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Das Fahrrad passt zu mir : Wie man sitzt, so fährt man

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Komfort und Stabilität in Karbon: Corratec CCT Team Ultegra Di2
Komfort und Stabilität in Karbon: Corratec CCT Team Ultegra Di2 : Bild: Braun

Langsam wird deutlich: Diese Biometrie ist anders. Hier scheint man an der Ursache anzusetzen, statt das Übel hinzunehmen und an einem Ausgleich durch Keile und Platten in und unter den Schuhen zu arbeiten. Doch um die Schuhe geht es auch hier - und um Kinesiologie. Die geht von der Annahme aus, dass bestimmte Muskelgruppen auf Störungen und Unausgeglichenheit im Körper mit „kurzzeitigem reflexartigen Versagen“ reagieren.

Zunächst steht die Radlerin barfuß auf beiden Füßen, und Gigi Bernhard versucht, den gestreckten Arm seitlich nach oben zu ziehen, während die Probandin gegenhalten soll. Klappt nicht, der Arm bleibt am Körper. So soll es sein, der Kraftfluss ist okay. Radschuhe anziehen, dieselbe Übung, der Arm saust in die Höhe. Kein Wunder, sagt Burkhard Barsikow, die Einlegesohlen sind eigentlich für Plattfüße gedacht. Sie werden kurzerhand getauscht, und nun hält der Muskel stand. Es ist wie Zauberei.

Effektive Tritttechnik und ermüdungsfreie Armhaltung

Auf dem Rad werden Bein-, Knie- und Hüftwinkel herkömmlich gemessen. Es wird viel ertastet, statt Laser und Software kommen Know-how und jahrelange Erfahrung zum Einsatz. Und auf dem Rad wieder ein kinesiologischer Test. Diesmal soll die Nackenmuskulatur einem Druck gegen die Stirn standhalten. Sie kann es nicht, der Kopf lässt sich nach hinten wegdrücken, etwas stimmt nicht. Sattel, Pedal und Lenker sind die drei möglichen Kontaktstellen, an denen Störungen des Kraftflusses auftreten können. Dort wird nun verändert. Das Rad CCT Team ist mit Rahmengröße M etwas zu lang, ein kürzerer Vorbau muss her, deutlich kürzer sogar. Die Haltung ist immer noch etwas gestreckt, aber akzeptabel.

Als es um die Sattelposition geht, kommt dann doch Software zur Anwendung. Die Messtechnik von „gebioMized“ misst die Satteldruckverteilung. Da der Sattel ungefähr sechzig Prozent des gesamten Körpergewichts trägt, ist die Druckverteilung auf dieser kleinen Fläche wichtig. Sensoren in einer über den Sattel gezogenen Haube liefern Daten, Software macht aus ihnen eine Grafik der Druckpunkte und -verhältnisse. Immer wieder wird der Sattel minimal justiert, Höhe, Ausrichtung über dem Tretlager und Neigung. Und immer wieder wird unter Belastung getreten, bis das Bild eine möglichst homogene Verteilung auf Sitzbeinhöcker und Dammbereich zeigt.

Es folgt noch ein Exkurs über effektive Tritttechnik und ermüdungsfreie Armhaltung. Zwei weitere Hausaufgaben! Eher witzig, dass für jede dieser Aufgaben ein farbiger Punkt als ständige Mahnung auf den Lenker geklebt wird. Nach beinahe drei Stunden Begutachtung, Vermessung und Beratung ist das Rad angepasst, und es geht hinaus auf die Straße: Das Fahrgefühl ist anders und undefinierbar seltsam am Anfang. Nach der ersten Zwei-Stunden-Ausfahrt schmerzt die Beinmuskulatur. Aber die bunten Punkte funktionieren. Ständig denkt die Radlerin: Arme beugen, Hacken runter. Bilder stehen vor Augen, wie der Tritt aussehen soll. Es dauert länger als nur ein paar Tage, bis die Muskulatur sich allmählich anpasst, was natürlich nicht am Rad liegt, sondern an der neuen Sitzposition.

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