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Carrera Panamericana : Ausnahmezustand in der Sierra Madre

  • -Aktualisiert am

Nur 2 PS: Zum Mitmachen reicht das nicht. Aber zum Zuschauen. Bild: Andreas Beyer

Motorsport in seiner rustikalen Ausführung: Das Oldie-Rennen Carrera Panamericana führt die Teilnehmer über sieben Tage und 3000 Kilometer quer durch Mexiko.

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          Früher nannte man sie in einem Atemzug mit all den anderen großen Straßenrennen. Und auch heute spielt die Carrera Panamericana in einer Liga mit Mille Miglia, Targa Florio oder der französischen Tour Auto. Nur ist das Rennen quer durch Mexiko im Gegensatz zur Mille Miglia kein Laufsteg für die Schönen und Reichen dieser Welt. Stattdessen gibt es Motorsport in seiner rustikalen und bestechend einfachen Ausführung. Keine Gleichmäßigkeit auf die Zehntelsekunde, keine Schlauchprüfung: es ist viel einfacher, denn der Schnellste gewinnt. 3000 Kilometer werden die Teams in sieben Tage zurücklegen – davon 600 auf Bestzeit.

          Die Schwäbinnen Daniela Wagner und Silvia Lindner, die mit einem schönen Porsche 911 nach Mexiko gekommen sind, schätzen genau diesen Aspekt der Rallye. „Wir fahren ja viel in Europa, aber so rasant wie hier geht es sonst nirgends zu“, schwärmt Daniela Wagner. Neulinge wie Tom Fischer und Richard Pegam in einer starken 1965er Corvette betrachten das Ganze zunächst respektvoll.

          3000 km quer durch Mexiko: Neulinge betrachten das Ganze zunächst respektvoll Bilderstrecke

          Zu viel hat man schon von haarsträubenden Unfällen gehört. Zwar schützen Überrollkäfige mit armdicken Rohren die Insassen, es sind Feuerlöschanlagen verbaut, und zusätzlich zu Helmen und feuerfester Kleidung ist wie im modernen Rennsport das „Head and neck protection system“ (Hans) vorgeschrieben. Aber man weiß ja nie.

          „Oldtimer“ ist relativ

          Mit dabei sind 2011 auch der ehemalige Formel-1-Pilot Jochen Mass und ein Koch aus Hamburg, Tim Mälzer. Mass war im vergangenen Jahr schon am Start, scheiterte aber am vorletzten Tag. Beide pilotieren heißgemachte Ford Mustangs mit fünf Liter Hubraum und rund 330 PS. Für sie und weitere 100 Teams aus alter und neuer Welt begann am 21. Oktober die in jeder Hinsicht heißeste Woche des Jahres. Besonders die erste Etappe ist ein harter Brocken – 400 Kilometer lang, gespickt mit 10 Sonderprüfungen. Und schon kurz nach dem Start verabschieden sich die ersten Teams ins Unterholz: Adrenalin bis in die Haarspitzen. Im ersten Etappenziel Oaxaca fehlen an diesem Tag geschätzte 20 Autos. Aber die meisten werden wieder flottgemacht. Auf den Parkplätzen der Hotels brummen also die Generatoren bis in die frühen Morgenstunden. Motorwechsel, Schweißarbeiten, Bleche ausbeulen. Als die Startvorbereitungen zur Etappe Oaxaca–Puebla anlaufen, glühen Kippen im Halbdunkel. Der Markplatz bebt im Rhythmus der wummernden Motoren. Dann geht es wieder los im 30-Sekunden-Takt. Den touristischen Blick auf Mexiko gibt es heute. Trockene Hitze, Kakteen aufgereiht wie die Orgelpfeifen – und dann die bunte Fiesta in Tehuacan. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, um sich die Autogrammkarten der Piloten zu sichern.

          Abends in Puebla taucht dann die Frage nach potentiellen Kandidaten für den Gesamtsieg auf. Es scheint sich ein Duell zwischen dem mexikanischen Rallye-Profi Ricardo Triviño und dem Carrera-Altmeister Doug Mockett anzubahnen. Der Amerikaner fährt ein 1954er Oldsmobile 88, der Mexikaner einen Studebaker aus demselben Jahr.

          Doch Oldtimer ist relativ. Denn die Kisten der Top 10, die zwar äußerlich den wunderbaren Carrera-Boliden der fünfziger Jahre gleichen, sind unter dem Blech topmodern. Verbaut ist feinste amerikanische Nascar-Technik. Innenbelüftete Scheibenbremsen sorgen für ordentliche Verzögerung und Gitterrohrrahmen für Stabilität. In den V8-Motoren stecken rund 600 PS, und die würden für gut und gerne 300 km/h reichen, wenn sie nicht per Drehzahlbegrenzung im letzten Gang limitiert wären. Buick Century, Hudson Hornet oder Ford Crown Victoria sind weitere Kandidaten in diesem Segment.

          Im Ziel ist jeder in Siegerlaune

          Zur Halbzeit, nachdem 1600 Kilometer gefahren sind, folgt dann eine der schönsten Etappen des gesamten Rennens. Mexikaner und Zugereiste lieben die in gleichmäßigen Schwüngen zu Tal rauschenden Rallyeprüfungen in den „tausend Hügeln“ (Mil Cumbres).

          Unten im Ziel, zu Füßen der Kathedrale von Morelia, fließen die Cervezas dann in Strömen. Und wie immer bleibt kaum Zeit fürs Sightseeing. Obwohl es sich wirklich lohnen würde. Die Etappenziele sind schön gewählt. Zum Beispiel das Weltkulturerbe Guanajuato mit seiner vollständig untertunnelten Altstadt. Aber die Fahrt muss weitergehen. Auch die Strecken zwischen den Sonderprüfungen oder hin zum Mittagsservice an einer der großen Pemex-Tankstellen sind knapp berechnet. So vergehen die Tage wie im Flug, und nach Aguascalientes folgt die letzte Etappe hinauf ins Ziel nach Zacatecas. Sechs Prüfungen mit noch einmal 77 Kilometer Gesamtlänge zaubern den Piloten ein Lächeln ins Gesicht. Dann gibt es wahlweise Champagner- oder Bierdusche unterm Zielbogen. Denn jeder, der es bis hierher geschafft hat, ist in Siegerlaune. Auch wenn der Gewinner Ricardo Triviño (Studebaker) heißt. 4,5 Sekunden trennen ihn vom Zweitplazierten Doug Mockett (Oldsmobile). Jochen Mass und Co-Pilot Manuel Pabst werden beste Deutsche auf Rang 11. Aber,wie gesagt, jeder, der in Zacatecas ankommt, darf sich bei einer Ausfallquote von 20 Prozent wie ein Sieger fühlen.

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