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Design-Genie Paul Bracq : Meisterwerke für 500 Mark

Feuer! 1972 präsentierte sich München zu den Olympischen Spielen als Zukunftsstadt, und Paul Bracq lieferte das passende Ufo dazu: den BMW Turbo Bild: BMW

1957 kommt ein junger französischer Designer zu Mercedes - und entwirft so legendäre Autos wie den „Pagoden-SL“. Für BMW zeichnet er von 1970 an den Turbo und die späteren 3er und 5er. Was macht Design-Genie Paul Bracq heute?

          Die Stimmung war nicht gut auf diesem Automobilsalon in Paris. Die Suez-Krise, der Treibstoffmangel und die Benzinrationierung machten den Herstellern zu schaffen, und selbst der Blick in den sonst so feierlich glitzernden Himmel über Paris machte den Besuchern keine große Freude mehr, seit man wusste, dass die Russen gerade vor ein paar Tagen, am 4. Oktober, einen kugelförmigen Satelliten ins All geschossen hatten: Die westliche Welt stand in diesem Herbst des Jahres 1957 unter dem Sputnik-Schock - was die Vertreter von Daimler-Benz aber nicht daran hinderte, ihre Abende während des Autosalons in den besten Restaurants der Stadt zu verbringen. Mit dabei war der junge französische Designer Paul Bracq, gerade dreiundzwanzig Jahre alt und der Einzige in der Mercedes-Delegation, der französisch konnte. Auf der Speisekarte standen als Vorspeise „Huitres“. Die Chefs wussten nicht, was das heißen solle. Bracq wusste, was „Huitres“ sind, sprach aber kaum deutsch und kannte die Übersetzung „Austern“ nicht. Also musste er seinen Chefs anders klarmachen, was eine Huitre ist. Er überlegte kurz und sagte dann: „Das ist eine - Fisch mit Karosserie.“

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Satz wurde legendär in der Design-Abteilung von Mercedes: Noch Jahrzehnte später wurde Paul Bracq bei Mercedes darauf angesprochen, ob man nicht mal wieder Fische mit Karosserie essen gehen sollte. Da war der 1933 geborene Franzose längst einer der berühmtesten Autodesigner seiner Zeit - denn Paul Bracq hat nicht nur die schönste Umschreibung für eine Auster, sondern auch eine ganze Reihe von Autos erfunden, die zu den elegantesten Fahrzeugen des 20. Jahrhunderts gehören. Bei Mercedes war er - zusammen mit Karl Wilfert und Friedrich Geiger - federführend an der Gestaltung des intern W113 getauften Zweisitzers beteiligt, der 1963 vorgestellt und als „Pagoden-SL“ berühmt wurde.

          Automodelle und abstrakte Skulpturen

          Bracq entwarf die Karosserie des Über-Mercedes 600, der den Ruf von Mercedes als Lieblingsauto von Superstars, Despoten und Milliardären zementierte, und er gab den Träumen des Bürgertums eine zeitlos elegante Form: Bracq und sein Team zeichneten den Mercedes 220S ebenso wie den Strich-Achter (Werkscode W114/115), der von 1968 bis 1976 gebaut wurde und sich über zwei Millionen Mal verkaufte - so oft wie alle Mercedes-Nachkriegsmodelle zusammen. 1970 wechselte Bracq die Fronten und entwarf als BMW-Designchef das spektakuläre Concept-Car Turbo sowie die 3er-, die 5er- und die 7er-Modelle.

          Man kann sagen, dass etliche der Modelle, die zum internationalen Ruf deutscher Autos als nicht nur zuverlässige, sondern auch formschöne Fahrzeuge beitrugen, von einem Franzosen entworfen wurden - der, als er all diese Wagen entworfen hatte, noch keine vierzig Jahre alt war. Was macht ein solches Wunderkind des Autodesigns heute?

          Meine Frau, mein Auto, mein Paris: Alice Bracq 1963 neben der „Pagode“

          Paul Bracq ist 78 Jahre alt und lebt wieder dort, wo er geboren wurde: in Bordeaux, in einem modernen Apartment, dem man die Leidenschaften seiner Bewohner auf den ersten Blick ansieht. Auf Tischen und in Vitrinen stehen Automodelle und abstrakte Skulpturen, an den Wänden hängen Gemälde von Autos und Kunstwerke von Alice, seiner Frau, die Paul Bracq 1961 in Stuttgart kennenlernte. Seit er denken könne, sagt Bracq, habe er Autodesigner werden wollen. 1950 ging er auf die Pariser École Boulle; drei Jahre später, gerade einmal zwanzig Jahre alt, wurde er Assistent des Designers Philippe Charbonneaux, doch dann meldete sich das Militär: Bracq wurde nach Deutschland in den Schwarzwald abkommandiert. Als er einen Dienstwagen des französischen Militärkommandanten zur Wartung nach Stuttgart bringen musste, stellte er sich kurzerhand mit einer Mappe in der Presseabteilung von Mercedes vor. Karl Wilfert wurde auf ihn aufmerksam, der Rest ist Legende: Schon 1957 beruft man Bracq, gerade 24-jährig, zum Chef der Abteilung Advanced Design. Er bekommt 500 Mark Anfangsgehalt, wohnt jahrelang spartanisch zur Untermiete, um sich einen Porsche kaufen zu können, steht jeden Morgen um fünf auf - und wird in den folgenden zehn Jahren zu einem der wichtigsten Autodesigner de 20. Jahrhunderts.

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