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© Archiv Dieter Günther

Die Acht erscheint Ende Sieben

Von WALTER HÖNSCHEIDT und BORIS SCHMIDT

02.02.2017· Wir blicken traditionell einmal im Jahr auf die Autos vor 50 Jahren zurück. Was kam damals auf den Markt und was hat die Welt bewegt? Die wichtigsten europäischen Neuheiten des Jahres 1967.

Seit dem Herbst 1966 ist das Autofahren in Deutschland deutlich teurer geworden. Das liegt an den gestiegenen Benzinpreisen, dazu wurde die Kilometer-Pauschale gekürzt und die Versicherungsprämien sind höher. Davon profitieren einige europäische Hersteller wie Renault und Fiat mit seinen Modellen 600, 770 und 850, von denen ein deutscher Fiat-Händler laut „Der Spiegel“ nun „pro Tag so viele verkauft wie früher in der ganzen Woche“. VW kontert im Januar 1967 mit einem abgespeckten Käfermodell, dem „VW-Standard“. Hauptunterschied zum bisherigen Modell mit seinem 1,3-Liter-Motor, das nun „Export“ heißt, sind sein abgemagerter Motor mit nur 1200 Kubikzentimeter und 34 statt 40 PS, der erst im Jahr zuvor aufgegeben worden war, und nach unserer damaligen Erfahrung auf 100 Kilometer gut zwei Liter weniger verbraucht als der größere. Außerdem ist die Innenausstattung karger, die alte Hinterachse wird wieder verbaut. Der Preis beträgt 4485 statt 5150 Mark.

  • © AP Studenten demonstrieren am 5. Juni 1967 in München nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg.
  • © picture alliance Große Trauergemeinde zum Abschied von Konrad Adenauer, 1967.
  • © picture-alliance Sechstagekrieg 1967

Am 12. April wird in Gundremmingen das erste große Atomkraftwerk auf deutschem Boden eröffnet. Eine Woche später stirbt Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, im Alter von 91 Jahren. Das Land trauert. Wenige Tage später rät die englische Tageszeitung „The Guardian“ dem britischen Premier Wilson, „nicht nach einem (EWG-) Beitritt um jeden Preis zu streben.“

Im Frühsommer wird Eintracht Braunschweig sensationell deutscher Fußballmeister, Bayern München hat drei Tage zuvor den Europacup der Pokalsieger gewonnen. Deutschland hat im Juni 1967 aber wahrlich andere Probleme: Der Student Benno Ohnesorg wird bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien in Berlin von der Polizei erschossen. Die Republik ist in den Grundfesten erschüttert. (2009 stellt sich heraus, dass der Schütze für die Stasi spioniert hatte.) Außerdem ängstigt Anfang Juni der von Israel angezettelte Sechstagekrieg die Menschen.

Am 3. September wird in Schweden von Links- auf Rechtsverkehr umgestellt. Überraschende Erkenntnis für Verkehrsforscher: Danach passieren nicht mehr, sondern weniger Unfälle, offenbar weil die Menschen aufmerksamer fahren. Wenige Tage zuvor hatte das Farbfernsehen in Deutschland Premiere.

Mitte September blickt die Autowelt wieder nach Frankfurt. Wenigstens das hat sich 50 Jahre später nicht geändert: Hier stehen die wichtigsten Neuheiten des Jahres. Die interessanteste aus historischer Sicht ist der NSU Ro 80. Legendäres Design von Claus Luthe, legendäre Wankel-Technik.

© Archiv Dieter Günther Der NSU Ro 80 würde heute noch als Neuwagen eine gute Figur machen. Sein Design ist legendär, die Probleme des Wankelmotors ebenso.

Der Mittelklassewagen wird bis immerhin 1977 gebaut. BMW zeigt drei frische 1600er: eine Cabrio-Version des 1600-2, der 1600 GT und vor allem den 1600 TI (105 PS, 175 km/h), von dem die Bayern bis Spätherbst des folgenden Jahres fast 11 000 Einheiten herstellen werden. Anfang 1967 hatte BMW die maroden Glas-Werke in Dingolfing aufgekauft. Das Coupé 1600 GT wurde als einziges von BMW übernommen und ein Jahr lang (von Juni 1967 bis August 1968) als BMW 1600 GT in leicht veränderter Form gebaut. Der ein Jahr junge, wunderschöne Glas V8, Spitzname Glaserati, bleibt ein Glas, der Motor wurde aber auf drei Liter (statt 2,6 Liter) aufgebohrt, von Juni 1967 bis Mai 1968 wurden 389 Einheiten des Glas 3000 gebaut; das 4,60 Meter lange Coupé hatte einen Listenpreis von 23.850 Mark.

© Archiv Dieter Günther Ich war ein Glas: BMW 1600 GT

Auch bei Ford gibt es neben dem neuen 17M und 20M ein Coupé zu bestaunen. Der italienische Karosseriebauer Officine Stampaggi Industriali (OSI) hatte schon auf dem Genfer Salon 1966 ein schickes Coupé auf Basis des 17/20 M vorgestellt. Es wird seit Januar von deutschen Ford-Händlern vertrieben, kann aber aufgrund schlechter Verarbeitung nicht bestehen. Nach knapp 2000 gebauten Einheiten verschwindet es schon 1968 wieder vom Markt.

© Archiv Dieter Günther Meine Güte, das ist ein Ford. Das famose OSI-Coupé, montiert in Italien, hatte nur eine kurze Blüte – zu viele Qualitätsmängel.

Bei Opel ist die neue Olympia-Baureihe Blickfang. Sie wird zwischen Kadett und Rekord eingeschoben, ist aber nichts anderes als ein aufgehübschter Kadett mit Fließheck. Schon seit dem Frühjahr buhlt der Opel Commodore um die Gunst der Kunden. Das auf dem Rekord basierende Modell hat einen 2,5-Liter-Sechszylindermotor mit 115 PS. Preis als Viertürer: 10 200 Mark.

© Archiv Dieter Günther Das Coupé des Opel Commodore war damals mit 10.350 Mark nur 150 teurer als die viertürige Limousine.

Bei Porsche tut sich in diesem Jahr nicht viel, der 911 T debütiert, eine abgespeckte Variante des Elfer, mit der es gelingt, den Preis wieder knapp unter 20 000 Mark zu drücken. Dafür gab es aber auch nur 110 PS. Der 911 L und der 911 S holten immerhin 130 und 160 PS aus dem 2,0-Liter-Sechszylinder-Boxermotor. Noch nicht auf der IAA zu sehen, aber schon im Gespräch ist die schon längst erwartete größere Saab-Limousine, der 99, die im November debütiert.

  • © Archiv Dieter Günther Extravaganz aus Schweden: Saab 99. Heute ein ganz seltenes Auto.
  • © Archiv Dieter Günther Sicherheit aus Schwedenstahl: Ein Jahr nach der Limousine debütiert der Kombi des Volvo-144-Limousine, 145 genannt.

Einen Monat nach der IAA brilliert Aston Martin auf dem Pariser Autosalon mit seinem DB S, einem viersitzigen Coupé mit Doppelscheinwerfern, das die hauseigenen Designer „bestechend elegant“ gestaltet haben, wie Altmeister Roger Gloor in seinem Werk „Alle Autos der 60er Jahre“ betont.

© Archiv Dieter Günther Für James Bond wohl zu groß: der viersitzige Aston Martin DB S

Der Vierliter-Sechszylinder-Motor leistet 286 PS bei 5500/min und bringt ihn auf eine Höchstgeschwindigkeit von zunächst 240 km/h. Formel-1-Weltmeister wird Denis Hulme vor Jack Brabham (beide auf Brabham-Repco) und Jim Clark (Lotus-Ford).

Als das Jahr sich zum Ende neigt, elektrisiert die allererste Herztransplantation die Öffentlichkeit. Chirurg Christiaan Barnard vom Groote Schuur Hospital in Kapstadt sichert sich den ewigen Ruhm am 3. Dezember. Sein Patient stirbt aber noch vor Weihnachten.

Im Dezember nimmt die niederländische Daf (Van Doorne’s Automobiel Fabriek) in Eindhoven die Produktion des 55 auf, „mit dem endgültig der Durchbruch zur unteren Mittelklasse“ erreicht wird, erinnert sich Roger Gloor. Der nur 3,88 Meter lange Daf hat den Motor des Renault R 10. Auch dieser Daf arbeitet mit einer Fliehkraftkupplung und der außergewöhnlichen stufenlosen Automatik, die es theoretisch möglich macht, rückwärts so schnell wie vorwärts zu fahren.

Und zum Schluss noch ein paar Sätze zu dem Wagen, der heute im Oldtimer-Bestand zusammen mit Käfer und Trabbi ganz vorne ist: Die Rede ist vom Mercedes-Benz Strich-Acht, so wird er heute genannt. Die ominöse Bezeichnung Strich-Acht bezieht sich auf das Jahr 1968. Mit /8 wurden die neuen Fahrzeuge der Baureihen W 114 (Sechszylinder) und W 115 gekennzeichnet, um sie vom Vorgänger „Heckflosse“ unterscheiden zu können. Also war 200 D/8 die neue Baureihe, 200 D die alte. Das Kürzel wurde in den Preislisten verwendet, selbst noch 1976, kurz vor der Ablösung durch die nächste Generation (W 123).

Tatsächlich war der /8 im Jahr 1967 auf keiner Messe zu sehen, er debütierte erst im Januar 1968. Er wurde aber schon seit Juni 1967 als Vorserie und ab Dezember regulär gebaut. Insgesamt entstanden schon gut 3100 Einheiten im alten Jahr, die zu Preisen ab 11.500 Mark (für den 200) ab Januar 1968 in den Markt kommen. Spötter schrieben damals: „Weniger Auto für mehr Geld.“

© Archiv Dieter Günther Eigentlich ein 68er: Mercedes-Benz /8

Tatsächlich war das Außenmaß der Limousinen-Baureihe nur 4,68 Meter, der Vorgänger war fünf Zentimeter länger und vor allem geräumiger. Immerhin gibt es mehr Radstand und unter anderem eine neue Schräglenker-Hinterachse sowie ein modernes Armaturenbrett. 90 PS müssen für den 200 reichen, der Diesel-200 hatte gar nur 55 PS, Spitzengeschwindigkeit 130 km/h. Das nennt man Entschleunigung. Mit 1,83 Millionen Einheiten bis 1976 erreicht die Baureihe eine bis dahin für Mercedes-Benz unbekannte Dimension. Heute verkauft Mercedes-Benz in einem Jahr mehr als zwei Millionen Autos.

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 02.02.2017 13:41 Uhr