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Kofferraum als Paketdienst : Damit der Postmann nicht mehr klingelt

  • -Aktualisiert am

Auch Volvo will das Automobil als Paketstation einsetzen Bild: Hersteller

So könnte es vor Weihnachten ruhiger zugehen. Kurierdienste werfen das Paket einfach in den Kofferraum. Dann funktioniert das vernetzte Auto als Packstation im Online-Handel.

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          Wenn der Postmann zweimal klingelt? Darüber können die Damen und Herren bei DHL, UPS & Co nur lachen. Denn immer mehr Online-Bestellungen auf der einen und immer längere Arbeits- oder Wegezeiten auf der anderen Seite führen dazu, dass es nur selten auf Anhieb zum glücklichen Rendezvous zwischen Zusteller und Empfänger kommt. Kurierfahrer müssen einzelne Ziele deshalb oft zwei- oder dreimal ansteuern und die Kunden tingeln nach Feierabend durch die Nachbarschaft oder am Wochenende zum Paketshop, um ihre Sendungen einzusammeln.

          Das wollen jetzt ausgerechnet ein paar Autohersteller ändern und den Kofferraum zur Packstation auf Rädern machen. Während das Auto tagsüber auf dem Park & Ride-Parkplatz, vor der Uni oder dem Büro steht oder nachts daheim in der Einfahrt parkt, können es Lieferdienste anfahren und die Sendungen darin ablegen, ohne dass sie auf die Übergabe beim Empfänger warten oder den Kunden aus dem Bett klingeln müssen. Smart hat dafür gemeinsam mit DHL das Projekt „Ready to Drop“ aus der Taufe gehoben und Volvo seinen „On Call“-Service in den ersten Regionen um die Funktion „In Car Delivery“ erweitert.

          Technisch sind solche Services vergleichsweise simpel zu verwirklichen - der fortschreitenden Vernetzung sei Dank. Weil Dritte mit der entsprechenden Berechtigung den Standort des vernetzten Autos abfragen und mit Zustimmung des Besitzers online auch den Kofferraumdeckel öffnen können, sehen die Kurierfahrer die mobilen Paketstationen auf ihrem Bildschirm, können Liefer- und Standzeiten im Netz koordinieren und ihre Route so planen, dass sie mehr Sendungen im ersten Anlauf an den Mann bringen.

          Während das Auto tagsüber parkt, können es Lieferdienste anfahren und die Sendungen darin ablegen
          Während das Auto tagsüber parkt, können es Lieferdienste anfahren und die Sendungen darin ablegen : Bild: Hersteller

          Die Reaktionen bei Versendern und Bestellern auf die ersten Pilotprojekte sind offenbar so positiv, dass Smart und Volvo ihr Angebot in den nächsten Monaten kräftig ausbauen wollen. Nach dem Pilotlauf in Stuttgart zieht es die Schwaben dabei zunächst nach Köln/Bonn und danach in den Großraum Berlin. „Spätestens dann reden wir über vierstellige Zahlen von Teilnehmern“, sagt Daniel Deparis, der bei Smart das Ressort Business Strategy and Development leitet. Und nachdem Volvo mit rund 10 000 Teilnehmern und mehreren Versendern mittlerweile große Teile Südschwedens erschlossen und die Fühler nach Norwegen ausgestreckt hat, kündigt Projektleiter Tommy Hansson Strand für das nächste Jahr auch mindestens einen Testlauf im mittleren Europa an, mag aber noch kein Land nennen.

          Ebenso schmallippig werden die Hersteller, wenn es um das Geschäftsmodell hinter dem Lieferservice geht. Natürlich sehen Smart und Volvo das System zuallererst mal als Wettbewerbsvorteil gegenüber Fahrzeugen und Herstellern, die einen solchen Service nicht anbieten. Und es passt in die neue Gedankenwelt, in der Automobilhersteller ihren Kunden nicht nur Transportmittel, sondern Problemlösungen anbieten wollen. Doch selbst wenn sich die Investitionen in Hard- und Software in engen Grenzen halten, wollen die irgendwann und irgendwie bezahlt werden.

          Kurierfahrer erkennen mit dem Tablet die mobilen Paketstationen
          Kurierfahrer erkennen mit dem Tablet die mobilen Paketstationen : Bild: Hersteller

          „Das ist eine Frage, mit der wir uns tatsächlich noch nicht beschäftigt haben“, sagt Smart-Mann Deparis und schwärmt von einer neuen Start-up-Kultur bei Daimler, die erst mal nach Akzeptanz und Erfahrungen fragt und nicht alle Ideen mit der Frage nach Absatz und Ertrag im Keim erstickt. „Bevor wir übers Geldverdienen nachdenken, wollen wir erst einmal wissen, ob und wie die Idee draußen ankommt“, sagt der Stratege.

          Volvo-Mann Hansson Strand ist da offenbar schon etwas weiter. Zwar will er sich nicht in den Deal zwischen dem Absender, Empfänger und Zustelldienst einmischen. „Wir verlangen von den Volvo-Kunden deshalb kein Geld für die Lieferungen“, sagt Hansson Strand. Doch erstens sieht er in der mobilen Packstation ein weiteres Verkaufsargument für das kostenpflichtige Abo des On-Call-Service. Und zweitens lassen sich die Schweden zumindest von den Lieferdiensten dafür bezahlen, dass sie ihnen die Logistik leichter machen und Leerfahrten vermeiden.

          Während sie bei Smart und Volvo noch überlegen, wann und wie sie den Service weiter ausrollen und ihn zu Geld machen können, dreht der Schweizer Vordenker Frank Rinderknecht das Rad schon wieder ein Stückchen weiter: Wenn er im Januar auf der CES in Las Vegas die Designstudie Rinspeed Oasis enthüllt, hat die ebenfalls eine Päckchenklappe. Aber das Fach dahinter lässt sich auch kühlen oder heizen. Damit taugt das Auto nicht nur als Paketstation auf Rädern. Sondern auch der Eismann und der Pizza-Bote können sich in dieser Vision das zweite Klingeln sparen und pünktlich zum Feierabend meldet das Auto: Essen ist fertig.“

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