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Audi RS6 Avant, reloaded : So schnell und doch nicht abgehoben

  • -Aktualisiert am

Kaum mehr als sechs Sekunden gönnt er sich für den zweiten Hunderter und bewegt sich damit auf dem Niveau eines La Ferrari. Bild: Hersteller

Binnen neun Monaten hat der Allgäuer Tuner Abt aus dem Audi RS6 Avant ein Beschleunigungswunder gemacht, das beim Kickdown tatsächlich an ein explosives Fluggerät erinnert.

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          Beam me up, Scotty. Normalerweise starten am Flughafen Memmingen nur ein paar lahme Ferienflieger. Doch heute steht eine Rakete am Beginn der Runway, die jedem Düsenflieger die Schau stiehlt – selbst wenn sie am Ende doch nicht abheben wird. Denn in den langen Pausen zwischen den wenigen Starts bittet der Allgäuer Tuner Abt hier zur ersten Testfahrt mit dem RS6-E, und dafür ist eine kilometerlange Gerade genau das richtige. Schließlich haben die Kraftmeier aus Kempten aus dem ohnehin schon granatenmäßigen Audi RS6 Avant binnen neun Monaten ein Beschleunigungswunder gemacht, das beim Kickdown tatsächlich an ein explosives Fluggerät erinnert.

          Schon die 3,5 Sekunden von 0 auf 100 rauben jedem braven Familienvater erst den Atem und dann den Verstand. Doch wenn man jenseits von 100 km/h, wo sich der potente Audi einen Hauch von Schwäche und kaum merkliche Pausen zur Schaltunterbrechung erlaubt, den Boost-Knopf im Lenkrad drückt, stürzt das System der PS-Koordinaten gar völlig in sich zusammen, die Landschaft fliegt wie im Zeitraffer vorbei, und der Kombi wird zum Supersportwagen: Kaum mehr als sechs Sekunden gönnt er sich für den zweiten Hunderter und bewegt sich damit auf dem Niveau eines La Ferrari.

          Dass der Knopf, mit dem man den Boost auslöst, grün ist und nicht rot, hat einen guten Grund – schließlich liefert die zusätzliche Leistung zum ersten Mal in einem Tuning-Fahrzeug der Elektromotor. Zu den 730 PS des Verbrenners kommen so noch einmal 288 PS aus den Kupferspulen im Kardantunnel, so dass der RS6 in der Summe 1018 PS erreicht. Und das kumulierte Drehmoment von 920 Nm aus dem V8 und 371 Nm elektrisch ist auch nicht von schlechten Eltern. Obwohl das Auto fünf Zentner mehr wiegt als in der Serie, nimmt es dem schnellsten Kombi von Abt bis 200 km/h gut und gern 2,5 Sekunden ab.

          Der RS6 mit seinen 560 PS ist schon ab Werk kein Schwächling, und mit dem Abt-Tuning erst recht nicht. Bilderstrecke

          „Bislang haben sich die meisten Tuner um das Thema Elektromobilität gedrückt“, sagt Abt-Manager Rolf Michl. Und auch Abt hat bis dato kein Fahrzeug mit Elektromotoren im Programm. Aber die Bayern fahren seit Jahren in der Formel E und haben eine leistungsstarke Entwicklungsabteilung für elektrische Fremdaufträge installiert, die bereits zahlreiche Akku-Autos auf die Räder gestellt hat. Und weil die Zeit, in der man allein mit bärenstarken V8-Motoren die Beschäftigung von fast 200 Mitarbeitern sichern kann, endlich sind, soll der RS6-E den Weg weisen in eine neue Ära des Tunings. „Wir wollten dieses Thema für uns besetzten und dabei nicht an Emotionen sparen“, rechtfertigt Michl das Projekt.

          Dabei geht es Projektleiter Jens Häberle vor allem um die eindrucksvolle Demonstration des technisch Machbaren. Er schaut weder auf den Verbrauch, noch will er auch nur einen Kilometer elektrisch fahren. Sondern der Elektromotor soll das tun, was er am besten kann – den Verbrenner unterstützen. Nur halt ein bisschen stärker als bei Prius und anderen.

          Die Energie dafür zieht er aus einem flüssigkeitsgekühlten Akku, der im Heck unter dem Kofferraumboden untergebracht ist und von den Gebrüdern Kreisel aus Österreich beigesteuert wird. Mit seiner Kapazität von 13 kWh liefert er genügend Energie für ein gutes Dutzend Sprints, sagt Häberle, der auf die üblichen Sperenzchen zum Wiederaufladen des Akkus verzichtet hat. Nein, der RS6-E kann weder Bremsenergie rekuperieren noch an der Steckdose geladen werden. Sondern Abt zweigt einfach ein bisschen Motorleistung für den Generator ab – die ist ja reichlich vorhanden.

          Zwar ist der RS6 mit seinen 560 PS schon ab Werk kein Schwächling, und mit dem Abt-Tuning erst recht nicht. Doch wenn man – was mit Rücksicht auf das Differential an der Hinterachse erst ab Tempo 100 und bei mindestens 75 Prozent Pedalweg geht – den grünen Knopf im Lenkrad drückt, fühlt sich das Serienmodell an wie eine Vertreter-Kutsche. Man boostet nicht, sondern man beamt, und man weiß nicht, ob das Surren in den Ohren jetzt vom Motor im Mitteltunnel stammt oder einfach nur vom Rausch des Rasens, der das Gehirn mit Adrenalin und Endorphin flutet. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass der Wagen – Allrad hin, aufwendige Aerodynamik her – nicht längst abgehoben hat. Denn wenn er bei Vollgas 320 km/h erreicht, sind die Ferienflieger schon in der Luft.

          Im wörtlichen Sinne ist man für die Bodenhaftung dankbar. Doch im übertragenen könnte der RS6-E schon fliegen. Wenn er nur dürfte. Doch hat Abt offenbar Angst vor der eigenen Courage und sich deshalb gegen eine Kleinserie des RS6-E entschieden. Und dass, obwohl der schon mal kalkulierte Preisbaustein von 80 000 Euro in dieser Liga niemanden gestört hätte und die Kollegen in der Telefonzentrale fast täglich Interessenten abwimmeln müssen. Aber umsonst war die Arbeit ganz sicher nicht, sagt Häberle. „Wir haben viel gelernt bei diesem Projekt und werden den Motor in anderen Autos und vielleicht in einer anderen Auslegung wiedersehen.“ Denn so viel ist für die Bayern sicher: Am Elektromotor führt auch im Tuning bald kein Weg mehr vorbei.

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