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E-Bike mit Neodrives-Motor : Ist der Ruf erst ruiniert

  • -Aktualisiert am

Ein kleines bisschen fühlt man sich ähnlich, wenn man mit einem Elektrorad unterwegs ist, in dessen Hinterrad der Nabenmotor Neodrives von Alber still und kräftig vor sich hin arbeitet. Bild: Pardey

Kann man mit seinem E-Bike glücklich werden, wenn über den Antrieb schlecht geredet wird? Ja. Probleme? Nie welche gehabt.

          Ganz kurz zur Erinnerung: Da gab es von Mitte der 1960er bis 1970er Jahre ein deutsches Auto, dessen zierliche und zugleich dynamisch wirkende Form noch heute Eleganz ausstrahlt. Carl Luthe hatte den stilbildenden Entwurf gezeichnet, der zu seiner Zeit geradezu sensationell war. Das Auto hieß NSU Ro 80, hatte einen von Felix Wankel entwickelten Drehkolbenmotor und machte ein Motorgeräusch, das sich ein bisschen anhörte wie eine Nähmaschine im Blutrausch. Der Ro 80 galt als technisch und formal innovativ wie kaum ein anderes Auto seiner Zeit und als ein Säufer von höchster Unzuverlässigkeit. Reihenweise blieben die Wagen mit Motorschaden liegen.

          Es ist keine lustige Erfindung: Der Motor war von so vielen Kinderkrankheiten geplagt und wurde so regelmäßig auf Kulanz erneuert, dass Ro-80-Fahrer einander unterwegs mit zwei oder drei hochgehaltenen Fingern begrüßten – je nachdem, der wievielte Motor in ihrem Wagen rotierte. Es gab und gibt bis heute allerdings Aficionados des Ro 80, die auf diesen Wagen und seinen Motor nichts kommen lassen: Probleme? Nie welche gehabt.

          Ein kleines bisschen fühlt man sich ähnlich, wenn man mit einem Elektrorad unterwegs ist, in dessen Hinterrad der Nabenmotor Neodrives von Alber still und kräftig vor sich hin arbeitet. Egal, wen man nach diesem Antrieb fragt, man wird in der Regel mehr oder weniger explizit gewarnt. Und sobald man seine Zufriedenheit mit dem Alber-Motor zu erkennen gibt, sieht man sich unversehens unter Rechtfertigungsdruck. Von dem Herumschwadronieren im Internet soll hier gar nicht die Rede sein.

          Aber auch als kompetent ausgewiesene Fachleute äußern sich mehr als bloß zurückhaltend. Eine abschreckende Blütenlese: „Den können wir nicht empfehlen“, sagt etwa mit offensichtlichem Bedauern ein Händler, der ausschließlich Räder des Premiumsegments anbietet, „den haben wir aus dem Programm genommen.“ „Ja, wir verbauen ihn, aber für Ihr Reiserad würde ich doch einen anderen Motor nehmen, die Zuverlässigkeit . . .“, sagt der Inhaber einer Manufaktur, die Wunschräder in Einzelanfertigung baut. „Würde ich mir nie anschaffen, allein diese umständliche Wartung“, schüttelt die Werkstattmeisterin eines Top-Servicebetriebs den Kopf. Ein anderer Händler, konkret nach Rädern mit diesem Motor gefragt: „Neodrives? Waren Sie mit dem schon mal in den Alpen?“ Den Vogel schoss ein Händler in Tailfingen ab, dessen Laden sich in Luftlinie ungefähr zwei Kilometer vom Sitz des Unternehmens Alber entfernt befindet: „Der Heckmotor ist tot.“

          Kaum ein Unterschied zu sehen: Velotraum Pedelec mit dem Z20 von Alber im Hinterrad. Bilderstrecke

          Das ist natürlich Unsinn, der nicht wahrer wird, weil tatsächlich der Mittelmotor den Markt dominiert. Ulrich Alber war in den achtziger Jahren ein Elektrohändler, der es leid war, Großgeräte wie Kühlschränke und Waschmaschinen treppauf zu seinen Kunden zu schleppen. Er entwickelte eine Art Sackkarre mit Elektromotor, die ihm dabei half. Unter dem Namen Scalamobil baut die Alber GmbH bis heute unter anderem solche Steighilfen, mit denen Rollstuhlfahrer Stufen erklimmen können. Die Motorisierung von Rollstühlen mit Nabenmotoren ist in rund fünfzig Ländern die Nische, in der Alber – inzwischen zu dem amerikanischen Reha-Großunternehmen Invacare gehörend – als Weltmarktführer mit geschätzt 2300 unterschiedlichen Befestigungssystemen rund 80 Millionen Euro Jahresumsatz macht.

          Wer Rollstühle motorisiert, müsste das eigentlich auch mit Fahrrädern können, sollte man meinen. Wie verschieden die Anforderungen an die Motoren und ihre Steuerung jedoch sind, musste Alber mit dem 2012 vorgestellten Neodrives Z15 schmerzlich erfahren. Radler machen offenbar mit ihren Elektrorädern Sachen, die Rollstuhlfahrer nicht tun: Sie prügeln ihr Bike durch Dreck und Speck den Berg hinauf und spritzen oben den heißen Motor mit dem Hochdruckreiniger ab. Die Dichtungen der ersten Z15 versagten, Verschmutzungen legten den Antrieb lahm. Die Motoren in den Pedelecs sind heftigeren Erschütterungen ausgesetzt, eine Codescheibe machte Probleme. Während zur gleichen Zeit Bosch mit seinen Mittelmotoren so etwas wie das Synonym für den Pedelecantrieb wurde, erwarb sich Neodrives den Ruf der Unzuverlässigkeit.

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