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Auf hoher See : Ein Jahr ohne Toilettenpapier

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Die Notdurft stand nicht im Mittelpunkt der Überlegungen der Baumeister. Bild: Dieter Wanke

Was soll die Panik? Auf dem Rahsegler „Batavia“ lässt sich besichtigen, wie die alten Seefahrer das regelten. Und manches andere auch.

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          Die Angst, für die Verrichtung der Notdurft kein Toilettenpapier zur Verfügung zu haben, ist derzeit groß. Das war nicht immer so. Im mittelalterlichen Europa wurden meist noch ausgemusterte Textilien und Lappen verwendet, später dann zunehmend Zeitungen. Wie man das auf den Segelschiffen des 17. Jahrhunderts gelöst hat, können sich Besucher im Batavialand im niederländischen Lelystad ansehen – wenn denn irgendwann wieder die virusbedingten Einschränkungen aufgehoben sind. In Lelystad lässt sich der eindrucksvolle Nachbau des Handelsschiffs „Batavia“ der Vereinigte Ostindische Compagnie (VOC) erkunden. Einschließlich Toiletten.

          Das Original stach am 29. Oktober 1628 unter Kapitän Adriaan Jakobsz von Texel aus erstmals in See. Nachdem Mitte April 1629 am Kap der Guten Hoffnung neue Verpflegung gebunkert worden war, lief der Segler am 4. Juni 1629 nahe den Wallabi-Inseln vor der australischen Westküste auf ein Riff. Die Überlebenden retteten sich auf umliegende Eilande. Der Kapitän und einige Seeleute segelten in einem der Beiboote rund 1000 Seemeilen nach Batavia (Jakarta) und holten Hilfe. Ein Rettungsschiff barg schließlich die mittlerweile stark dezimierten Überlebenden.

          Komfortabel war so eine Reise für keines der Besatzungsmitglieder, obwohl es für Offiziere oder bessergestellte Gäste schon bescheidenen Luxus gab. Denn deren Gemächer befanden sich im Achterschiff, wo es außer einem leinengedeckten Tisch für die Mahlzeiten auch zwei „Toiletten“ gab, bestehend aus einem Brett mit einem Loch. Neben dieser Öffnung hingen keine Papierrollen, sondern das „Allemannsend“, ein pinselförmig aufgespleißtes Tau, dessen im Meerwasser hängendes Ende nach dem großen Geschäft hochgezogen und zum Abwischen des Allerwertesten verwendet wurde. Im Wörterbuch für seemännische Fachwörter findet man zum Allemansend diese Definition: „Teil der (Außen-) Bordtoilette: Ein ins Wasser außenbords hängendes Tau mit aufgespleißtem, pinselartigem Ende, das für alle an Bord als Klopapierersatz dient.“ Innen wurde das Allemansend von einem Haken gehalten.

          Komfortabel war so eine Reise für keines der Besatzungsmitglieder, obwohl es für Offiziere oder bessergestellte Gäste schon bescheidenen Luxus gab. Bilderstrecke
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          Das also war die luxuriöse Variante. Der größte Teil der Mannschaft vermochte die Notdurft nur bei passendem Wetter im Bugspriet durch zwei Löcher zu verrichten. Ansonsten war der Eimer das Mittel zum Zweck. Klopapier? Gab es nicht.

          Beim Ablegen des 56,6 Meter langen und 10,5 Meter breiten Dreimasters waren 341 Verdauende an Bord. Außer rund 200 Seeleuten, die für den Betrieb des Schiffs nötig waren, gab es auf der Erstfahrt auch Soldaten und Passagiere, davon 38 Frauen und Kinder. Die Reise nach Ostindien dauerte ein Jahr. Der Besatzung wurde geraten, sich einen zweiten Satz Wäsche für die Rückreise mitzunehmen. Beim Essen teilten sich sechs Personen einen Holznapf. Tische gab es nicht. Meist bereitete der Smut in den großen Bottichen seiner Küche Gerstengrütze mit Pflaumen und gesalzenes Fleisch zu. Das Brot war so hart wie das Dasein, Trinkwasser wurde in großen Holzfässern mitgeführt und war meist von sehr schlechter Qualität. Kein Wunder also, dass die Besatzungen solcher Schiffe an Skorbut und anderen Mangelkrankheiten litten, dazu kam ein hohes Seuchenrisiko durch die miserablen hygienischen Umstände.

          Ein Seelsorger war ebenfalls an Bord, und der Barbier diente nebenbei als Chirurg. Außer dem Haareschneiden konnte er zur Ader lassen oder Amputationen vornehmen. Für das Leben an Bord gab es strenge Regeln. Für kleinste Verfehlungen drohten härteste Strafen. Auspeitschen am Großmast war da noch das geringere Übel. Beim ebenfalls beliebten Kielholen ließen die Übeltäter nicht selten ihr Leben. Die schlechtesten Bedingungen fanden die Soldaten vor. Die wurden nicht etwa nach einem Bewerbungsgespräch rekrutiert, sondern in den Kneipen von Amsterdam eingesammelt. Nach ausgeschlafenem Vollrausch fanden sie sich auf dem Transportdeck eines solchen Schiffs wieder. Aufrecht zu stehen war auf dem flachen Deck unmöglich, und während der langen Überfahrt sahen die Männer nur gelegentlich das Tageslicht. Längst nicht alle überlebten die Tortur.

          Diese Historie für ein breites Publikum nachfühlbar zu machen, hat sich die Batavia-Werft in Lelystad auf die Fahnen geschrieben. Da von den Handelsschiffen der VOC keines überdauert hat, begannen 1985 zunächst sechs Mitarbeiter mit der Arbeit an dem fahrfähigen Nachbau. Es dauerte drei Jahre, bis alle 72 Spanten des Rumpfs montiert waren. Bis zum Stapellauf des Rahseglers 1995 war die Gruppe auf 55 Handwerker gewachsen.

          Als Material für die Replik wurden 1800 Kubikmeter Eichenholz aus den Wäldern Dänemarks eingekauft. Masten und Decks sind aus leichterem Kiefernholz aus dem Schwarzwald. Zum Schutz vor Piraten und anderen Angreifern führte die Batavia 32 Kanonen unterschiedlicher Modelle und Kaliber mit. Auch mit den Nachbauten wird regelmäßig geschossen, allerdings in die Luft. Das historische Handelsschiff und die Werkstätten, in denen auch die damalige Handwerkskunst demonstriert wird, kann in normalen Zeiten im Batavialand besucht werden. Derzeit ist die Ausstellung wegen der Corona-Pandemie geschlossen.

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