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S-Klasse von Mercedes-Benz : Das große Staunen hinter dem Stern

Die neue S-Klasse von Mercedes-Benz Bild: Hersteller

Die neue S-Klasse von Mercedes-Benz ist vorgefahren. Schnell verirrt man sich im Bediensystem. Wir haben Ruhe bewahrt und das komplizierte Menü kennengelernt.

          4 Min.

          „Bringt die Leute zum Staunen!“ So oder ähnlich muss die Anweisung für die Designer des Innenraums gelautet haben. In der Tat ist in der neuen S-Klasse von Mercedes-Benz, die im vergangenen Jahr debütierte, vieles zum Staunen, bisweilen wundert man sich. Lernen muss man in jedem Fall, und häufig schüttelt man nach ausgiebiger Erprobung nur den Kopf.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die beiden hochauflösenden TFT-Farbdisplays mit einer Diagonale von jeweils 30,7 Zentimetern sind das wohl beeindruckendste Detail des Innenraums. Links zeigen sich die gewohnten Instrumente wie Tachometer und Drehzahlmesser als digital erzeugte Runduhren mit nachgebildetem Zeiger. Die Helligkeit lässt sich justieren, zudem ist die Beleuchtung in verschiedenen Farbtönen zu verstellen. Auf wundersame Weise reduziert sich die Skala zu einem Dreiviertel-Kreisbogen, wenn man zum Beispiel den Nachtsicht-Assistenten einschaltet.

          Auf dem großen Monitor rechts steuert man Infotainment sowie Komfortfunktionen, und wenn die Anzeigen mit der Splitview-Technik bestellt wurden, lassen sich für Fahrer und Beifahrer unterschiedliche Bildschirminhalte darstellen. Der Fahrer beobachtet die Navi-Karte, der Beifahrer Marietta Slomka im „heute journal“. Die Anzeige rechts – Mercedes-Benz nennt sie das Zentraldisplay – ist in der Regel im Verhältnis 2:1 in einen großen Haupt- und einen kleineren Zusatzbereich geteilt, in Letzterem sind ergänzende Informationen eingeblendet, oder man kann permanent bestimmte Daten wie den Treibstoffverbrauch abrufen.

          Viele Tasten für viele Funktionen

          Und wie bedient man das Ganze? Man bewahre vor allem Ruhe und gönne sich Zeit zum Kennenlernen des Fahrzeugs, es ist kompliziert. Viele Wege sind angelegt, manche davon erweisen sich jedoch als Sackgassen. Brüche im „User Interface“ gibt es zuhauf. An erster Stelle kommt der bekannte Controller zum Einsatz. Kippt man ihn nach oben oder unten, gelangt man in die Comand-Abteilungen, die in einer oberen und unteren Menüzeile wählbar sind. Für den Weg zurück gibt es eine eigene Taste, Hauptmenüs wie Radio oder Navigation haben ebenfalls fest programmierte Tasten. Während die meisten Menüs als viereckige Blätter übereinandergelegt werden, kommen nun kreisförmige dazu, etwa zur Sitzverstellung. Und, oh je, einige Funktionen der Klimaanlage sind ganz ausgegliedert, man ruft sie über eine Taste auf, die nicht „Klima“, sondern „Menü“ heißt.

          Von Audi hat Mercedes-Benz die Idee eines Touchpad übernommen, das nun anstelle der Telefontastatur früherer S-Klasse-Modellreihen schräg hinter und über dem Controller angebracht ist, so dass die Fläche dieser übergroßen Computermaus zugleich als Handablage dient. Wahlweise ruft man damit Befehle auf oder nutzt die Handschrifterkennung, indem man mit dem Finger einen Buchstaben nach dem anderen auf die Fläche malt. Jedes erkannte Zeichen wird vorgelesen, man muss also den Blick nicht von der Straße nehmen. Aber die Erkennung im Audi arbeitet deutlich besser, und mit dem Touchpad und der Gestensteuerung (auch mit zwei Fingern) ist noch eine weitere Bedienebene hinzugekommen.

          Die Monitore: Auch Tachometer und Drehzahlmesser sind digital erzeugt.

          Die drei Zusatztasten am hinteren Rand der Fläche sind nicht ertastbar, hier muss man doch wieder den Blick nach unten richten. Der Pluspunkt: Erkennt das System die aufliegende und ruhende Hand, wird es deaktiviert, Fehleingaben sind also nahezu ausgeschlossen. Die dritte Zusatztaste mit Sternchen heißt noch immer Favoritentaste. Früher diente sie bei Mercedes-Benz zur Programmierung einer frei wählbaren Aufgabe. Nun zaubert sie, wer hätte es gedacht, ein weiteres Menüsystem auf den Bildschirm, es besteht aus elf Kacheln. Und dann gibt es übrigens noch ein Audio-Kurzmenü, das von unten her aufploppt, ein weiterer Designbruch.

          Kurzum: Mit dem Nutzer-Interface hat es Mercedes-Benz gut gemeint. Es fehlen aber die klaren Linien. Die beste Lösung für Ungeduldige ist die Spracherkennung. Einzelne Funktionen haben wir trotzdem nicht gefunden, auch nicht in der Anleitung. Etwa eine Option, die akustischen Navigationshinweise ein für allemal auszuschalten. Nach jeder noch so kurzen Pause sind sie wieder aktiviert. Auch für den Titelsprung zum nächsten Musikstück gibt es keine eigene Taste mehr. Man muss stets ein Bildschirmmenü aufrufen. Dass selbst in der gedruckten Anleitung immer wieder lapidar auf die digitale Bedienungsanleitung im Fahrzeug verwiesen wird, sei als weiteres Ärgernis nicht verschwiegen.

          Comand Online gehört in der S-Klasse zur Serienausstattung, auch die Internetanbindung gelingt im Prinzip ohne zusätzliche Investitionen, wenn das Smartphone über Bluetooth-Tethering und das Pan-Profil verfügt. Das Angebot an Internetdiensten bleibt wie gehabt eher klein, am sinnvollsten ist unseres Erachtens die Online-Suche nach Sonderzielen. Wer eine bessere Mobilfunkanbindung in Regionen mit schwacher Funkversorgung sucht, werfe einen Blick auf das Telefonmodul mit Bluetooth, das über die Außenantenne funkt, den Einsatz der eigenen Sim-Karte erlaubt oder mit dem Bluetooth-Profil Sim Access arbeitet, das jedoch nur selten bei Smartphones anzutreffen ist.

          Minimale Ablenkung trotz großer Monitore

          Das Surfen geht also aufs eigene Konto, während für die Verkehrsdienste eine separate Sim-Karte fest im Fahrzeug verbaut ist und erstmals bei Mercedes-Benz die Online-Staudaten von Tom Tom zum Einsatz kommen. Drei Jahre lang lassen sich die Verkehrsinformationen unentgeltlich nutzen, danach muss man ein Abonnement abschließen.

          Auf dem Touchpad gilt: Malen mit dem Finger

          Die Qualität der Daten ist erstklassig. Den Umleitungsempfehlungen nicht zu folgen ist fast immer falsch. Die Verkehrslage wird auch auf der Landstraße und in der Stadt präzise abgebildet, die berechneten Fahrzeiten stimmen. Bisweilen fährt man einen großen Bogen, aber es ist die eingestellte schnellste Route. Hier ist Mercedes-Benz Audi und BMW klar voraus. Die stellen allerdings das Verkehrsgeschehen auf ihren Bordsystemen deutlich besser und in jeder Zoomstufe der Karte dar. Dass es keine Option gibt, die Störungen entlang der Route und in der Nähe auf einen Blick zu sehen, fällt ebenfalls auf.

          Unser Fazit nach zwei Wochen in der neuen S-Klasse: Die großen Monitore sind toll, aber nicht alles. Das schönste Zubehör bleibt diskret im Hintergrund und ist nur vom Fahrer zu sehen. Es ist das Head-up-Display, das Fahrinformationen und Navi-Hinweise über der Motorhaube erscheinen lässt. Die Darstellung ist schlicht gehalten, das Wichtige hat man stets im Blick – und die Ablenkung ist minimal.

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