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Der Rover 75 als Gebrauchtwagen : Ein schönes, aber glückloses Auto

Ein flottes, aber glückloses Auto Bild:

Der Rover 75 startete 1999 als der große Hoffnungsträger. Der Ausstieg von BMW kein Jahr später hinterließ einen großen Scherbenhaufen, doch die Marke existiert weiter. Und der 75 ist kein so schlechtes Auto.

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          Selten stand ein neues und an sich sehr gutes Auto unter einem so schlechten Stern wie der Rover 75. Im Sommer 1999 kam er auf den Markt, er war der erste Rover, der vollständig unter der Regie von BMW entwickelt worden war, und er war der große Hoffnungsträger. Mit ihm sollte die Erneuerung der britischen Traditionsmarke beginnen, deren Personenwagenpalette zu diesem Zeitpunkt (im Gegensatz zu den Land Rovern) nur aus ältlichen Modellen bestand.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Anfangs erhielt der neue, 4,75 Meter lange Grenzgänger zwischen Mittelklasse und obererer Mittelklasse fast durchweg gute Noten. Das Design wurde in den höchsten Tönen gelobt - innen wie außen. Insbesondere das Armaturenbrett mit viel Holz, ovalen Instrumenten samt elfenbeinfarbener Zifferblätter war und ist eine Augenweide. Zudem ist auf der Rückbank Beinfreiheit in Hülle und Fülle (bei zugegeben knapper Kopffreiheit). Selbst ohne die aufpreispflichtige Lederausstattung darf man sich im Rover so fühlen, als fahre man einen kleinen Rolls-Royce. Und der 75 wirkt sehr solide, die Türen fallen mit einem satten Klang ins Schloß.

          Fahrverhalten und Federungskomfort sind auf der Höhe der Zeit. Es gibt allerdings kein ESP, dank Frontantrieb ist der Wagen aber auch in kritischen Situationen leichter zu beherrschen. ABS, Servolenkung sowie vier Airbags sind generell serienmäßig, seit Februar 2002 gibt es außerdem noch Kopfairbags. Von den vier ursprünglich zur Wahl stehenden Motoren passen der 2,5-Liter-V6 (130 kW/177 PS) und der 2,0-Liter-Common-Rail-Diesel (85 kW/115 PS) am besten. Der Vierzylinder-Basismotor (1,8 Liter Hubraum und 88 kW/120 PS) ist mit der 1,5 Tonnen schweren Limousine überfordert, das gilt auch mit Einschränkungen für den kleinen V6 mit 2,0 Liter Hubraum (110 kW/150 PS). Der kleine V6 - 2003 vom Markt genommen - war im Sommer 1999 bei "Technik und Motor" zu Gast: Mit Automatik war ein Durchschnittsverbrauch von 9,9 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer zu konstatieren. Der Diesel begnügte sich wenig später mit 7,0 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer. Zu kritisieren gab es sonst wenig, außer vielleicht dem zu kleinen Kofferraum, der ein Fassungsvermögen von nur 432 Litern hat.

          Daß der erste Testwagen einige Verarbeitungsmängel hatte (Tempomat funktionierte nicht, Lenkrad war nicht richtig eingepaßt, Radioantenne nicht angeschlossen), kam nicht von ungefähr. BMW hatte zuvor den Marktstart um zwei Monate verschoben, eben wegen Qualitätsmängeln, aber offenbar ging doch noch zu viel durch. Viele Händler beklagten sich über solche Detailmängel (ausgefallene Fensterheber, lose Auspufftöpfe). Da war er offenbar wieder, der gefürchtete alte englische Schlendrian.

          Letztlich kam der Verkauf nicht so in Gang, wie man es erwartet hatte. Gerüchte, BMW werde sich von Rover trennen, kamen auf. Die Folge waren verunsicherte Kunden, die sich bestätigt sahen, als sich BMW im März 2000 tatsächlich von Rover trennte. Im folgenden Tohuwabohu kam die an sich feine Limousine erst recht nicht auf Stückzahlen, die Einführung des Kombis (Tourer genannt) wurde verschoben. Die Ersatzteilversorgung stockte, Kunden warteten auf bestimmte Teile wochenlang.

          Nun, Rover existiert heute noch, der Tourer kam im Sommer 2001, wenig später frischte die nun als MG-Rover selbständig agierende Marke den 75 mit besonders sportlichen Varianten als MG zusätzlich auf. Seit einem Jahr wird ein anderer Dieselmotor angeboten, der bei gleichem Hubraum etwas mehr Leistung hat (96 kW/131 PS), und zum Modelljahr 2004 gab es ein Facelift (siehe Bild vom Tourer).

          Rover bewegt sich also noch, obwohl neben dem 75 wie vor fünf Jahren nur Modelle angeboten werden, die noch aus der Zeit mit Honda stammen (Typen 25 und 45). Der neue Streetwise ist eine Ableitung des 25. Neue Modelle müssen her, sonst kann die Marke nicht überleben. Viele Automobilexperten zweifeln nach wie vor an der Zukunft von MG-Rover.

          Für den Verkauf von Neufahrzeugen sind das keine guten Voraussetzungen. Im vergangenen Jahr hat MG-Rover Deutschland 5712 Fahrzeuge abgesetzt, was einem Plus von neun Prozent gegenüber 2002 entsprach. Mit 1672 Verkäufen war der 75 einer der Leistungsträger im Programm. Dieses Jahr will man 6700 Neuwagen verkaufen und das Händlernetz vergrößern. Unlängst konnten in den Ballungsgebieten München, Hamburg, Düsseldorf, Köln und Dresden zehn neue Partner gefunden werden. Auch auf dem platten Land will man zulegen.

          Dennoch braucht es Mut, sich einen gebrauchten 75 zu kaufen. Zwar sind die Preise niedrig, und "keiner bietet in der oberen Mittelklasse mehr Stil", sagt der ADAC in seinem aktuellen Gebrauchtwagen-Spezialheft. Doch es hapert an der Zuverlässigkeit. Der Klub moniert bis zum Baujahr 2000 häufige Motorschäden wegen durchgebrannter Zylinderkopfdichtungen. Und bis in dieses Baujahr hinein seien defekte Kupplungen und Automatikgetriebe, undichte Kühler und funktionsunfähige Thermostate zu registrieren. Das Motormanagement falle manchmal aus. Offenbar sind jüngere Modelle besser: Bekamen von 1000 Rovern des Baujahrs 2000 im Schnitt 58 Pannenhilfe (Wertung: schlecht), waren es nur noch 9 beim Baujahr 2002 (Wertung: mittel).

          Wer ein individuelles Auto in dieser Klasse sucht, wird kein besseres finden. Und man kann ziemlich sicher sein, daß der 75 einmal ein gefragter Klassiker werden wird. Nur, dafür muß man einen langen Atem haben.

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