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Chinesischer Automobilkonzern : Main Chery

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So ungefähr könnte der erste Chery für Europa aussehen. Bild: Hersteller

In der Nähe von Frankfurt bereitet der nächste chinesische Automobilkonzern seinen Start in Europa vor. Das will gut vorbereitet sein.

          Noch fehlt der Putz an den Wänden, die Haustür lässt sich nur von Hand öffnen, die drei Mitarbeiter verlieren sich im ersten Stock des entkernten Backsteinbaus, und weil es noch keine Parkplätze gibt, ist es gut, dass Hausherr Jochen Tüting noch keinen Dienstwagen hat. Doch so, wie die nahe Frankfurt gelegene Industriebrache in Raunheim erst noch zu einem voll funktionsfähigen Gewerbegebiet wachsen muss, braucht auch die „Chery Europa GmbH“ noch Zeit zum Reifen. Wenn ein chinesischer Automobilhersteller den Schritt nach Europa wagt, will das gut vorbereitet sein.

          Tüting weiß nur zu gut um die Pleiten, die Unternehmen wie Brillance oder Landwind bei ihrem Europa-Debüt hingelegt haben, oder um die Skepsis, die Borgward begegnet, und will sich deshalb Zeit lassen. „Frühestens zum Anfang der nächsten Dekade und nicht zwingend gleich 2020“, nennt er als Datum für den Markteintritt. Die Zeit wollen die mit einer Jahresproduktion von 700.000 Autos eher kleinen Chinesen, die man bei uns allenfalls als Partner in Gemeinschaftsunternehmen mit Jaguar-Land-Rover kennt, nutzen, um von Raunheim aus die Marktreife zu erlangen. Denn die Kirschen hängen für Chery bei uns hoch.

          Deshalb sollen dort im nächsten Jahr rund 50 Mitarbeiter nicht nur den Vertrieb vorbereiten, die Marke bekannt machen und ein Händlernetz aufbauen. Es wird an dem neuen Standort zudem ein Entwicklungszentrum für Zulassung und Homologation und ein eigenes Designstudio geben.

          Das Armaturenbrett hat ausgedient. Bilderstrecke

          Raunheim soll aber nicht nur die Keimzelle für das Europa-Geschäft werden, sondern auch ein wichtiger Satellit für die Kollegen in Schanghai und Wuhu. Das gilt für die Ingenieure, die in Deutschland einfach näher dran sind an den wichtigen Zulieferern und hier besseren Zugang haben als in China. Und das gilt vor allem für das Design. Denn zum ersten Mal bekommt ein chinesischer Automobilhersteller mit dem bei Mazda abgeworbenen Kevin Rice nicht nur einen westlichen Stylisten, sondern gewährt dem auch noch einen Dienstsitz im Ausland. Zwar ist das Studio in Raunheim rein digital, und wenn Rice mit Ton arbeiten will, muss er zu einem Dienstleister oder in eines der Designcenter in Schanghai oder Wuhu, wo das Gros seiner rund 200 Mitarbeiter sitzt. Doch im Grunde soll er von Europa aus die Geschicke führen und immerhin zwei Dutzend Modelle in Form bringen. „So kann ich immerhin eine Wohnung im Westend behalten“, sagt der Wahl-Frankfurter.

          Für den neuen Job muss sich der Brite gehörig umstellen: „In China geht alles sehr viel schneller. Dort werden nicht erst Dutzende Entwürfe gemacht und lange diskutiert, sondern man kommt schneller zum Punkt.“ Das sei kein Vergleich etwa mit Opel, wo der Brite seine Karriere vor mehr als 30 Jahren begonnen hat. „Damals vergingen vom ersten Strich bis zum fertigen Auto gerne mal zehn Jahre. Selbst wenn auch die westlichen Hersteller natürlich schneller geworden sind, werden sie von den Chinesen gerade komplett überholt“, ist Rice überzeugt.

          Smarte Technik und modern inszenierte Konnektivität

          Die Zeit der wild zusammenkopierten China-Modelle sieht er als beendet an und gesteht den Chinesen mittlerweile durchaus einen eigenen Stil zu. Nur im Ausland werde der noch nicht so recht erkannt. „Dort stecken wir alle in der Chinesen-Schublade und mein Job wird es sein, Chery da herausschauen zu lassen“, sagt der ehemalige Leiter des europäischen Mazda-Designcenters in Oberursel, der dafür vor allem auf smarte Technik und modern inszenierte Konnektivität setzen will.

          Zumindest mit dem ersten Auto für Europa wird Rice allerdings nicht mehr viel Arbeit haben. Denn das wird sich ziemlich genau an der Studie Exeed orientieren, mit der Chery vor gut einem Jahr auf der IAA in Frankfurt eine noble Tochtermarke lanciert hat, die in China jetzt gerade auf den Markt kommt, kündigt Tüting an. Dabei skizziert er ein SUV zwischen Kompakt- und Mittelklasse, das nach seinen Wünschen am liebsten mit einem Elektromotor startet und darüber hinaus allenfalls noch als Plug-in-Hybrid angeboten werden sollte.

          Bei der Positionierung dienen dem ehemaligen Ford-Mann die Koreaner als Vorbild. „Sie bieten ein Premium-Ambiente zu einem massenverträglichen Preis. Wenn man von dem noch ein paar Prozentpunkte für unseren geringen Bekanntheitsgrad abzieht, dann hat man eine grobe Vorstellung davon, wo Exeed im Markt landen wird.“

          Nur welcher Markt das sein wird, das kann und will Tüting noch nicht sagen. Denn ganz Europa auf einmal können und wollen die Chinesen nicht erobern. Erst recht nicht, wenn sie anfangs mit vierstelligen Verkaufszahlen kalkulieren. Sondern sie wollen sich Märkte herauspicken, in denen das Klima für alternative Antriebe gut und der Druck nicht ganz so groß ist. So wichtig Deutschland für das Renommee wäre, gibt es deshalb für Tüting gute Gründe, hier erst einmal nicht anzutreten.

          Präsenz könnte Chery deshalb ja trotzdem zeigen. Wozu haben sie ihre Europa-Zentrale schließlich in Raunheim? Und bis dahin sollten zumindest Dienstwagen für die Mannschaft auch in Deutschland verfügbar sein, und ein paar mehr als drei Mitarbeiter wird Tüting dann auch haben.

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