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Ledersattel : Ein Blick auf die Po-Ebene

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Heute beginnt die Wahl eines Sattels häufig mit einer genauen Vermessung des Körpers. Dessen Eigenheiten kommen dann zahlreiche Varianten entgegen: in Länge und Breite sowie mit austauschbaren Kunststoffelementen unterschiedlicher Härte zur Dämpfung. Desto erstaunlicher ist es, wie zäh sich seit mehr als hundert Jahren der Kernledersattel eine treue Gemeinde von Anhängern bewahrt. Es mögen nicht mehr so viele sein wie ehemals, als Leder praktisch das einzige Sattelmaterial war und die Zahl der Anbieter Legion. Übrig geblieben sind von denen nur sehr wenige: Aber außer den omnipräsenten Briten von Brooks in Birmingham, wo man die auf das Jahr 1882 datierte Erfindung des Ledersattels für sich reklamiert, mischt zum Beispiel immer noch in Fulda Wittkop mit einem ledernen Schwingsattel in sechs modischen Farben mit. Im Zeichen von Retro und Vintage tummeln sich natürlich auch Chinesen am Markt, bei uns präsent mit den von Hartje vertriebenen Sätteln der Marke Contec Classic.

Ein bisschen Feuchtigkeit und Wärme und der Sattel sitzt wie angegossen

Es gibt kein Drumherum: Der Ledersattel ist kein Produkt, das man kauft, montiert und gut ist. Diese Art Sattel will erst einmal präpariert sein. Was das bedeutet, darüber gibt es viele Gerüchte, von denen die allermeisten unappetitlich sind. Das roh-blutige Stück Roastbeef als Auflage, auf die man sich für die ersten hundert Kilometer setzen soll, ist noch die harmloseste Variante. Von Körperflüssigkeiten des Radlers, die angeblich zu applizieren sind, um den Sattel zu erweichen und in eine angepasste Form zu bringen, hier kein weiteres Wort. Die Wahrheit ist viel einfacher.

Als Erstes tränkt man bei Zimmertemperatur das Leder mit Fett, und zwar zunächst von unten und dann auch auf der Oberseite. Man kann dafür Vaseline aus der Drogerie oder besser das teure Proofide von Brooks nehmen. Besonders erwärmen muss man den Balsam nicht, nur gut einmassieren. Die Unterseite des Leders wird sich dunkel verfärben, und bei der Klopfprobe klingt das Leder nun deutlich tiefer. Dann montiert man den Sattel. Nun kommt der entscheidende Schritt, der viele, die mit einem Ledersattel liebäugeln, aufheulen lässt. Es gilt ja als ausgemacht, dass es auf einen Ledersattel nie, nie, nie regnen dürfe, was ihn gegenüber dem diesbezüglich – nur angeblich – unempfindlichen Plastiksattel zusätzlich zu disqualifizieren scheint. Prinzipiell ist das auch richtig: Ein Ledersattel quillt auf und verformt sich bei Nässe, aber dafür muss man ihn ungeschützt vierzehn Tage lang in britischem Dauerregen stehen lassen.

An einem warmen Sommertag

Ein bisschen Feuchtigkeit und Wärme gibt dem Sattel aber die individuelle Form. Ein von ein und demselben Benutzer – nichts anderes wäre sinnvoll – gebrauchter Ledersattel ist mit leichten Verfärbungen und charakteristischen Dellen unverwechselbar. Und er hält bei etwas Pflege Jahrzehnte. Das Thema „Nachspannen“ wird dabei stark überbewertet, wahrscheinlich weil es so ziemlich das Einzige ist, was sich an einem Ledersattel herumschrauben lässt. Hersteller Brooks empfiehlt, nur in größeren Zeitabständen und jeweils nur mit einer Vierteldrehung der Spannschraube unter der Sattelnase zu Werke zu gehen. Die Gefahr, den Sattel durch exzessives Nachspannen zu ruinieren, weil das Leder, beginnend an den Nieten Risse bekommt, ist wesentlich größer als der vermeintliche Nutzen.

Also: An einem warmen Sommertag stellt man das Fahrrad in die Sonne und legt dem neuen Sattel nach dem Einfetten für anderthalb Stunden einen nassen Waschlappen auf. Der wird bei Fahrtantritt entfernt, und dann fährt man mit einer dünnen Hose hundert Kilometer. Diese Prozedur wird bei den ersten fünf Ausfahrten wiederholt. Danach hat man eine höchst persönliche, perfekt passende Sitzschale von Ledersattel. Weil sie niemand anderem als einem selbst je wieder so genau und komfortabel passen wird, sollte man sie sich auf den Sarg legen lassen.

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