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Bosch experimentiert mit Elektroantrieben : Auf Knopfdruck wird aus dem A5 ein A8 oder TT

Chamäleon: Der elektrische Audi ist nur äußerlich ein A5 Bild: Hersteller

Bosch hat einen Audi A5 Quattro so umgebaut, dass an die Stelle des Verbrennungsmotors vier Elektromotoren treten. Mittels Tastendruck lässt sich ein längerer oder kürzerer Radstand simulieren.

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          Wie oft ist schon darüber nachgedacht worden, wie Automobilhersteller die verschiedenen Kundenwünsche gleichzeitig erfüllen könnten? An Sonnentagen wäre ein Cabriolet nett, für den Schnee ein Geländewagen und zum Familienausflug ein Minivan. Eine praktikable Lösung hat noch niemand, zudem geht es bei diesen Gedanken in erster Linie um die Karosserieform. Die kann auch der Zulieferer Bosch nicht verhexen, aber in das Fahrwerk eines Versuchsträgers hat die Tochtergesellschaft Bosch Engineering ein Gefühl hineingezaubert, das seinesgleichen sucht: In einem auf der Basis eines Audi A5 Quattro aufgebauten Versuchsfahrzeug lässt sich mittels Tastendruck ein längerer oder kürzerer Radstand simulieren. So ist man, obwohl man stets im A5 sitzt, gefühlt mal mit einer Reiselimousine vom Format eines Audi A8 unterwegs, mal geht es in wilder Kurvenhatz wie mit einem Audi TT scharf um die Ecken.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Erreicht wird das durch einen radikalen Eingriff: Der umgebaute A5 hat keinen Verbrennungsmotor mehr. An dessen Stelle treten vier Elektromotoren, an jedem Rad einer. So kommen eine Gesamtleistung von 240 kW (326 PS) und ein Drehmoment von gewaltigen 780 Newtonmeter je Rad zusammen. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 130 km/h begrenzt, die Reichweite beträgt - allerdings nur unter günstigen Bedingungen - 200 Kilometer. Mit 1900 Kilogramm bei einer Achslastverteilung von 50 : 50 ist der Audi schwer. Allein die Lithium-Ionen-Batterie (45 kWh) wiegt eine halbe Tonne. Dennoch beschleunigt der Bosch-A5 in sieben Sekunden von 0 auf 100 km/h und ist erstaunlich agil.

          Die Reaktionszeit beträgt maximal zehn Millisekunden

          Angesteuert werden die vier Elektromotoren, die im Prinzip Kers-Motoren aus der Rennsportserie Formel 1 sind, von einem weiterentwickelten ESP über eine zentrale Steuereinheit. Die Reaktionszeit beträgt maximal zehn Millisekunden. Das E-Quartett beschleunigt und verzögert dabei je nach Anforderung und Untergrund eigenständig und schafft auf Wunsch durch radindividuelle Momentverteilung (Torque Vectoring) ein sportliches Lenkverhalten, das mit gewöhnlichem Antrieb oder mechanischen Differentialen unmöglich erscheint. Dabei wird die Einstellung der Lenkung nicht verändert, gleichwohl ist für denselben Tanz um die Pylonen im Modus A8 eine halbe Lenkraddrehung und im Modus TT nur eine viertel Lenkraddrehung erforderlich. Selbstverständlich eignet sich das System auch zur Energierückgewinnung (rekuperatives Bremsen).

          Ein Serieneinsatz ist noch in weiter Ferne, das aufwendige System ist schlicht viel zu teuer. Allein bei Mercedes-Benz und dessen elektrisch betriebenem Sportwagen SLS E-Cell lässt sich Ähnliches heute schon beobachten. Doch wollte die jungdynamische Entwicklungstruppe aus Abstatt (das Durchschnittsalter der rund 1600 Mitarbeiter beträgt 33 Jahre) zeigen, was möglich ist, wenn alle technischen Register gezogen werden und man mit der Elektromaschine das Fahrverhalten aktiv beeinflusst. Mehr Dynamik und zusätzliche Sicherheit nämlich.

          An die Fertigung eines eigenen Autos denken sie trotz der gewonnen Expertise nicht, denn "es ist nicht gesund, seinen Kunden Konkurrenz zu machen", wie Geschäftsführer Bernhard Bihr sagt. Aber andere Ideen spuken schon im Kopf. Wenn mit dem Einsatz von Elektromotoren bislang ungekanntes Fahrverhalten hergestellt werden kann, dann sollte das etwa Sportwagenhersteller wie Ferrari, Maserati, Pagani oder Porsche interessieren. Die haben klassischerweise kräftige Benzinmotoren und Hinterradantrieb und könnten sich mit dem zusätzlichen elektrischen Vorderradantrieb neue fahrdynamische Dimensionen erschließen - sofern der Bauraum unter der Karosserie da ist. Außerdem ließe sich eine neue, für den Fahrer freilich gewöhnungsbedürftige Variante des Spurhalteassistenten einbauen. Das nach außen drängende Fahrzeug würde in die Spur zurückgeführt, ohne dass sich das Lenkrad bewegt.

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