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Detroit Motorshow : Den Abstieg noch einmal hinausgezögert

  • -Aktualisiert am

Der neue VW Passat Bild: Xinhua / eyevine / laif

Der Niedergang der Automessen macht auch vor Detroit nicht halt. Doch die Motorshow in Michigan kämpft überraschend tapfer um den Verbleib in der ersten Liga – selbst wenn viele Stammspieler fehlen.

          Präsident Donald Trump würde sich auf der Detroit Motorshow in diesem Jahr ganz sicher wohl fühlen – America first. Denn selten hatten die drei Hersteller des Landes bei ihrem Heimspiel am Lake Michigan so viel Aufmerksamkeit sicher – und diese haben sie weidlich genutzt: für lokal extrem wichtige Premieren wie die neuen Midsize Pick-ups von Chervolet und GMC aus dem GM-Lager und einen neuen Ram vom FCA, für die Neuauflage des Ford Explorer, der zu den erfolgreichsten Geländewagen in den Vereinigten Staaten zählt und diesmal auch nach Europa verkauft werden soll, für den ebenfalls exporttauglichen Cadillac XT 6 als Antwort auf Mercedes GLE und BMW X5 oder für den 700 PS starken Shelby GT 500, mit dem der Ford Mustang gar vollends zum Traumwagen der ewig gestrigen Heavy-Metal-Fraktion wird.

          Allerdings liegt die große Beachtung nicht allein an der von Torschlusspanik befeuerten Zeigefreude der amerikanischen Hersteller, sondern vor allem an der Schwäche des Marktes und der nachlassenden Anziehungskraft der Messe. Denn vor allem die deutschen Hersteller haben Detroit nahezu geschlossen den Rücken gekehrt und die mehr als 100 Jahre alte Leitmesse zum Beginn des Autojahres damit auf einen gefährlichen Abstiegskurs geschickt. Genauso, wie es zuletzt auf dem Pariser Salon war und es womöglich bald bei der IAA in Frankfurt sein wird, sind deshalb in der Cobo Hall die Gänge in diesem Jahr spürbar breiter.

          Die Wände sind großflächig mit schwarzem Tuch abgehängt. Die Flächen, die früher von Audi, BMW und Mercedes-Benz belegt worden sind, stehen jetzt voll mit gebrauchten Sportwagen und getunten Muscle-Cars, die ohne Messebau und ohne Scheinwerfer auf buntem Flokati weniger präsentiert als geparkt sind. Und weil selbst damit der Leerstand nicht ganz kaschiert werden kann, gibt es mittlerweile mitten in der Halle künstliche Offroad-Parcours und riesige Futterflächen mit Burgern oder Donuts.

          Auch die amerikanischen Pick-ups von Ram sind auf der Messe zu sehen. Bilderstrecke

          Während die deutschen Nobelmarken frühzeitig das sinkende Schiff verlassen, hält VW den Amerikanern die Treue und schmeichelt sich gleich mit zwei guten Nachrichten bei ihnen ein: in der Theorie mit einer Investitionszusage über 800 Millionen Dollar, für die das amerikanische Werk Chattanooga für den Bau von Elektrofahrzeugen aus der ID-Familie erweitert werden soll, und in der Praxis mit einem neuen Passat, der wieder eigens für Nordamerika entwickelt wurde.

          Das sichtlich aufgewertete Stufenheck ist nicht nur ein Bekenntnis zur gesichtslosen Mittelschicht, sondern auch ein Signal für das Segment selbst. Denn während Ford und General Motors eine Limousine nach der anderen aus dem Portfolio streichen, will VW auch künftig nicht alles auf die SUV-Karte setzen. Selbst wenn die Niedersachsen ihr Angebot an Allradlern weiter ausbauen und über die Kooperation mit Ford jetzt sogar ins amerikanische Pick-up-Geschäft einsteigen wollen, gibt der eigens nach Detroit gereiste Konzernchef Herbert Diess dem Passat genau wie dem Jetta Bestandsschutz.

          Zu den Gewinnern der Aufmerksamkeitskrise und des Abstiegskampfs in Detroit zählen auch die Asiaten, die das Vakuum der Deutschen spielend füllen: Wo Mercedes neue Traumwagen vermissen lässt, zaubert Lexus eine ziemlich seriennahe Cabrio-Studie des LC aus dem Hut. Wenn Porsche nicht zum Rasen reizt, übernimmt das Toyota mit der Rückkehr des Supra, der als Cousin des BMW Z4 mit leidenschaftlichem Design und leistungsstarkem Sechszylinder zur japanischen Übersetzung für Freude am Fahren werden will. Und wenn es bei BMW oder Audi keine visionären Studien zu sehen gibt, springt eben Nissan mit gleich zwei Konzeptautos in die Bresche.

          Das eine ist eine abgefahrene und deshalb auch relativ chancenlose Kreuzung aus SUV und Stufenheck, die es trotz Elektroantrieb wohl nie in die Serie schaffen wird. Und das andere ist ein dafür umso greifbarerer Vorbote des ersten elektrischen Geländewagens von Infiniti, den die Japaner nicht ohne Grund in Detroit enthüllt haben. Schließlich hat vor knapp 30 Jahren die Geschichte der noblen Nissan-Tochter in Nordamerika begonnen.

          Ob allerdings das nächste Kapitel ebenfalls am Lake Michigan aufgeschlagen wird und die Serienversion in zwei bis drei Jahren wieder in Detroit zu sehen sein wird, das vermag bei den Japanern noch keiner zu sagen. Nicht, weil sie Zweifel an der Umsetzung der Studie hätten, selbst wenn das saubere SUV außen nicht so glatt und innen nicht so glamourös ausfallen dürfte, sondern weil noch keiner abschätzen kann, ob der Marktstart noch so lange hinauszuzögern ist. Sonst, Mr. President, sonst kommt Amerika nicht first, sondern zumindest Detroit spielt dann in der zweiten Liga.

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