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Ledersattel : Ein Blick auf die Po-Ebene

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Nach dreißig Jahren und ungezählten Kilometern immer noch im Dienst: ein Sattel von Idéale. Bild: Pardey

Ist der Ledersattel am Fahrrad ein schickes Vintage-Accessoire oder ein Folterinstrument? Die richtige Behandlung vorausgesetzt, kann er eine Anschaffung fürs Leben sein.

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          Am Retro-Rad geht es nicht ohne Nieten: Wenn das fabrikneue Bike mit lackierten Felgen und gehämmerten Schutzblechen den Eindruck erweckt, ein britischer Roadster aus den späten dreißiger Jahren zu sein, muss der Ledersattel mit großen Nieten prunken. Schaut man genauer hin, dann ist das vermeintliche Leder oft nur eine lederartig aussehende Hülle über einem Gelkissen, und die Nieten sind bloß kupferfarbene Knöpfe. Man braucht nicht einmal mit dem Fingerknöchel draufzuklopfen, um zu erkennen: Der Sattel will so aussehen als ob, soll aber dem Radler keinesfalls Pein bereiten.

          Macht man die Klopfprobe im Fahrradgeschäft bei einem echten Ledersattel, dann klingt das Leder, als sei es Sperrholz. Und man hat Mühe, die dicke Rindshaut mit dem Daumen auch nur ein paar Millimeter einzudrücken. Das mit Wärme und Feuchtigkeit zum Fahrradsitz geformte und wie vor hundert Jahren auf eine – meistens verchromte stählerne – Brücke aus dickem Draht und Blech genietete Stück Natur gibt so gut wie gar nicht nach. Und genau diese Härte ist es, die den Ledersattel seinen guten Ruf gekostet hat.

          Sitz der Recken: Modell Team Professional mit Chromgestell und großen Nieten in der rotbraunen Farbe Maroon Bilderstrecke

          Fahrrad und Radler gehen eine Drei-Punkt-Verbindung ein: Füße auf den Pedalen, Hände am Lenker, Po auf dem Sattel. Der letzte Punkt ist der Problembär, das heißt, man spricht eher vom Wolf, wenn es an diesem Druckpunkt bis zum Wundsein reibend zugeht. Darum hat seit den ersten Anfängen der Fahrradtechnik die Industrie nichts unversucht gelassen, jedem Hintern den passenden Sattel zu offerieren. Dolle Dinger sind dabei herausgekommen: Polster wie Brotscheiben und dicke Spiralfedern, Pedersens auf einem Spanngurt gelagertes Polster, leichte, superschmale Kunststoffschalen für den Sport, und für den Alltag von heute Gel, dem man durch Fensterchen bei der Arbeit zugucken kann, ganz zu schweigen von links und rechts entkoppelte Einzelsitze für jede Pobacke. Der dabei getriebene Aufwand kommt nicht von ungefähr: Wie sich jemand auf dem Fahrrad niederlässt, ist eine vom Körperbau, speziell vom Abstand der Sitzhöcker und ihrer relativen Lage zueinander geprägte höchst individuelle Angelegenheit.

          Es tut doch nicht weh

          Die Suche nach einem angenehmen Sattel wird aber auch bestimmt von einigen Vorurteilen und Missverständnissen: Verbreitet ist der Glaube, ein komfortabler Sattel müsse so weich sein, dass er jedem Daumendruck nachgibt. Weit gefehlt! Wenn ein Sattel so nachgiebig ist, dämpft er zwar Stöße, bietet aber zu wenig Halt und lässt das Becken zu starke Bewegungen nach links und rechts machen. Wenn dann bei schweißtreibenden Temperaturen noch die Schmirgelfeile einer genau im Schritt verlaufenden Hosennaht wie etwa bei Jeans hinzukommt, sind die Folgen mit dem Wort unangenehm nur zart angedeutet.

          Nicht nur das Fahrrad im Ganzen, sondern ganz besonders der Sattel muss passen, zur Beckenbreite genauso wie zum Innenabstand der Oberschenkel sowie zum Gewicht des Besitzers oder der Besitzerin. Er soll in erster Linie stützen und zugleich der Beinarbeit, besonders den Oberschenkeln freien Raum lassen. Der unterschiedlichen Anatomie folgend, sind Sättel für Frauen kürzer und breiter als die für Männer. Aber nicht jede Frau wird mit einem Sattel, der ausdrücklich für die Damenwelt angeboten wird, wirklich glücklich, was vice versa auch für Männer gilt. Manche Sättel empfehlen sich gern als „revolutionär“, „biomorph“ oder „anatomisch“ mit mittigen Vertiefungen oder Aussparungen auf dem Rücken. Auch all das sind uralte Hüte, die vielen Radlern völlig schnuppe sind. Immer aber ist das Versprechen dasselbe: Es tut nicht weh. Doch nach wie vor ist der Sattel das schon beim Fahrradkauf am häufigsten ausgetauschte Einzelteil.

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