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Elektrorad Wave Automatic : Mit Vollautomatik auf dem Bequemrad

  • -Aktualisiert am

Automatisch schalten: Nur die Trittfrequenz muss eingestellt werden. Bild: Pardey

Auch unter dem Namen „Blue Label“ bekommt man bei Riese und Müller Qualitäts-Räder. Das Wave Automatic punktet vor allem mit seiner stufenlosen Vollautomatik.

          3 Min.

          Bei dieser Rezension könnte man es sich mit einem einzigen Satz ganz einfach machen, denn man hat es sich mit der Wahl des Elektrofahrrads, genauer gesagt seines Antriebs, ganz einfach gemacht: Das Modell Wave Automatic der Marke Blue Label von Riese und Müller funktioniert so, wie man sich eine Schaltautomatik vorstellt. Diese Vorstellung ist selbstverständlich vom Erlebnis der Automatik im Auto geprägt. Da schiebt man den Wahlschalter auf D, gibt Gas und muss sich nicht mehr ums Schalten der Gangstufen kümmern. So einfach und unauffällig haben bislang Automatikschaltungen im Fahrrad nicht funktioniert. Aber nun gibt es die Nuvinci H-Sync von Fallbrook Technologies, und die lässt den Elektroradler vergessen, dass er überhaupt eine Gangschaltung hat.

          Das passt ausgezeichnet zum Gesamtcharakter des Wave: Es ist ein bequemer Tiefeinsteiger, ein komfortabel ausgelegtes Rad mit Mittelmotor (Bosch Active Line), Federgabel (RST Sofi T), gefederter Sattelstütze und hydraulischen Felgenbremsen, das auf 26-Zoll-Laufrädern rollt. Einschließlich eines Ringschlosses, einer StVZO-konformen Beleuchtungsanlage und dem zweistöckigen Gepäckträger von Racktime, in dem der Akku (PowerPack 500 Active, 36 Volt, 13,8 Amperestunden, 500 Wattstunden) untergebracht ist, wiegt es knapp 26 Kilogramm.

          Zu den Komfort-Komponenten gehören auch die Lenkergriffe (Ergon), ganz besonders aber die Schaltautomatik. Das als Wave Automatic rund 3300 Euro kostende Rad ist jedoch auch mit Elektromotor und herkömmlicher Schaltung und dann auch mit Rücktrittbremse zu bekommen. Hier soll es aber vorwiegend um das stufenlose Planetengetriebe von Fallbrook Technologies gehen.

          Viskosität sorgt für den richtigen Grad von Reibung

          Als Erstes fällt auf, dass es am Lenker keinen Bedienungssatelliten für die Gangschaltung gibt. Die Bedienung ist in das Cockpit des Bosch-Motors integriert worden. Die Nuvinci H-Sync lässt sich im Wave daher auch nicht wie die Nuvinci Harmony 330 und 380 ab- und auf Handbetrieb umschalten. Die beiden Zahlen bezeichnen den gesamten Übersetzungsbereich in Prozent; bei der H-Sync beträgt er ebenfalls stattliche 380 Prozent, mehr als viele konventionelle Schaltungen aufweisen, die mit der Zahl ihrer Gänge protzen. Die ist bei den Nuvinci-Naben quasi unendlich groß, weil die Übersetzung von 18 Zähnen an der Tretkurbel auf ein Ritzel mit 20 Zähnen hinten stufenlos verändert werden kann.

          Bild: F.A.Z.

          Die Erfindung eines stufenlosen Getriebes wird Leonardo da Vinci zugeschrieben: Er skizzierte einen Riemenantrieb, bei dem die antreibende Scheibe von einem Kegelabschnitt ersetzt wird. Die Übersetzung ändert sich, je nachdem ob der seitlich verschiebbare Riemen über den größeren oder den kleineren Durchmesser des Kegels läuft.

          Dieses Prinzip hat man bei Fallbrook Technologies raffiniert umgesetzt: In zwei Halbschalen, von denen die eine die angetriebene und die andere die mitgenommene ist, rollen Kugeln, gehalten von einem seitlich neigbaren Kugelkäfig, in einem Ölbad. Dessen Viskosität sorgt für den richtigen Grad von Reibung. Steht der Kugelkäfig senkrecht, sind die Rollradien auf beiden Seiten der Kugeln gleich groß. Beide Halbschalen, die von der Kette über das Ritzel angetriebene und die mitgenommene, bewegen sich gleich schnell.

          Rein nach Gefühl

          Wird der Kugelkäfig geneigt, werden die Rollradien unterschiedlich, und die eine Halbschale bewegt sich schneller als die andere. Je nachdem, in welche Richtung diese Neigung stattfindet, erhält man eine positive oder negative Übersetzung (siehe Grafik), das heißt einen „größeren“ oder „kleineren“ Gang. Das Besondere ist, dass es keine deutlich spürbaren Gangsprünge zwischen zwei Übersetzungen gibt, wie sie sonst bei jeder anderen Fahrrad-Gangschaltung unabhängig vom System (Naben- oder Kettenschaltung) auftreten.

          Von alldem muss der Benutzer des Wave Automatic überhaupt nichts wissen. Er wählt mit den Plus-Minus-Tasten des Motorbedienteils eine Trittfrequenz. Die ist ein weiterer Menüpunkt im Bosch-Display, den man mit der i-Taste ansteuert. Nach dieser einen Einstellung fährt man einfach los. Eine Zahl, die zwischen 30 und 100 liegen kann, gibt die Anzahl der Kurbelumdrehungen in der Minute an. Hohe Trittfrequenzen bedeuten leichteres Treten, bei niedrigerer Frequenz tritt man „schwerere Gänge“.

          Ein Monitor - alles im Blick.
          Ein Monitor - alles im Blick. : Bild: Pardey

          Aber da sich das während der Fahrt jederzeit anpassen lässt, braucht man sich nicht besonders an fixen Zahlen zu orientieren. Man sucht sich einfach ein angenehmes Tempo des Pedalierens, was individuell, aber auch nach Tagesform und Witterung ziemlich unterschiedlich sein kann. Kommt eine Steigung oder Abfahrt, passt man die Automatik an - rein nach Gefühl. Das kann auch unter Last geschehen, ohne das Treten zu unterbrechen.

          Energievorrat im Akku wird geschont

          Dass die Automatik während des Fahrens fortwährend schaltet, um die Drehzahl an der Kurbel schön konstant zu halten, ist nur am Motorengeräusch, genauer aber an der wechselnden Anzeige der Motorunterstützung zu erkennen. Notabene: nicht am eingestellten Grad der Unterstützung - der Bosch-Motor hat vier Unterstützungsstufen -, sondern an der Anzeige des Balkens, der signalisiert, wie stark sich der Motor gerade ins Zeug legt. Die kontinuierliche Anpassung des Motordrehmoments hat eine angenehme Nebenwirkung: Der Energievorrat im Akku wird geschont, sprich die Reichweite vergrößert sich. Die Tatsache, dass die Nuvinci-Naben nicht die allerleichtesten sind, und die Frage nach dem Wirkungsgrad fallen in Verbindung mit dem E-Motor nicht gravierend ins Gewicht.

          Das System dieser in den Antrieb integrierten Vollautomatik passt sehr gut zum Gesamtcharakter des Rads, das kein Sportgerät und schon gar nicht ein Geländerad sein will, sondern ein Bequemrad für den alltäglichen Einkauf und gemütliche Ausflüge. Dass man bei Riese und Müller auch unter Blue Label ein Qualitätsrad bekommt, das in den Punkten sinnvoller Ausstattung und tadelloser Verarbeitung seine Herkunft nicht verleugnet, hat sich inzwischen herumgesprochen.

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