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Indian Chief Vintage : Nein, das ist keine Harley-Davidson

Bild: Walter Wille

Indian stellt sich der Übermacht von Harley-Davidson. Mit Maschinen wie der Chief Vintage soll die Rückkehr der Marke gelingen. Ist sie gelungen? Ein Fahrbericht.

          3 Min.

          Man kann natürlich die Frage aufwerfen, ob das mit den Fransen auch noch sein musste. Zusätzlich zu alldem nostalgischen Zierrat, den Nieten, dem vielen Chrom, den Weißwandreifen auf glitzernden Speichenrädern unter weit heruntergezogenen, geschwungenen Vierziger-Jahre-Kotflügeln, den Mengen an schwerem, weichem Leder, das sich anfühlt, als wäre es gestern noch vom Bison getragen worden.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          All das macht die Chief Vintage zur dicksten Portion Retro, die im Motorrad-Serienbau zu haben ist. Und ja, auch die Fransen müssen unbedingt sein. So wie der chromgefasste, beleuchtete Indianerkopf mit Federschmuck auf dem Vorderradschutzblech, anno 1947 eingeführt und Warbonnet genannt.

          Indian befindet sich tatsächlich auf dem Kriegspfad, nix Friedenspfeife. Es geht gegen den alten Rivalen, den Stamm aus Milwaukee. Indian ist der Newcomer, der gleichwohl die älteren Rechte für sich reklamiert. Bis ins Jahr 1901 reicht die Geschichte der Marke zurück, zwei Jahre weiter als die von Harley-Davidson. Zwischenzeitlich war Indian der größte Motorradhersteller der Welt. 1953 ging er in Konkurs. Die folgenden Jahrzehnte gab es diverse, zum Teil wenig ruhmreiche Versuche, den Namen zu nutzen, die Marke wiederzubeleben, bis nun schließlich Polaris mit der Macht eines Konzerns zum Neustart ansetzte.

          Dickste Portion Retro: Chief Vintage von Indian Bilderstrecke
          Dickste Portion Retro: Chief Vintage von Indian :

          Wir hatten das skeptisch betrachtet, bis zum Tag des ersten Ausritts mit diesem gewaltigen eisernen Pferd. Sitzt man dann mit einer Flasche Feuerwasser in der Abenddämmerung, die knisternd abkühlende Chief Vintage neben sich, in deren luftgekühltem Vollchrom-V2 sich die Weite der Wetterau spiegelt, dann beginnt man zu überlegen, wie man die Moneten für so eine Indian auftreiben könnte. Rund 26 000 Euro lautet der Einstiegspreis, dafür bekommt man einen Haufen Gewehre. Doch ist das Preis-Fransen-Verhältnis exzellent und das Motorrad dermaßen massiv und in den Details so unwiderstehlich gemacht, dass man einen Überfall auf eine Postkutsche in Erwägung zu ziehen beginnt. Es müsste unbedingt die Zweifarb-Lackierung in Creme und blassem Lindgrün sein.

          Jeder Indian (mittlerweile sechs Varianten) lässt sich leicht ein Angriffsziel in der Harley-Familie zuordnen. Sicher haben sie in Spirit Lake, Iowa, lange schweigend ins Lagerfeuer gestarrt und überlegt und dann beschlossen, jedes einzelne Harley-Modell zu sezieren und auf jeden Fall das stämmigere Triebwerk an den Start zu bringen. Der Thunder Stroke 111-Zweizylinder, ein bildschöner V-Motor, übertrifft mit 1811 Kubikzentimeter Hubraum die derzeit 1690 Kubik messenden Big Twins aus Milwaukee um einiges und selbst jene der teuren CVO-Harleys ein bisschen.

          Nicht aber in der Leistung. Dem ruhig blubbernden Straßenkreuzer-Triebwerk kamen auf dem Weg von Amerika in die Realität europäischer Normen leider fast 30 Newtonmeter abhanden. 139 Nm Drehmoment bei 2600 Umdrehungen und 84 PS (62 kW) bei 4500/min sorgen dennoch für angemessene Fahrleistungen. 80 bis 100 km/h sind ein gutes Tempo der Entspannung, 140 bis 160 auf der Autobahn kein Problem. Sanftmut und Souveränität des ohne mechanische Störgeräusche laufenden Thunder Stroke lassen sich genüsslich bei Drehzahlen unterhalb von 2000 Touren auskosten. Die Standgas-Drehzahl von etwa 750/min fühlt sich an wie der Ruhepuls eines Wals, passend zur Fahrzeugmasse von etwa 380 Kilo mit vollem 20,8-Liter-Tank.

          Ein Motorrad für Anfänger, Schwächliche oder Zaghafte ist die Chief nicht. Rangieren übt man auf einem Busparkplatz. Der Thunder Stroke hat die Eigenart, beim Ausrollen mit geschlossenem Gasgriff kurz vorm Anhalten bei 1250/min noch mal leicht nachzuschubsen und im Stadtverkehr der Besatzung heftig einzuheizen. Dafür kommt er mit fünf bis sechs Liter Benzin auf 100 Kilometer aus und lässt keinerlei unangenehme Vibrationen spüren. Nur angenehme.

          Klar und sauber rastende Gänge

          Erstaunlich, welch technisch routinierten Eindruck die Chief insgesamt auf Anhieb hinterlässt: leichtgängige Kupplung, klar und sauber rastende Gänge, problemlos zu findender Leerlauf (Gruß an Harley), solide Federung, hervorragendes Licht, Schalter mit knackig klarem Druckpunkt, schlüsselloser Anlasser, Tempomat, automatische Blinkerabschaltung - alles erfreulich. Ist der Koloss erst einmal in Fahrt, folgt er treu dem vorgegebenen Kurs, schön ausbalanciert, neutral in der Kurvenfahrt mit einer Schräglagenfreiheit, die gar nicht mal übel ist.

          Mit der Leistung der ABS-Bremsanlage kann man leben, ein bisschen mehr Biss täte gut. Dass eine Schaltwippe (statt Schalthebel) Aufpreis kostet, mutet kleinlich an. Auch eine Bordsteckdose (nützlich für ein Navigerät) sollte Serienausstattung sein, denn im vollen Trimm ist die Chief eine prima Reisesänfte, und niemand will sich in der Fremde verfransen.

          Wird für eine Harley gehalten

          Durch Entfernen des Windschilds, des Rücksitzes sowie der (optionalen) Rückenlehne samt Gepäckträger wandelt sich die Chief Vintage vom erhaben gleitenden Klassiktourer zum lässigen Bagger. Nicht mehr als zwei Inbus-Schlüssel und zehn Minuten Arbeit sind dafür erforderlich. Auch daran lässt sich erkennen, wie viel Überlegung in dem Fahrzeug steckt. Die geräumigen Packtaschen lassen sich leicht abnehmen, aber nicht abschließen.

          Am Aufsehen, das eine Chief Vintage erregt, am erhobenen Daumen, der dem Fahrer oft entgegengestreckt wird, lässt sich erkennen, dass die Herausforderer aus Iowa einiges richtig machen. Ihr Problem: Jeder kennt Harley, kaum einer Indian. Ein paar Jahrzehnte in der Versenkung zeigen Wirkung. Nicht selten wird die Chief für eine Harley gehalten, obwohl es kaum ein Bauteil gibt, das nicht mit dem Indianer-Logo oder dem Indian-Schriftzug verziert ist. Das wirkt schon fast zu gewollt. Doch wie sagte der Große Manitou: In der Prärie ist Platz genug für zwei.

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