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Chevrolet Corvette C7 : Und dann schulst du um auf Cowboy

Born to be wild: Die Corvette sucht auch mit dem neuen Modell den Horizont am Ende der endlosen Motorhaube Bild: Hersteller

Die Chevrolet Corvette ist ein Rebell, sie ist Freiheit und Abenteuer und traditionell eigentlich unfahrbar. Jetzt hämmert die neue C7 heran. Modern, aber noch immer zickig.

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          Wir hatten doch gerade seinen kleinen Bruder, den neuen Alfa 4C“, schreibt ein Leser an die Redaktion nach Erscheinen des Fahrtberichts zum Ferrari F 12. Und weiter: „Beide sind automobile Leckerbissen und optische dazu. Aber führen Sie uns nicht dauernd in Versuchung mit Ihren furiosen Erlebnisberichten.“ Tja, guter Mann, das tut uns leid, denn die Kerle von Chevrolet sind diesbezüglich von der unerbittlichen Sorte. Sie haben eiskalt die nagelneue Corvette vor die Tür gestellt, als Stingray, und bis auf den Wunsch, das Teil heil zurückzubekommen, sind keine weiteren Handlungsanweisungen dargereicht worden.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Das hat uns sogleich einige Jährchen zurückgeworfen. Damals liehen wir uns, noch etwas jünger, draufgängerischer und unerschrockener, aus den zusammengesparten studentischen Rücklagen in Florida eine Corvette. Die hatte nach bisher unwiderlegter Überzeugung weder Fahrwerk noch Lenkung, aber einen höllischen Motor, und solange es geradeaus ging, war das der Himmel auf Erden. Und dieses Gefühl von Freiheit und Abenteuer! Dann übernahmen anders denkende Managementstrategen die Macht im Konzern, und aus Chevrolet wurde ein Marke, die mit Kleinwagen koreanischer Provenienz das Billigsegment aufmischen sollte. Das verstehen wir bis heute nicht, aber gerade als der Glaube an Amerika vollends zu versiegen droht, rollt C7 heran. Das ist mitnichten ein portugiesischer Fußballstar, wie manch jüngerer Leser meinen könnte, nein, das ist die in der gebotenen Zurückhaltung vergebene Bezeichnung für den jüngsten und schärfsten Import aus Kentucky.

          Feiste Sitze, fetzige Anzeigen Bilderstrecke

          Es regnet. Das ist nicht gut. Ganz kurz zur Orientierung: 6,2-Liter-Achtzylinder (danke für den Mut) mit variabler Ventilsteuerung und Direkteinspritzung (modern), 466 PS (erfreulich), 610 Nm Drehmoment (yippie-ya-yeah), 0-100 km/h in 4 Sekunden (nicht jetzt), Spitzengeschwindigkeit 290 km/h (ach du dickes Ei), Leergewicht dank Kompositaußenhaut und Alurahmen 1540 Kilogramm (ist dem V8 eh wurscht) zuzüglich Fahrer (jauchzt), Vier-Kolben-Scheibenbremsen rundum (gut zu wissen), Reifen Michelin Super Sport 245/35 R 19 und 285/30 R 20, Hinterradantrieb (seid ihr irre?). „Das rennsportbewährte Triebwerk sorgt für adäquaten Vortrieb“, verkünden die Scherzbolde von der Pressestelle.

          Erster Gang rein. Dreht durch. Zweiter Gang rein. Dreht durch. Dritter Gang rein. Dreht immer noch durch. Nur dass sich jetzt das Heck nicht länger mit dem lahmen Vorderteil aufhalten will und neben der Fahrertür auftaucht. Es regnet. Das ist wirklich nicht gut. Ein VW Polo zieht auf der linken Spur vorbei. Vor der heimischen Garage wartet die Corvette kurz quer auf dem Bürgersteig auf Einlass, ein Junge mit Hund muss stehen bleiben, es schüttet jetzt aus Eimern. Wir bitten den Jungen um Entschuldigung, er schaut nur verträumt auf den knallroten Body: „Das ist ja der Wahnsinn. Ist der geil!“

          Die Corvette hämmert los

          Der nächste Tag läuft besser. Die Polos zählen jetzt Auspuffrohre. Vier, mittig angeordnet. Das verleiht dem Auftritt auch im Abgang eine gewisse Wucht. Da die Sicht nach hinten sowieso null ist, geht der Blick voraus. Ein Strich, frei bis zum Horizont, seltenes Glück. Nochmal zurechtrücken in den vorzüglichen Sitzen, das Kino, das sich Tacho nennt, auf Attacke gestellt und - Vollgas. Die Corvette hämmert los wie vom Rochen gestochen. Die Tätigkeit am Volant entwickelt sich zu einer Form von Arbeit. Im Sinne der Ressourceneffizienz empfiehlt sich frühes Hochschalten. Dadurch wird es jenseits von 200 km/h etwas zäh, schon der fünfte Gang scheint kraftstoffsparend übersetzt. Warum die Ingenieure von Porsche und nun auch von Chevrolet sieben handgeführte Stufen für ein Optimum halten, bleibt ihr Geheimnis.

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