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Dreirad Can-Am Spyder : Man muss nicht alles haben

Mit zwei schmäleren Rädern vorn bei einer Spurweite von 1,30 Meter und einem dicken Rad hinten ist die Can-Am rein rechtlich gesehen ein Auto Bild: Hersteller

Das Dreirad Can-Am Spyder RS-S gehört zu den ungewöhnlichsten Fahrzeugen, die mit dem Autoführerschein pilotiert werden dürfen. Wer das Kurvenfahren als sportliche Herausforderung versteht, mag seinen Spaß haben.

          3 Min.

          Schon seit zwei Jahren ist das Dreirad auf dem Markt, gesehen hatten wir noch keines in Deutschland. Exklusiver und seltener geht es also kaum, das allein könnte für manchen schon ein Kaufargument sein. Andere fallen uns leider noch ein, wir betonen aber, dass das ein rein subjektiver Eindruck ist. Die vielen Berichte der Kollegen, die sich aus dem Netz fischen lassen, klingen meist begeistert über das Fahrerlebnis mit dem Can-Am. Ein Urteil, das wir nicht teilen können.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Mit zwei schmäleren Rädern (165er-Reifen) vorn bei einer Spurweite von 1,30 Meter und einem dicken Rad hinten (225er) ist die (oder der?) Can-Am rein rechtlich gesehen ein Auto. Das spricht alle an, die keinen Motorrad-Führerschein besitzen und sich einmal die Luft um die Nase wehen lassen wollen - das Basismodell kostet im übrigen gut 17 300 Euro. Nicht-Motorradfahrer mögen sich schneller mit dem Spyder anfreunden. Für diese ist es nicht ganz so ungewohnt, ein "Motorrad" mit dem Lenker in die Kurve zu zwingen, wobei man dazu kräftig mit dem Körper arbeiten muss, wenn man nicht um dieselbe schleichen will.

          In den zehn Tagen, in denen wir den Can-Am zur Verfügung hatten, gelang es uns nie, das halbwegs zu beherrschen, aber das muss nicht jedem so gehen. Auch das nervöse Hin- und Hertänzeln auf (sehr) schlechten, engen Sträßchen hinterließ kein gutes Gefühl. Es sei aber vermerkt, dass der Can-Am alles an Elektronik aufbietet, um ein Kippen in der Kurve zu verhindern, überdies gibt es eine Traktionskontrolle fürs Hinterrad.

          Unikum auf drei Rädern: Can-Am Spyder

          In fünf Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h

          Klasse und ohne Tadel fährt sich der Can-Am geradeaus. Der V2-Motor von Rotax mit knapp einem Liter Hubraum und 79 kW (106 PS) hat mit dem trocken 320 Kilogramm schweren Dreirad leichtes Spiel. In fünf Sekunden sind aus dem Stand 100 km/h erreicht, die Spitzengeschwindigkeit ist auf 190 km/h limitiert. Obwohl man auf dem Spyder sitzt wie auf einem Motorrad, gibt es außer dem Lenken noch weitere Unterschiede. Gebremst wird ausschließlich mit dem rechten Fuß, was dank ABS sehr gut gelingt. Man kann - bei Geradeausfahrt - reintreten wie ein Stier, das Dreirad verzögert perfekt und ohne aus der Spur zu laufen. In der Kurve sieht das etwas anders aus.

          Das Modell RS-S ist zudem mit einer Halbautomatik ausgestattet, die fünf Gänge werden mit der linken Hand auf Knopfdruck geschaltet, nach vorn geht's rauf, nach hinten runter. Da kann man sich vertun, was uns einige Male passiert ist. Das Herunterschalten erledigt im Zweifelsfall die Automatik. Die sorgt auch dafür, dass man nicht zu früh von 1 in 2 kommt. Denn wenn die Geschwindigkeit nicht hoch genug ist, verweigert sie die Ausführung. Der Can-Am (nicht diese Variante) kann aber zudem mit einer herkömmlichen Fünfgangschaltung gefahren werden, die wie auf dem Motorrad bedient wird. Und natürlich gibt es stets einen Rückwärtsgang, den man zum Rangieren unbedingt braucht. Weil er als Auto typisiert ist, muss er zudem eine Feststellbremse haben. Sie wirkt nur aufs Hinterrad. Der Fußhebel dafür sitzt links unten, Scheibenbremsen haben alle drei Räder.

          Nicht so leicht zu übersehen

          Der einzige Vorteil gegenüber einem Motorrad mag der sein, dass man nicht so leicht übersehen wird, und im Bug findet sich ein 44-Liter-Staufach, beim RS-S gehört sogar ein exakt passender Rollenkoffer zum Lieferumfang. Wer noch mehr Stauraum braucht, kann im Zubehör-Handel Packtaschen oder ein Topcase erwerben. Der Tank des Can-Am befindet sich unter der Sitzbank. Mit einem Volumen von 25 Liter erscheint er zunächst üppig, doch berücksichtigt man den hohen Verbrauch (im Schnitt 8,2 Liter Superbenzin, maximal 8,8 Liter auf 100 Kilometer), ist er allenfalls angemessen. Wie mit dem Motorrad wird man nach gut 200 gefahrenen Kilometern zum Tanken geschickt. Mit einer Gesamtlänge von 2,67 Meter benötigt der Can-Am so viel Parkraum wie ein Smart. Geärgert hat uns ein Wackelkontakt am Anlasser. Vor allem am Ende der kurzen Bekanntschaft sprang der Motor erst nach dem x-ten Druck auf den Knopf an.

          Hinter dem Can-Am steht der kanadische Konzern Bombardier. Das Kürzel BRP im offiziellen Unternehmensnamen steht für "Bombardier Recreational Products", eine der Konzernaktivitäten neben dem Bau von Bahntechnik und Flugzeugen. Von BRP gibt es unter anderem Außenborder, Jetski, Sportboote, Quads und Schneemobile. Letztere standen Pate für den Can-Am. Man muss sich nur Kufen statt Räder und eine Walze statt des dicken Personenwagenrads hinten vorstellen. Das dritte Rad wird von einem Riemen angetrieben, der erst nach 50 000 Kilometer gewechselt werden muss.

          Das besprochene Modell kostet 19 679 Euro

          20 Händler verkaufen die Can-Am-Spyder-Modelle in Deutschland. Das besprochene Modell kostet 19 679 Euro. Über die Zahl der verkauften Einheiten seit Sommer 2008 macht BRP keine Angaben, allerdings will allein die Jet Factory nahe Frankfurt mehr als 100 Dreiräder abgesetzt haben. Für das nächste Jahr ist eine auf den Namen Spyder RT Limited getaufte Variante angekündigt, die weitaus mächtiger daherkommt und sich mit einer großen Scheibe, Packtaschen und einer gestuften Sitzbank besser für eine große Tour eignen soll. Der Motor bleibt der gleiche, der Preis wird weit über 20 000 Euro liegen.

          Man muss nicht alles haben, ist unser Fazit zum Can-Am Spyder. Wer aber Freude an einem außergewöhnlichen Fahrzeug hat und das Kurvenfahren als sportliche Herausforderung versteht und nicht zu sehr dem Motorrad als solchem nachtrauert, mag seinen Spaß haben. Billig ist er freilich nicht.

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