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Das Ende des Karosserieschneiders : Bertone, der 99. Geburtstag und die Insolvenz

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Dann kommt der Zweite Weltkrieg – und danach ist alles anders. „Der Bau von Sonderkarosserien ist tot, such Dir einen anderen Job“, soll 1952 ein wichtiger Mann bei Fiat Nuccio Bertone geraten haben. Aus gutem Grund. Immer mehr Hersteller verzichten nach 1945 bei ihren Neuerscheinungen auf ein separates Fahrgestell, sie setzen nun auf selbsttragende Blechkleider, was den Bau von Sonderkarosserien erschwert und verteuert. Gewiss, die Bleche für Studien und Prototypen mögen auch in Zukunft in romantischen Hinterhofwerkstätten gedengelt werden - aber Nuccio, der neue Chef bei Bertone, will mehr. Er zieht einen dicken Fisch an Land: Von 1954 bis 1965 entstehen allein rund 34.000 (natürlich selbsttragend ausgelegte) Karosserien des zeitlos schönen Alfa Romeo Giulietta Sprint bei Carrozzeria Bertone. Damit wird der finanzielle Spielraum für ein hochmodernes, 1959 in Betrieb genommenes Karosseriepresswerk in Grugliasco (Turin) geschaffen, wo in den kommenden Jahrzehnten die industriell gefertigten Aufbauten meist exklusiver Sondermodelle entstehen – für namhafte Marken wie Alfa Romeo, BMW, Fiat, Lamborghini, NSU oder Volvo.

Ein bitterer Beigeschmack bleibt

Aber das war gestern. Vor wenigen Wochen ist der futuristische weiße Flügeltürer abermals in den Mittelpunkt gerückt, nicht an der französischen Riviera wie vor 44 Jahren, sondern in Cernobbio am Comer See. Im Rahmen des diesjährigen Concorso d’Eleganza Villa d’Este am Comer See brachte ein amerikanisches Auktionshaus gleich mehrere Stilstudien von Bertone unter den Hammer, darunter jenen Lamborghini Marzal, der unter dem Applaus der Besucher für 1,5 Millionen Euro (mit Aufgeld) einem neuen Besitzer zugeschlagen wurde; zwei konventionellere Studien auf Lamborghini-Basis, der Bravo von 1974 und der Athon von 1980, gingen für 588.000 und für 348.000 Euro an neue Besitzer. Dass praxisferne Extravaganz, eher schlapp motorisiert, gut für große Summen ist, dokumentierte der Lancia Stratos HF Zero mit 115 PS starkem Fulvia–HF-Triebwerk. Dieser rollende Faustkeil, dessen große Frontscheibe als einzige Tür dient, war einem Bieter aus dem asiatischen Raum gut 760.000 Euro wert. Unser Favorit bei der Auktion am Comer See aber war jener nicht weniger ungewöhnliche Chevrolet Corvair Testudo von 1963, bei dem eine nach oben schwingende Glaskuppel Zugang zu den beiden Plätzen bietet. Giorgio Giugiaro, der sich 1968 selbständig machte und mit dem von ihm modellierten VW Golf I auch unser Straßenbild prägte, hat die Flunder mit dem luftgekühlten Sechszylinder-Boxermotor im Heck entworfen. Für 336.000 Euro fand sie einen neuen Liebhaber.

Ein bitterer Beigeschmack aber bleibt: Den Verkauf des Marzal und der anderen Stücke wurde vom Insolvenzverwalter verfügt, um Geld in die leeren Kassen zu spülen. Denn Bertone, diese einst florierende Firmengruppe, ist längst pleite und zerschlagen, das Werk in Grugliasco - einst entstanden hier jährlich 20.000 Karosserien - im Besitz von Fiat. Einzig das Stile Bertone in Caprie (Turin) ist bis heute unabhängig, es wird von „Lilly“ Bertone, der Witwe des am 26. Februar 1997 verstorbenen Nuccio Bertone, geleitet. Viele Hersteller fertigen aus Kostengründen ihre gesamte Fahrzeugpalette heute selbst, auch die exklusiven Kleinserien. Außerdem lassen sich herausragende Kräfte wie Franco Scaglione (Bertone-Chefdesigner von 1952 bis 1960), Giorgio Giugiaro (1960 bis 1965) oder Marcello Gandini (1965 bis 1979), die mit ihren stilbildenden Schöpfungen Bertone überhaupt erst Weltgeltung verschafften, nicht beliebig aus dem Ärmel schütteln. Nein, sie werden sich bei Bertone neu erfinden müssen - um ihren runden Geburtstag im kommenden Jahr gebührend zu feiern.

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