßigte Federwege von 170 Millimeter und ein Gewicht von etwa 235 Kilogramm mit vollem 20-Liter-Tank sind keine idealen Voraussetzungen, um knietief durch den Acker zu pflügen, das soll sie nicht. Doch kann die Multistrada 1260 durch ein Zubehörpaket Enduro mit Motorschutzbügel, Kühler- und Ölwannenschutz, Zusatzleuchten und gezackten Offroad-Fußrasten auf robust hergerichtet werden. Da solche Pakete auch für die Themen Touring, Sport und Urban angeboten werden, lässt sich die ohnehin ein weites Spektrum abdeckende Maschine in ganz unterschiedliche Richtungen trimmen.

          Dank umfassender, nochmals aufgerüsteter Elektronik mit vier Fahrprogrammen – Touring, Sport, Urban, Enduro genannt – mangelt es nicht an Multivitamin. Die Multistrada des Jahrgangs 2018 hat mehr Saft. Durch einen verlängerten Hub bei gleicher Bohrung wuchs der Hubraum ihres 90-Grad-Twins mit variabler Steuerung der Ein- und Auslassventile auf 1262 Kubikzentimeter. Ziel war es, dem Motor mehr Wumms in niedrigen und mittleren Drehzahlen zu entlocken. Er hievt den Fahrer jetzt früh auf ein enormes Drehmomentplateau. 85 Prozent der maximalen Schubkraft (130 Nm bei 7500/min) erreicht Ducatis Desmodomiker schon bei 3500 Umdrehungen, die Delle bei 4000 bis 5000 Touren ist Geschichte.

          Vorbei auch die Zeiten, in denen für Spitzkehren der erste Gang bemüht werden musste, die Neue erledigt das im zweiten. Der bärenstarke, aber sanft ansprechende Zweizylinder läuft schon in Drehzahlen um 2000/min rund, ist benutzerfreundlicher geworden, kommt somit einer breiteren Zielgruppe entgegen. Genau das ist es, was Ducatis Entwickler beabsichtigt hatten. Auch das Fahrwerk packten sie entsprechend an. Verlängerte Einarmschwinge, flacher gestellte Gabel, längerer Radstand ergeben ein neutraleres Fahrverhalten und mehr Stabilität mit voller Beladung auch bei hohen Geschwindigkeiten. Ein Quantum Quirligkeit wurde dafür geopfert.

          Der eine oder andere Fan der Marke mag dem spitzeren Charakter der Alten nachtrauern, ihren roheren, rotzigeren Eigenarten, dem Unterhaltungswert des hinterhältigen Extra-Kicks bei 7000 Umdrehungen. Doch für die allermeisten Kunden dürfte es nun besser sein. Die Leistungsentfaltung des Zweizylinders ist betont linear. Schwingt er sich zur Höchstleistung von 158 PS auf, kurbelt er mit 9750 Umdrehungen, schiebt wie wild und röhrt wie ein Hirsch. Auch diese Multistrada schmeckt noch nach Ducati.

          Das S-Modell hebt sich von der günstigeren Schwester durch einen Schaltautomaten, LED-Kurvenlicht sowie eine Racing-Bremsanlage mit 330-Millimeter-Doppelscheibe ab. Bilderstrecke

          In sämtlichen Modi unterschiedlich abgestimmt sind Leistungsentfaltung, Kurven-ABS, Traktions- und Wheeliekontrolle, wobei die Werkseinstellungen nach Belieben veränderbar sind. Das gilt sowohl für die Basis-Multistrada als auch für die S-Ausführung. Letztere bringt anstelle konventioneller Federelemente ein elektronisches Fahrwerk mit, das die Dämpfung im Einklang mit dem gerade gewählten Fahrmodus kontinuierlich an Straßenbelag und Fahrweise anpasst. Das S-Modell hebt sich von der günstigeren Schwester zudem durch einen Schaltautomaten, LED-Kurvenlicht sowie eine Racing-Bremsanlage mit 330-Millimeter-Doppelscheibe ab. Tempomat, Berganfahrhilfe, Funkschlüssel, elektrisches Lenkschloss bringen beide mit, überdies jetzt auch Blinker mit Selbstabschaltung.

          Der S-Ausführung vorbehalten ist ein unter allen Lichtverhältnissen brillant leuchtender Fünf-Zoll-Farbbildschirm im Cockpit anstelle einer nicht schlechten, aber schlichten LCD-Instrumententafel. Per Bluetooth, App (soll im Februar zum Download bereitstehen) und „Ducati Multimedia System“ lässt er sich mit dem Smartphone koppeln. Dann rauschen die Daten hin und her: Schräglagenwinkel, Geschwindigkeiten, Kraftstoffverbrauch, Streckenverlauf aufs Handy und ab in die Netzwerke; Anrufe, SMS, Musiktitel vom Handy aufs Motorraddisplay; Konfigurieren der Fahrmodi per Fingerwisch. Benutzer der App werden, wenn sie bestimmte Ziele erreicht oder Erfahrungen mit anderen geteilt haben, durch ein „Bonussystem“ belohnt, wie Ducati schwärmt. Wer’s braucht. Der hat dann nicht bloß vier Motorräder in einem, sondern auch ein Smartphone mit 158 PS.

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