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Innovative Elektrobikes : Das Motorradl vom Motoradel

Bild: Hersteller

Verblichene Marken neu zu beleben ist gerade en vogue. Bultaco, alter spanischer Motorrad-Adel, will es mit Elektro-Bikes schaffen. Wir haben das agile Brinco ausprobiert.

          Don Paco Bultó war ein Mann von hoher Tatkraft, was sich schon daran zeigte, dass er zehn Kinder zeugte. Erst fünf Töchter, dann fünf Söhne, schön der Reihe nach. Für seine Mitarbeiter war er nur „El Jefe“.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Gemeinsam mit Partnern gründete der Cheffe 1945 in Barcelona die Marke Montesa. Spanien hat, was etwas in Vergessenheit geraten ist, eine schillernde Motorradhistorie. Zumindest Montesa, seit 1986 unter dem Dach von Honda, dürfte manchem noch ein Begriff sein. Eines Tages im Jahr 1958 begab es sich, dass in der Runde der Montesa-Führung beschlossen wurde, das Unternehmen solle sich aus dem teuren Rennsport zurückziehen. Don Paco protestierte.

          Dem geländegängigen Brinco sollen weitere Elektrofahrzeuge folgen

          Er kehrte seinem Unternehmen den Rücken und gründete, 20 seiner besten Leute im Gefolge, ein neues. Dessen Namen bastelte er sich aus Bestandteilen seines eigenen zusammen – Bultó plus Paco ergab Bultaco. Von den Piloten der Royal Air Force holte er sich die Anregung fürs Firmenlogo: Daumen hoch, alles in Ordnung.

          Francisco Xavier „Don Paco“ Bultós Leidenschaft fürs Motorrad im Allgemeinen und fürs Racing im Besonderen übertrug sich auf seine Kinder und ist noch in der Generation der Enkel lebendig. Einige brachten es im Rennzirkus auf Weltniveau, Moto-GP-Fahrer Sete Gibernau, zum Beispiel. Für den Großvater waren Renneinsätze Voraussetzung für technischen Fortschritt, Erfolge im Wettkampf Grundlage für kommerziellen Erfolg. „Der Markt folgt der karierten Flagge“, lautete die Maxime des Mannes, der immer eine karierte Mütze trug.

          330.000 gebaute Zweiräder liefen vom Band

          Prompt kehrte Montesa in den Rennsport zurück, die beiden Konkurrenten verbissen sich in eine Erzrivalität. „Das war wie Barça gegen Real“, sagt Daniel Olivera Bultó, einer der Racing-Enkel und Absolvent einer Elite-Wirtschaftsschule. Auf Anhieb begann Bultaco, Titel zu sammeln, auf der Straße, im Gelände, beim Trial-Sport, darunter neun Weltmeisterschaften. Jim Pomeroy Angel Nieto, Don Rickman, Mike Hailwood, Sammy Miller, Barry Sheene hießen einige Bultaco-Piloten in den großen Zeiten.

          Schlechte folgten. 1981 war das Unternehmen pleite, Daumen runter. Zwei Jahre später endete die Produktion. Als Don Paco Bultó 1998 im Alter von 84 Jahren starb, war Bultaco schon lange Geschichte.

          Halb Fahrrad, halb Motorrad

          Am Eingang des Grand-Prix-Kurses von Barcelona haben sie dem „Jefe“ ein Denkmal gesetzt, gleich neben der Erinnerungsstätte für Formel-1-Legende Juan Manuel Fangio. Und im Museu de la Moto in der Altstadt Barcelonas ist derzeit eine Bultaco-Sonderausstellung zu sehen. Knapp 250 Modelle, 330.000 gebaute Einheiten verzeichnet die Firmenhistorie. Einige der alten Zweitakt-Eisen stehen dort: Tralla 101, das erste Modell, Sherpa T, Frontera, Metralla MK2 und so weiter. Der Zeitpunkt für die Ausstellung ist perfekt. Denn plötzlich, 32 Jahre nach dem Untergang, ist Bultaco wieder aufgetaucht.

          Eine Gruppe von Privatpersonen und Investoren hat gemeinsam mit der Bultó-Familie den Namen wiederbelebt und die über den Globus verstreuten Markenrechte erworben. Der Plan: Bultaco soll sich als Anbieter von Elektrofahrzeugen und Zulieferer innovativer Fahrzeugsteuerungssysteme hervortun. Es sind Fachleute und Führungskräfte aus der Auto- und Motorradindustrie, die sich für das ehrgeizige, wagemutige Vorhaben zusammengetan haben, eine internationale Truppe. Präsident von Bultaco Motors ist der Österreicher Gerald Pöllmann, früher im Magna-Steyr-Konzern Leiter von Technologieprojekten und Geschäftsführer für den Bereich Unternehmensstrategie.

          Erst gewöhnungsbedürftig, dann eine Riesengaudi

          15 Millionen Euro wurden bisher bei Teilhabern, Investoren, Banken für den Neustart gesammelt, 1,5 Millionen gab es aus dem EU-Förderprogramm „Horizon 2020“ für die Entwicklung eines neuartigen Steuergeräts („Adaptcontrol“) für Elektrofahrzeuge, mit dem laut Pöllmann vier Systeme (E-Maschine, Batteriemanagement, Ultrakondensator, Ladetechnik) in einer einzigen kompakten Steuereinheit zusammengefasst werden können. 42 Beschäftigte hat Bultaco momentan, Händlernetz und Marketing befinden sich im Stadium des Aufbaus. Mit der Produktion soll es in diesen Tagen losgehen, eine 2000 Quadrameter große Fabrik wird gerade in Montmeló nördlich von Barcelona eingerichtet.

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