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Revolution der Autoindustrie : Autonom unter Strom

Zukunft der Autoindustrie? Das Elektroauto FF 91 der Firma Faraday Future wird in Las Vegas enthüllt. Bild: dpa

Gleich zwei große Trends bestimmen den Automarkt. Doch einige wichtige Fragen warten noch auf eine Antwort aus der Gesellschaft.

          Das Autojahr 2017 ließe sich abtun mit der Vorfreude auf einen Strauß frischer Modelle und die spannenden Neuerungen der Leitmesse IAA in Frankfurt im September. Doch zeichnen sich Veränderungen ab, die tief in Gesellschaft und Politik hineinreichen. Sie erfordern ein Umdenken in den Unternehmen, die Neuausrichtung mancher Studiengänge, aber auch die Einordnung einiger Übertreibungen.

          Der Aktionismus gegen den Dieselmotor hat zum Glück und zu Recht nachgelassen, entwaffnend sind die technischen Antworten der Ingenieure, zu überzeugend die Vorteile auf dem Gaspedal und an der Zapfsäule. Gleichwohl kommt ein Wandel in Schwung. Das batteriebetriebene Fahrzeug gewinnt an Zuspruch. Geht es nach jenen, die von den einen als Phantasten, von anderen als Visionäre bezeichnet werden, ist das Ziel nicht mehr allein, ein alltagstaugliches Elektroauto zu erfinden, sondern zugleich eines, das vollautomatisch fährt. Die Entwicklung hat das Zeug, die Industrie umzukrempeln.

          Heute besteht ein Auto aus rund 4000 Teilen. Die höchste Eintrittsbarriere ist die Fertigung des auch wegen der Abgasreinigung immer komplexeren Antriebs. Das Fachwissen, das sich die Ingenieure in der Nachfolge von Rudolf Diesel und Nicolaus Otto in mehr als einhundert Jahren angeeignet haben, ist von keinem chinesischen Kopiermeister und keinem Silicon-Valley-Vordenker aufzuholen. In vielen Ländern der Erde, in denen es um bezahlbare Mobilität geht, wird der Verbrennungsmotor auf lange Zeit eine Zukunft haben. Was aber, wenn sich die zahlungskräftige Oberschicht in den Industriestaaten verstärkt dem Elektroauto zuwendet? Wenn politischer Wille wegen der Luftqualität in Metropolen einen Umschwung erzwingt? China verordnet schon erste Maßnahmen, Befürworter walten auch in den Rathäusern von Paris oder Stuttgart. Nimmt die Entwicklung Fahrt auf, werden Zehntausende Arbeitsplätze wegfallen, im Maschinenbau, in der Motor- und Getriebefertigung. Ein Elektroauto ist simpler. Ob und wie die Mitarbeiter neue Aufgaben übernehmen können, wird eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahre sein.

          Die Crux besteht darin, dass so getan wird, als könne ein jeder schon morgen lossurren. Das ist mitnichten der Fall. Es gibt bislang kein einziges alltagstaugliches, für die Masse bezahlbares Elektroauto. Auch der in diesem Jahr aufsehenerregende Opel Ampera E wird die Lage kaum verbessern. Er soll mit einer Ladung Strom 350 Kilometer weit fahren und wird vermutlich fast 40.000 Euro kosten. Wie Renault mit dem ähnlich aufgestellten Zoé kann Opel nicht zaubern. Die Zutaten sind teuer, weshalb sichtbar gespart wird. Mit der Einrichtung eines Dacia zum Preis eines Mercedes hat es jeder Anbieter schwer. Der Durchbruch wird 2017 nicht gelingen, auch nicht 2018. Der Zuwachs wird ein schleichender sein, dem sich trotz Fragen nach Stromerzeugung, Verletzungsgefahr, Entsorgung der Akkus oder Alternativen wie Brennstoffzelle oder synthetischer Kraftstoff offenbar niemand mehr verwehren kann.

          Umwälzendes wird auch vom zweiten Megatrend erwartet, dem autonomen Fahren. Damit ist noch lange die Unterstützung des Fahrers durch mitlenkende Computer gemeint. Niemand sollte glauben, Autos führen bald allein durch die Stadt und hinter dem nicht mehr vorhandenen Lenkrad säßen zeitunglesende Menschen oder unbegleitete Abc-Schützen auf dem Weg zur Schule. Doch insbesondere Oberklassehersteller wie Audi, BMW, Daimler oder Volvo treiben die Entwicklung voran, sich einen Vorsprung vor der finanzschwächeren Konkurrenz erhoffend. Das Auto der Zukunft müsse vernetzt und autonom sein, „Konnektivität“ werde Grundvoraussetzung, lautet die Losung. Das freilich bedeutet nicht weniger, als die Sinne und das Gehirn durch selbstlernende Computer zu ersetzen. Führende Ingenieure halten das im Gegensatz zu manchem Marketing-Genie für eine riesige Herausforderung. Technisch. Und rechtlich, etwa bezüglich der Haftung bei Unfällen.

          Lebensrettende Einrichtungen wie automatische Notbremssysteme sind ohne Zweifel ein Gewinn. Aber besser als der Mensch fährt der Computer noch lange nicht. Bislang reagiert der Rechner bestenfalls auf das Auto direkt vor ihm, nicht aber auf das davor, was für vorausschauendes Fahren und Bremsen notwendig wäre. Er ist nicht in der Lage, schräg einscherende Fahrzeuge rechtzeitig zu erkennen. Von komplexen Situationen mit Fußgängern und Radfahrern in der Stadt nicht zu reden. Nicht mal die zuverlässige Verkehrsschilderkennung gelingt bislang. Bei Schneefall, Starkregen oder tiefstehender Sonne desertiert ohnehin die versammelte Hilfsarmee.

          Die Technik wird Fortschritte machen, nur nicht so schnell, wie mancher glauben machen möchte. Und die schöne neue Welt wird nur funktionieren, wenn wir unsere Freiheit an Googles Garderobe abgeben. Auto und Umfeld werden digital miteinander verbunden. Über cloudbasierte Algorithmen, die jede Bewegung speichern, und über Backends, deren Abwehrkraft gegen Hackerangriffe angezweifelt werden darf. Das wirft die Frage des Jahres auf: Wollen wir das?

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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