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Citroën 2 CV : Ein Museum für die Ente

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Citroën brachte ein halbes Hundert zitronengelber 2 CV heraus, auf denen die magischen Ziffern 007 und Einschusslöcher gemalt waren Bild: Häg

Der Citroën 2 CV stirbt aus. Falls man noch einen der skurrilen Enten in freier Wildbahn entdeckt, ist das ein Erlebnis. Im Elsass wird die Legende gepflegt. Alles, was noch übrig ist, wird gesammelt und man kann es unter einem Dach bestaunen.

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          Die französische Ente wird bald ausgerottet sein. Sie verschwindet dann nicht von der Tafel des Feinschmeckers, sondern von den Straßen Europas. Falls man noch einen der skurrilen Citroën 2 CV in freier Wildbahn entdeckt, ist das ein Erlebnis. Ihr Anblick stimmt die Menschen wehmütig-heiter. Großeltern geraten ins Schwärmen und erzählen ihren Enkeln vom unnachahmlichen Schaukelgefühl, wenn man die Blechente wippen lässt, sie zeigen auf die Gangschaltung, die wie ein Spazierstock aussieht, die halb aufklappbaren Fenster, das Dach, das man bis zum Kofferraum aufrollen kann, die billigen Sitzbänke und erinnern an das niedrige Tempo, höchstens 110 km/h bergab und bei Rückenwind. Die Enkel lässt das allerdings kalt. Ihre Autowünsche haben sich von der Entenromantik längst entfernt. Drei Generationen vor ihnen war die Blechente so etwas wie die erste Liebe. Jetzt ziehen die letzten Stunden des 2 CV herauf, das einstige Kultauto endet immer häufiger beim Schrotthändler.

          Aber es gibt noch die 2-CV-Clubs und im Elsass nun das erste, ganz dem „deux chevaux“ gewidmete Museum. Der letzte 2 CV, eingedeutscht Döschwo, rollte vor knapp 20 Jahren vom Band. Zu seinem Namen kam er durch das französische Steuersystem: Deux chevaux bedeutet steuertechnisch 2 Pferdestärken. Um das Auto mit dem spröden Charme im kollektiven Gedächtnis zu erhalten, begann der elsässische Club, systematisch Enten vor der Entsorgung zu retten. Das erfordert einen guten Schuss Idealismus, handwerkliche Erfahrung und viel Freizeit.

          Im Laufe der Jahre kam so eine stattliche Entenfarm zusammen, Garagen und Abstellplätze der über hundert Vereinsmitglieder reichten nicht mehr aus. Zum Glück bot sich ein leeres Fabrikgebäude samt Schornstein in Grandfontaine, 50 Kilometer hinter Straßburg, am Fuße der Vogesen, als Stall an. Nun konnten die Sammler aus ihrer bunten Kollektion einen Stammbaum zusammenstellen. Einer frühen Werbung folgend, die das Auto als Gipfel der Genügsamkeit pries, bauten die Elsässer aus Spaß und als Blickfang, ein seltsames Fahrzeug nach: Es besteht aus vier Rädern, einem Motor und einem Stuhl mit aufgespanntem Regenschirm. Am echten 2 CV war natürlich etwas mehr dran. Das Minimum an Auto sah so aus: vier Plätze, vier Türen, 50 km/h schnell, fünf Liter Benzinverbrauch auf 100 Kilometer. Komplizierte Elektronik kannte man noch nicht. Das billigste Auto der Welt, behaupteten die Hersteller. Die satirische Wochenzeitung „Le canard enchaîné“ spottete 1948, als es vorgestellt wurde: „Das Vehikel ist eine Art Konservendose, Modell freies Campen für Sardinen.“ Damals ahnte niemand, dass der Döschwo mehr als fünf Millionen Nachkommen haben würde.

          Aufgereiht in Spektralfarben
          Aufgereiht in Spektralfarben : Bild: Häg

          Unzählige Döschwo-Besitzer reparierten ihr Auto vor der Haustür

          Den Museumsgründern erleichterte es die Arbeit, dass die Ente zu einer Zeit entstand, als man noch von Technik sprach und Technologie ein Unterrichtsfach war. Unzählige Döschwo-Besitzer reparierten ihr Auto vor der Haustür; ein eingespieltes Mechanikerteam kann eine Ente in zwei Stunden auseinandernehmen. Den 60 restaurierten Museums-Oldtimern sieht man das Alter - nicht nur auf dem Kilometerzähler - und die Strapazen eines langen Lebens an. Aber Patina gehört nun mal zu einem richtigen Museum.

          Der Besucher kann die Entwicklung und die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten des phänomenalen Fahrzeuges von 1952 bis 1983 erleben. So entdeckt er, wie der legendäre Federungskomfort funktioniert, wie man aus der Sitzbank ein Sofa fürs Picknick im Freien macht, wie einige Jahre später der Gepäckträger aufs Gummidach kam, wie neue Blinker und größere Scheiben die Ente veränderten. Das Fahrzeug wurde langsam komfortabler, Mausgrau und Taubenblau verschwanden zugunsten von mehr Farbe innen wie außen. Erstaunlich ist die Vielseitigkeit der Kastenente als Nutzfahrzeug. Der Lieferwagen war das Standardvehikel der Handwerker, gelb angestrichen fuhr sie die Post in den hintersten Winkel Frankreichs. Der Feuerwehr und der Polizei gefielen, dass der robuste Döschwo die steilsten Hänge und ausgefahrensten Wege bezwang. Tempo war nicht so wichtig! Das Modell Globetrotter fuhr von Paris nach Kabul, schlug sich, mit zwei Motoren ausgerüstet, tapfer im Rennen Paris-Dakar und schaffte es mehrmals rund um die Erdkugel. Dieses Jahr will der elsässische Club nach Albanien fahren. In der Rubrik Exotik überraschen eine fliegende Ente mit einem UL-Motor samt französischer Zulassung und eine Wasserente als Motorboot.

          Citroën mit der magischen Ziffern 007

          Im Kino wurde der 2 CV zur rasenden Ente, ganz entgegen seiner gemütlichen Gangart. Louis de Funès jagte als Gendarm Bösewichte, und Roger Moore entkam als James Bond seinen Verfolgern. Citroën brachte daraufhin ein halbes Hundert zitronengelber 2 CV heraus, auf denen die magischen Ziffern 007 und Einschusslöcher gemalt waren.

          Die Döschwos sind unverkäuflich, dafür bietet das Museum rund 20 Tonnen Ersatzteile an. Der Dachboden ist eine Art Höhle Ali Babas, voller Ententeile, alles fein sortiert, Türen, Motorhauben, Kotflügel aller Farben. Am meisten gefragt sind Teile vom Motor und der Karosserie. Souvenirs gibt es in der Boutique.

          Neben dem Eingang steht eine rote Kastenente ohne Motor und Tür. Am liebsten würde man sie aus dem Zubehör wieder flügge machen. Anleitungen dazu findet man im Internet. Das Museum erinnert an ein geflügeltes Wort: „Die Ente ist kein Auto, sie ist eine Lebensart.“

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