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Harley-Davidson FXDR 114 : King of the Ampelstart

FXDR 114 mit viel Wumms und viel Gummi. Bild: Hersteller

Das zehnte Modell der noch relativ neuen Softail-Plattform ist das Ergebnis ernsthafter Anstrengungen, aus einer echten Kante von Motorrad ein Bewegungstalent zu machen. Eine erste Probefahrt mit der Harley-Davidson FXDR 114.

          Alles ist relativ. Das gilt selbst für eine Harley-Davidson. 303 Kilogramm sind relativ viel für ein Motorrad mit gewissem sportlichen Anspruch. Für einen massiven Big-Twin-Powercruiser aus Milwaukee dagegen sind 303 Kilogramm relativ wenig. Es kommt halt wie immer auf den Blickwinkel an.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Das zehnte Modell der noch relativ neuen Softail-Plattform ist ein ganz spezielles. Zum einen: Es hat keinen Namen. Seine Brüder und Schwestern heißen Fat Bob, Fat Boy, Slim, Low Rider, Breakout und so weiter, dieses hier trägt nur die kühle Bezeichnung FXDR 114. Zum Zweiten: Es ist das Ergebnis ernsthafter Anstrengungen, aus einer echten Kante von Motorrad ein Bewegungstalent zu machen, vornehmlich durch Gewichtsvermeidung. „Wir haben uns große Mühe gegeben“, sagt Ben Wright, Chefingenieur der Softail-Baureihe.

          Als Dank für die Bemühungen sind der Motor Company 25.155 Euro zu überweisen. Das ist die Summe, für die einem von Oktober an eine FXDR 114 überlassen wird, Nebenkosten schon eingerechnet. Was man sich damit einhandelt, sind Besonderheiten, die andere Softails nicht aufweisen, sowie besorgte Blicke der Nachbarschaft.

          Unter den Breitreifen-Harleys die handlichste mit größter Schräglagenfreiheit. Bilderstrecke

          Die FXDR in ihrem vom Drag Racing hergeleiteten Muskeldesign macht auf Beschleunigungsmonster, auf King of the Ampelsprint mit einem Hinterreifen von einschüchterndem Format. Die 240-Millimeter-Walze treibt einen schmalen, von einer flach stehenden USD-Gabel geführten 120er vor sich her, während der Fahrer an halbhoch montierten Lenkerhälften hängt, das Wummern aus dem Mordsauspuff unter sich vernimmt, das rechte Knie gegen ein so noch nie gesehenes Luftfiltergehäuse von riesigen Ausmaßen presst, im Augenwinkel das Hochschnellen der digitalen Geschwindigkeitsanzeige wahrnimmt und darauf vertraut, dass die niedrig plazierte Sitzmulde das Gesäß an Ort und Stelle hält.

          Harley-Davidson vertraut darauf, dass der Fahrer weiß, was er tut. Der Milwaukee-Eight 114 mit fast 1,9 Liter Hubraum bringt die Walze gehörig ins Schwitzen und speziell auf nicht einwandfreiem Untergrund zum Durchdrehen, wenn einigermaßen hart Gas gegeben wird. Der dicke V-Twin ist ein Samthandschuhe tragender Gewalttäter mit 160 Newtonmeter auf dem Kerbholz. Schon bei 3500/min entfacht er den vollen Schub. Dank geänderten Einlass- und Abgastrakts wird noch ein paar Newtonmeter mehr Drehmoment geboten als in den übrigen Softail-Modellen, dafür geringfügig weniger Spitzenleistung, die nominell 91 PS (67 kW) bei 4500/min beträgt und nichts zu wünschen übriglässt. Zu wünschen wäre eine Traktionskontrolle. Daran hätten die Entwickler auch schon gedacht, sagt Chefingenieur Wright. Sie seien aber noch nicht so weit.

          Wright or wrong, Mühe hin, Mühe her – von allen Breitreifen-Harleys ist die 190 km/h rennende FXDR 114 die handlichste. Sie hat die größte Schräglagenfreiheit, federt gut, schaltet prima, bremst ausgezeichnet, lässt sich sportiv durch kurvige Gefilde scheuchen. Eine gewisse Behäbigkeit liegt in der Natur der Dinge, doch ist das Gefühl, sich mit der Masse auseinandersetzen zu müssen, eher Teil des Spaßes als Verderber desselben.

          Zur unterm Strich überraschenden Agilität tragen die erwähnten Anstrengungen des Abspeckens bei. Dazu zählt die Verwendung einer Leichtmetall-Hinterradschwinge anstelle der in der Softail-Familie üblichen Dreiecksschwinge aus Stahlrohr. Diese Maßnahme bedeutet erstens viereinhalb Kilo Gewichtsersparnis und zweitens die Abkehr vom Starrrahmen-Look alter Schule. Aus Leichtmetall bestehen auch die Räder – 18-Zoll-Scheibenrad hinten, 19-Zöller mit filigranen Speichen vorn – sowie der Heckrahmen, der den Solositz trägt, welcher sich gegen Aufpreis um ein Soziuspolster ergänzen lässt. Kunststoff statt Stahl ist das Material der Wahl für die Radabdeckungen: die vordere knapp geschnitten und die hintere, dicht über dem Reifen mitfedernde gelocht. Damit ist gewährleistet, dass die Maschine im Regen einschmuddelt und der Fahrer auch von hinten nass wird, während er damit kämpft, das Hinterrad unter Kontrolle zu halten.

          Ja, ein Anfängermotorrad ist die FXDR 114 nicht. Fast hätte sie einen richtigen Namen bekommen: Destroyer lautete ursprünglich der Arbeitstitel, der dann verworfen wurde. Schade, hätte relativ gut gepasst.

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