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VW-Bus : T mit Schuss

Im VW wirkt die Inneneinrichtung altertümlicher als im Mercedes, aber vieles ist am richtigen Platz. Bild: Hersteller

Volkswagen frischt seinen irgendwie von allen geliebten Bus auf und will sich nicht länger von Mercedes in die Parade fahren lassen. Das bringt einen Tiroler Wirt zur Verzweiflung.

          Gute Gastwirte sind gute Gesprächspartner. Die brauchen nämlich neben zuverlässigem Personal vor allem eins: einen robusten Mehrzwecktransporter, der überall durchkommt. Im Winter mit Ski und Gästen, im Sommer mit Mountainbikes. Unser Wirt aus Tirol fährt seit Generationen VW-Bus. Fuhr, besser gesagt. Weil die Hannoveraner mit ihren Tarifen, wie er sagt, „wohl einen Schuss haben“. So nennt er jetzt einen Fiat Talento sein Eigen, den er für den halben Preis eines Volkswagens bekommen hat. Den schneebedeckten Weg zum Bahnhof saust er seither mit Anlauf hoch, weil er mit nur zwei angetriebenen Rädern sonst stecken bleibt, der Komfort sei arg bescheiden, und die Verarbeitung na ja. Vielleicht wird es beim nächsten Mal wieder ...

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Kurze Denksportaufgabe: Es sollen bis zu acht Personen kommod transportiert werden, dazu etwas Gepäck, und weil das Geläuf bisweilen widerspenstig ist, muss Allradantrieb her. Für den ersten Teil der Anforderungen haben etwa Peugeot und Citroën neuerdings adrette Offerten, einschließlich des zweiten Teils wird die Lage übersichtlich. In der Welt der Großraumtaxis, VIP-Shuttles, Kindertransporter und Campingmobile kommt der VW-Bus und dann lange nichts.

          Sagen wir so: Bis vor fünf Jahren kam lange nichts, denn Mercedes-Benz, der einzige ernstzunehmende Konkurrent, beschränkte sich darauf, seinen Nutzfahrzeugen die gröbsten Baustellenmanieren auszutreiben. Dann erschien plötzlich eine V-Klasse, wie sie die dem Personenwagen zugeneigte Klientel noch nicht erlebt hatte. Seither griffen 209.000 Kunden zu, allein im vergangenen Jahr waren es 64.000. Und Mercedes-Benz schickt sich gerade an, sein Modell mit leichten Retuschen auf der Höhe der Zeit zu halten.

          Mit dem T6.1 bleibt die äußere Gestalt nahezu unverändert. Bilderstrecke

          Wer daran zweifelt, dass hier wie dort die besten Kleinbusse der Welt gebaut werden, setze sich hinein und fahre eine längere Strecke. Im VW wirkt die Inneneinrichtung altertümlicher als im Mercedes, aber vieles ist am richtigen Platz, die Sitzposition steht Stunden am Stück nicht entgegen, das Gefühl als kleiner Kapitän der Landstraße ist unbezahlbar, und der Eindruck weitgehender Unzerstörbarkeit tröstet über die Plünderung des Girokontos mit jedem Kilometer besser hinweg. Seit fast 70 Jahren ist der VW-Bus auf dem Markt und eine Ikone automobiler Geschichte geworden. Intern T für Transporter genannt, kam er nach seiner Vorstellung 1949 in Wolfsburg ein Jahr darauf als T1 auf den Markt und hat seitdem eine Auflage von beinahe zwölf Millionen Fahrzeugen erreicht. Mittlerweile ist er als T6 auf den Straßen und erfährt im September als T6.1 eine ordentliche Erfrischung. Außen am auffälligsten und besonders zu begrüßen ist die Entfernung der Tränensäcke, wir fragen uns noch immer, wie jemals jemand dieses Tagfahrlicht entwerfen durfte. Fortan ist der Lidstrich gestrafft, hinzu kommen zahlreiche technische Anpassungen.

          Und es soll sogar eine elektrische Variante geben, worüber allerdings, wie die Kollegen von „Auto-Bild“ hervorgekramt haben, im Konzern neue Uneinigkeit ausgebrochen sein soll, weil die Entwicklungskapazitäten für die Elektroautos an eine Grenze gestoßen sind, welcher der Bus zum Opfer fallen könnte. Das wäre auch deshalb misslich, da Mercedes eine - sicher nicht billige - batterieelektrische V-Klasse mit 100 kWh-Akku für die nähere Zukunft avisiert hat. Der komplett neue VW-Bus mit der Bezeichnung T7 soll in zwei Jahren auf den Markt kommen, unverändert mit Schiebetüren, aber angeblich flacher und runder, Freunde des praktischen Kastens werden derlei ungern hören. Warten wir es mal ab.

          In der Zwischenzeit schickt VW seinen T6 als Evolution T 6.1 auf die Reise, und der wird kaum schlechter sein als bisher. Das auslaufende Modell bewegten wir zuletzt als Multivan mit 7 Sitzen, 2-Liter-Dieselmotor, DSG-Getriebe, 192 PS, Allradantrieb und vollster Zufriedenheit. 65.000 Euro sind bitter, es muss aber nicht das Spitzenmodell sein. 9,4 Liter Diesel Durchschnittsverbrauch im Alltagstest halten wir für angenehm, bis zu 800 Kilometer Reichweite für stressfrei.

          Mit dem T6.1 bleibt die äußere Gestalt nahezu unverändert, wie im Mercedes brauchen die modifizierten Motoren aber mehr Luft, weshalb die Einlässe üppiger werden. Die Scheinwerfer sind etwas kleiner, LED-Licht ist optional bestellbar. Vier Diesel mit je 2 Liter Hubraum verrichten Aufgaben des Vortriebs, ihre Leistung reicht von bescheidenen 90 über vernünftige 110 bis zu packenden 199 PS. Benzinmotoren sind schon länger nicht mehr im Programm und auch wahrlich Unfug in dieser Klasse. Dafür soll nach bisheriger offizieller Lesart der Kooperationspartner Abt aus Kempten eben eine Elektrovariante entwickeln, mit 112 PS und zwei Akku-Größen. Die Batterie mit 38,8 kWh Kapazität soll 200 Kilometer Normreichweite bieten, die Version mit 77,6 kWh mehr als 400 Kilometer.

          Volkswagen gibt seinem halbneuen Bus viele frische Assistenten mit auf den Weg und auf Wunsch auch ein digitales Cockpit. Allerdings ziehen die Preise damit nochmal an. Unser Wirt nimmt darauf jetzt erst mal einen Obstler.

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