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Dienstwagen des Tenno : Des Kaisers neuer Gleiter

  • -Aktualisiert am

Der neue Kaiser Naruhito und sein Toyota Century. Bild: Geiger

Japan hat einen neuen Tenno, doch sein Dienstwagen sieht aus wie vor 50 Jahren. Dabei ist auch die erste Limousine im Staat frisch aufgelegt. Wir durften sie fahren.

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          Wenn sich in diesen Tagen in Tokio das Tor des Kaiserlichen Palastes öffnet und der neue Tenno seine ersten Dienstfahrten macht, dann mag man zwar ein frisches Gesicht sehen. Doch zumindest sein Auto sieht aus wie immer. Denn in mittlerweile ziemlich genau 50 Jahren hat sich am Toyota Century nicht viel geändert. 1967 als lokalpatriotische Antwort auf Rolls-Royce & Co aufgelegt und angesichts des 100. Geburtstags des Firmengründers Sikachi Toyoda mit einem Jahrhundert-Namen bedacht, fährt er zwar seit letztem Herbst in der dritten Generation. Aber selbst die neueste Auflage der ersten Limousine im Staat sieht aus wie ein fabrikneuer Oldtimer, so barock ist die ebenso ehrwürdige wie ehrfurchtgebietende 5,43-Meter-Limousine für die heimische Elite gezeichnet.

          Aus gutem Grund. Denn so fortschrittlich Japan mit seinen Bullet-Trains, seinen Wolkenkratzern und den allgegenwärtigen Robotern nach außen auch erscheinen mag, so traditionell und bisweilen altmodisch gibt sich das Volk nach innen. Zwar wirken Tokioter Stadtteile wie Akihabara oder Shibuya wie utopische Visionen von Manhattan oder Charlottenburg. Doch in vielen Vorstandsetagen schwören sie noch auf Faxgeräte und immer wieder sieht man in der U-Bahn Menschen, die ihr Smartphone vor dem Telefonieren noch aufklappen.

          Genau das ist der Geist, in dem der Century auftritt: Außen kantig mit einer klassisch strengen Linienführung und bis auf den riesigen Chromgrill und die laternengleichen Rückleuchten eher nüchtern gezeichnet und innen fast schon ein wenig verstaubt. Die Sitze sind deshalb nicht mit Leder bezogen, sondern mit Wolle. Statt getönter Scheiben oder schwarzer Jalousien gibt es elektrische Seidenvorhänge in weißem Feinstrick. Wo andere Hersteller auf Ambientebeleuchtung und Wellnessprogramme setzen, haben die Ingenieure eine Ottomane in den Fußraum gezimmert, einen Zeitschriftenständer zwischen die Sitze geschraubt und einen Halter für den Schuhlöffel am Türrahmen vorgesehen. Natürlich liegen über den endlos weichen Polstern die gleichen Häkeldeckchen, die man aus den Tokioter Taxen kennt - nur dass sie hier noch weißer sind als weiß und das gleiche Signet tragen, das die Japaner auch in die Stoffverkleidung des Dachhimmels gewebt und in das Gitter hinter dem Kühlergrill gegossen haben.

          Der Arbeitsplatz des Fahrers hat so gar nichts von einer modernen Luxuslimousine. Bilderstrecke

          Auch der Arbeitsplatz des Fahrers hat so gar nichts von einer modernen Luxuslimousine: Die Instrumente sind noch analog, die Displays kaum besser aufgelöst als das Bedienfeld einer Mikrowelle aus den 1990ern und die Schalter erinnern verdächtig an den Prius - nur dass es hier ein paar mehr davon gibt. Denn natürlich hat der Century alle gängigen Assistenzsysteme an Bord und allein für die Sitzverstellung und die Jalousien gibt es in der Mittelkonsole mehr Knöpfe als ein Toyota Corolla insgesamt zu bieten hat.

          Aber in diesem Auto geht es nicht um den Fahrer. Sondern der Hauptdarsteller sitzt, nein thront, hinten links und ist in jenem Moment der Welt entrückt, in dem die schwere Tür satt ins Schloss fällt: Von Akustikverglasung, vier Endtöpfen und einer schallschluckenden Elektronik wie in Watte gepackt und mit einer daunenweichen Luftfederung auf Wolken gebettet, wird man im Century nicht chauffiert. Sondern es fühlt sich eher an, als würde man in einer Sänfte über eine Straße aus schaumig geschlagener Sahne ans Ziel getragen.

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