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Chinesischer Autohersteller : Der U5 soll den Markt aufmischen

  • -Aktualisiert am

Hochmoderne Produktion von Aiways in Shangrao Bild: Zöllter

Kein chinesischer Hersteller hat es bisher geschafft, in Europa erfolgreich Autos zu verkaufen. Der nächste, der es versucht, ist Aiways. Dabei setzt das Start-up voll auf Elektromobilität.

          3 Min.

          Menschen sind selten zu sehen. Mehr Roboter hinter Schutzzäunen. Ihre Arme, in alle Richtungen dreh- und schwenkbar, fuchteln scheinbar unkontrolliert im Raum. Tatsächlich aber folgen ihre Bewegungen einer hochpräzisen Partitur. 410 Roboter trainieren das Positionieren, Fügen und Veredeln von Automobil-Bauteilen. Hin und wieder entsteht dabei ein komplettes Auto.

          Diese gespenstische Inszenierung automobiler Fertigungstechnik erleben wir im chinesischen Shangrao, einer den meisten Ausländern unbekannten Millionenstadt 350 Kilometer südwestlich von Schanghai. Im Einzugsbereich der drei prosperierenden Großwirtschaftszonen Jangtse Flussdelta, Haixi und Wanjiang wächst in Windeseile ein neuer Industriepark heran. Nach dem Willen der chinesischen Staatsregierung soll er demnächst eine Million Fahrzeuge ausspucken. Alles sollen Elektrofahrzeuge sein. Shangrao wurde als Keimzelle der Elektromobilität auserkoren, die China und die westliche Welt beglücken soll.

          Imposante 633 328 Quadratmeter beansprucht die Fertigungsstätte des chinesischen Start-ups Aiways, eines rasch wachsenden Unternehmens, das in China als derzeit kompetenteste Marke für elektomobile Lösungen gilt. Aiways wird anders als Nio & Co. nicht nur von ideenreichen Enthusiasten aus der IT-Branche getrieben, sondern zudem von erfahrenen Automobilfachleuten geführt, denen der Weg etablierter Automarken in die neue Elektromobilität zu lange dauert. Wie die Aiways-Gründer Fu Qiang und Gu Feng haben auch Entwicklungschef Wang Dongchen, Forschungsleiter Wu Wei, Produktionsdirektor Wu Jun und zahlreiche andere Führungskräfte zuvor bei etablierten Autoherstellern wie Volkswagen, Volvo, GM oder den chinesischen Herstellern SAIC oder FAW gearbeitet. Seit 2017 arbeiten sie für Aiways und sehen es als Vorteil, unbelastet auf einem weißen Blatt Papier neu anzufangen.

          Das nächste SUV, dieses Mal aus China. Bilderstrecke

          „Wir sind gleichermaßen Visionäre und erfahrene Autoexperten“, sagt der Vorstandsvorsitzende Gu Feng. Er glaubt, dass sein Unternehmen erfolgreicher sein werde als Nio oder gar Tesla, um zwei Elektro-Pioniere zu nennen, die aktuell rote Zahlen schreiben. Auch die technische Ausstattung spreche dafür.

          Von der Unternehmenszentrale in einer umgewidmeten Spinnerei in Schanghai werden das neue Entwicklungszentrum in Jiading, das Batteriewerk in Changshu und die innovative Fahrzeugfertigung in Shangrao gesteuert. Auf Maschinen, Prüfständen und Transporteinrichtungen stehen die Namen renommierter Zulieferer. Siemens und die Aiways-Forschung für Künstliche Intelligenz (das „AI“ steht für „Artificial Intelligence“) zeichnet fürs Konzept der Produktionsstätte verantwortlich, wo das Start-up Fahrzeuge in gleicher Produktqualität wie Volkswagen bauen will.

          Der Herstellungsprozess wird dabei nicht unterbrochen

          Zentraler Bestandteil der aufwendigen Qualitätssicherung ist eine sogenannte Spiegelung der gesamten Fabrik im virtuellen Raum. Dort sind auch sämtliche Zielgrößen abgelegt. Und von dort kommuniziert die virtuelle Produktionsstätte mit der realen in Shangrao online. Sollten einmal Prozesse nicht deckungsgleich verlaufen, schlägt das System Alarm und aktiviert unterschiedliche Lösungen, die von Feinjustierungen der Roboter-Software bis zu Nachbesserungen durch Fachkräfte reichen. Diese Korrekturen fließen in selbstlernende Programme ein und sollen zu ständiger Qualitätsverbesserung führen. Der Herstellungsprozess wird dabei nicht unterbrochen. „An uns müssen sich neue Automobilwerke künftig messen lassen“, verkündet Wu Jun vollmundig.

          Aber noch arbeiten sich die Maschinen ein. Ende September soll die Serienfertigung beginnen. In der ersten Ausbaustufe des Werks sind 150 000 Modelle des Aiways U5 jährlich geplant. Später sollen es 300 000 Einheiten werden.

          Erstaunlich geräumiger Innenraum

          Das erste in Shangrao gefertigte Elektromobil fährt im Kleid eines SUVs den Planungen nach von Frühjahr 2020 auch in europäische Kundenhand. Es entsteht auf einer skalierbaren Aluminium-Plattform, die eine Karosserie aus hochfesten Stählen überbaut. Der Materialmix von 52 Prozent Aluminium und 48 Prozent Stahl führt zu einem Leergewicht von 1730 Kilo, inklusive der zwischen den Achsen verbauten 63-kWh-Batterie, deren Zellen von CATL stammen. Das SUV soll mit einer Batterieladung bis zu 430 Kilometer weit fahren können. Eine erste Sitzprobe zeigte einen erstaunlich geräumigen Innenraum. Bleibt die Frage nach der Akzeptanz: Warum sollten Europäer auf Elektroautos einer neuen chinesischen Marke abfahren?

          Vielleicht, weil in der angestrebten Preisklasse um 30 000 Euro keine etablierte Automarke des Westens ein konkurrenzfähiges Auto anbietet. Auf einer Verkehrsfläche von 4,680 × 1,87 Metern misst der Radstand des U5 2,79 Meter, wodurch im Interieur mehr Bewegungsfreiheit entsteht als in der Langversion des VW Tiguan. Vielleicht, weil die serienmäßige Ausstattung des U5 zahlreiche Assistenzsysteme umfasst, die westliche Marken nur in Premiumfahrzeugen verbauen. Im U5 sind sie zudem selbstlernend, sie agieren dem Fahrstil des Fahrers entsprechend. Vorhanden sind ein aktiver Spurhalteassistent, ein Notfall-Bremsassistent, ein vollautomatischer Parkassistent, eine adaptive Geschwindigkeitsregelanlage und intelligente Fahrlichtsteuerung.

          Außerdem will Aiways attraktive Leasingangebote unterbreiten. Der fürs internationale Geschäft verantwortliche Alexander Klose verspricht hochflexible Verträge für Neu- und Gebrauchtwagen. Möglich seien die Angebote, so Klose, weil Aiways kein teures Händlernetz aufbaue, sondern sich mit sogenannten Pop-up-Stores und Kooperationen mit Handelsketten begnüge. Dort könne man in Deutschland noch vor Ende des Jahres die ersten U5 Probe fahren.

          Die ersten Aiways kamen auf eigener Achse über die neue Seidenstraße nach Frankfurt. 14 000 Kilometer waren zu absolvieren, um pünktlich zur Eröffnung der heute endenden IAA parat zu sein.

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