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Gefahren beim Radfahren : Darum geht es wirklich bei der Helmpflicht

Während des Unfalls wird der Airbag ausgelöst Bild: Hersteller

Das gewaltige Echo und die heftigen Emotionen können nicht über die Inhaltslosigkeit hinwegtäuschen: Über die Helmpflicht wird mal wieder eine Scheindebatte geführt.

          Es geht gar nicht wirklich um den Fahrradhelm bei dieser heftigen Diskussion, die durch die Studie des Münsteraner Verkehrswissenschaftlers Gernot Sieg ausgelöst wurde. Es geht darum, sich gewaltig aufzuregen, weil in diesem Paper menschliche Leben und Verletzungen in gesamtgesellschaftliche Kosten umgerechnet werden, von denen dann jede und jeder so tun kann, als müsse er sie allein bezahlen.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Es geht darum, zu berichten, dass man selbst tot oder schwer beschädigt wäre, wenn man keinen Helm getragen hätte, oder dass man jemand kennt, der noch leben könnte oder nicht im Rollstuhl säße, wenn er einen Helm getragen hätte. Es geht darum, zu verkünden, dass man grundsätzlich nur mit Helm Fahrrad fahre, dies auch für vorbildlich halte und es allen nur wärmstens empfehlen könne. Es geht darum, zu behaupten, dass man grundsätzlich nie einen Helm trage und am liebsten in den Vereinigten Staaten ohne Helm Motorrad fahre. Es geht darum, zu verlangen, dass nicht alles und jedes geregelt werden dürfe. Es geht darum, zu vermuten, dass die dumme Mehrheit der radfahrenden Bevölkerung vor den Folgen ihres eigenen Leichtsinns bewahrt werden müsse.

          Es geht darum, dass es ums Prinzip geht. Vor allem anderen geht es aber darum, dass hier mal wieder alle mitreden können: Mit bloßem Haupt radelnde Rebellen-Darsteller genauso wie  Bedenkenträger, die allen verordnen möchten, was sie selbst jederzeit und wie jedermann freiwillig tun können, was deshalb aber auch kein anderer unterlassen dürfen soll.

          Es lässt sich so herrlich und weitgehend sinnfrei über die Helmpflicht streiten, weil die Faktenlage so einfach wie tatsächlich unüberschaubar ist: Dass gesetzlich verordnetes Tragen des Helms die Zahl tödlicher und schwerer Kopfverletzungen genauso wie die Fahrradnutzung quantitativ verringern würde, gilt als ausgemacht. Für ziemlich genauso sicher wird gehalten, dass die Zahl der Radfahrunfälle insgesamt kaum sinken würde. Im Falle eines Unfalls kann es, muss es aber nicht entscheidend sein, ob man einen Helm trägt oder nicht. Es kann sein, dass er einem Leben und Gesundheit rettet, genauso gut kann er aber auch rein gar nichts dagegen ausrichten, dass man getötet oder schwer verletzt wird. Die Pflicht, einen Helm zu tragen, kann, muss aber nicht, als lästig empfunden werden.

          Wer jahrelang ohne Helm und ohne Unfall Fahrrad fuhr, sieht das womöglich anders als jemand, für den das Helmaufsetzen seit Kindertagen Gewohnheit ist. Manches Mal wandelt sich eine Abneigung gegen den Helm in tiefe Dankbarkeit darüber, zufällig doch einen getragen zu haben, vor allem nach drastischer Verformung des Helms durch unvorhergesehene Ereignisse. Die gläubige Inbrunst, mit der das Hin und Her der Diskussion um den Fahrradhelm bestritten wird, hat etwas Lächerliches. Und das Niveau des Diskurses bewegt sich teilweise auf einem Niveau, als ob es um die Frage ginge, wie viel zur Verbesserung der Welt beigetragen wäre, wenn alle am Pfandautomaten die Flaschen richtig herum, nämlich mit dem Boden voran einführen würden.

          Der Airbag lauert im Kragen

            

          Und technisch? Da gibt es längst Lösungen, die den Fahrradhelm alt aussehen lassen. Nicht eben billig, so um 300 Euro herum,  ist der Hövding aus Schweden, ein Hals, Schädel und Gesicht schützender Airbag für Radfahrer. In bloßer Bereitschaft wird er wie ein dekorativer Kragen getragen und verfolgt die Bewegungen des Radfahrers mittels Sensoren. Nach der Auslösung, die beim Sturz vor der Bodenberührung erfolgt, sieht er wie eine pralle Trockenhaube fürs Haar aus. 

          Wer den Hövding schon einmal in Aktion erlebt hat, sehnt sich nicht mehr nach dem Fahrradhelm. Stefan Raab, dem sich nicht nachsagen lässt, dass er sich schont, wenn es um spektakuläre Bilder geht, hat diesen Fahrradhelm nach dem Stand der Technik in TV total im Anschluss an eine Demonstration durch Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad ausprobiert.

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