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Cabrios : Im stürmischen Reich der Sonne

  • -Aktualisiert am

Chevrolet Corvette: Amerikanischer Traum für 68.000 Euro Bild: Hersteller

Ihre Unvernunft läßt keine Spielraum für Entschuldigungen. Bei Fahrern von Cabrios regiert uneingeschränkt die Faszination für das offene Automobil.

          3 Min.

          Mehr Offenheit war nie. Die Menge der Kabrioletts, der Cabrios, der Spider und der Roadster auf deutschen Straßen sowie in den Preislisten der Hersteller nimmt beinahe täglich zu. Vielleicht vor hundert Jahren war die mobile Gesellschaft noch offener. Aber damals lag das daran, daß man das feste Stahldach noch nicht erfunden hatte. Weil die allerersten Autos in direkter Linie von den Kutschen abstammten, kamen auch sie ohne Dach.

          Heute gibt es viele Gründe für die steigende Beliebtheit der Autos, in denen einem der Himmel auf den Kopf fallen kann, vor allem aber: Die beweglichen Dächer sind besser geworden. Man kann sie leichter und unkomplizierter öffnen und schließen, sie sind tauglicher für den Einsatz im Winter. Das gilt sowohl für Stoff-Verbund- als auch für Stahldächer, die sich auf breiter Front durchgesetzt haben. Diese machen aus einem Cabrio fast ein Coupé und umgekehrt. Wir haben vor dem neuen Sommer in aller Offenheit unsere Favoriten herausgesucht, kleine Geschichten zu ihnen erdacht und uns zudem ein paar Gedanken gemacht über die Prinzipien der neuen Unbedachtheit.

          Das ehrlichste Auto

          Das offene Auto ist das ehrlichste Auto. Seine Unvernunft läßt keinen Spielraum für Entschuldigungen, mit ihm bekennt man sich zur Faszination des Automobils, Ratio kommt nicht ins Spiel, transportiert wird allein das Ego des Fahrers und seine Fähigkeit zum Genuß. Daß dieser mitunter nicht ungetrübt verläuft, erhöht womöglich sogar noch den Reiz des Reisens im Cabrio. Es ist eher eine Frage der Freude am gezielt errungenen Schmerz als der Erhöhung des Fahrkomforts. Wer an einem einzigen Tag von Frankfurt nach München oder nach Hamburg fährt, weiß am Abend, was er getan hat. Das ist im Büro nicht immer so.

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          Ein Cabrio ist vor allem Emotion. Wer einmal unter einem geschlossenen Stoffdach im Regen saß, die Tropfen trommeln hörte, auf den See blickte und die Frau an seiner Seite damit beruhigte, daß es ihm schon gelingen werde, die eindringenden Wassermassen mit seinem seidenen Taschentuch daran zu hindern, sich über sie zu ergießen, der weiß, wovon wir reden. So rückt man in einem Cabrio näher zusammen, es ist wie in einem Zelt am Rand des Waldes, in dem die Körperfresser leben. In einem Cabrio ist man der Natur näher.

          Höchstmöglicher Genuß

          Nach unseren Beobachtungen sind Frauen mittlerweile in der Mehrheit, sie dominieren den offenen Auftritt dieser Auto-Spezies, und nichts liegt ferner, als das zu kritisieren. Das wird wahrscheinlich davon beeinflußt, daß Frauen doch die sensibleren Autofahrer sind. Sie geben sich weniger der ultimativen Geschwindigkeit als vielmehr dem höchstmöglichen Genuß beim Autofahren hin. Sicher ist, daß keine andere Autoform einen schöneren Auftritt garantiert. Wer offen fährt, ist der Öffentlichkeit näher. Gelegenheit dazu gibt es immer häufiger.

          Der deutsche Automarkt ist in seiner Offenheit kaum zu übertreffen. Nirgendwo sonst (vielleicht noch in der Schweiz und in Österreich) gibt es mehr einschlägige Offerten, und die Varianten und Versionen sind kaum noch zu überblicken. Ob zwei oder vier Sitze, manuell oder elektrisch/hydraulisch bewegtes Verdeck, ob Stoffanmutung oder Stahlausführung, Front-, Hinterrad-, Heck- oder Allradantrieb, als Sportwagen oder Familienauto oder im Tarnanzug des Geländewagens, die große Offenheit hat fast alle ergriffen.

          Markenware Cabrio

          Kaum eine teutonische Marke ohne Cabrio: VW verweist (nur!) auf den exaltierten New Beetle, Opel immerhin auf den schrulligen Speedster und das ältlich-elegante Astra-Cabrio der abgelösten Generation. Ford hat den knuffigen Streetka, Mercedes-Benz ist auch beim Cabrio-Programm mit SLK, SL und CLK (und dem offenen G-Modell) opulent vertreten, BMW deutet ebenso vehement auf das 3er-Cabrio, den windfrischen, offenen 645 Ci und den Roadster Z4. Porsche ist eigentlich die typische Cabrio-Marke, mit Boxster und Carrera gibt es entsprechende Varianten, das Ohr des Fahrers ist hier das wichtigste Organ. Audi ist mit dem offenen A4 und dem TT Roadster angemessen vertreten. Smart öffnet das Coupé und läßt den Roadster schnurren. Chrysler baut das ulkige PT Cruiser Cabriolet und den amerikanisch-eleganten Sebring. Von Chevrolet findet die neue Corvette auch ohne Dach in die Alte Welt. Und der XLR von Cadillac hält dem Wind die Kanten entgegen.

          Europäische Marken ohne die offene Bauform sind Skoda und Seat, ist es Zufall, daß sie zum VW-Konzern gehören? Bei Saab trägt das herzerwärmende Cabrio längst den Markeninhalt, Volvo hält den C70 noch am Leben. Aus England führt die Großserie nun einen offenen Mini heran, natürlich das Jaguar XKR Convertible, den reizvoller werdenden MG TF und die urigen Morgans. Ein netter, aber komplizierter Ansatz ist der Pluriel von Citroën.

          Asiaten im Abseits

          Etwas im Abseits stehen die japanischen und die koreanischen Hersteller. Honda hält mit dem S2000 und dem ewig jungen NSX offene Offerten bereit, Toyota ist mit dem MR2 vertreten. Und Daihatsu läßt das schnuckelig-scharfe Zwergauto Copen unter die Sonne. Vor allem den Mazda MX-5 darf man nicht vergessen, er reift nach fünfzehn Jahren Bauzeit schon zum Klassiker, hat aber nichts von seinem Reiz der unveränderten Jugendlichkeit verloren. Aus Italien kommt der unverwüstliche Alfa Spider, Fiat hat die rundliche Barchetta im Programm. Maserati hält seinen Espresso-Spyder bereit und Ferrari den 360 Spider. Einen Roadster gibt es jüngst bei Lamborghini, der Murciélago läuft schon mit Standgas ins Limit.

          Die neue Form das Dachs aus Stahl, das sich in Sektionen teilt und entschlossen in seinem Verlies ablegt, hat ihre Geschichte. In den dreißiger Jahren nutzte es schon Peugeot, dann kam es mit dem Mercedes SLK in die größere Serie, und jetzt ist es mit Peugeot 206/307 CC und dem Renault Mégane auf dem Weg zum Allgemeingut. Das BMW 645Ci Cabrio und der mächtige Aston Martin DB9 Vantage Volante tragen die Stoffmütze. Historie hat auch ihre guten Seiten. Soviel offene Varianten waren noch nie.

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