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BMW R nineT Scrambler : Bart in der Menge

Es geht um die neue R nineT Scrambler aus der „Erlebniswelt Heritage“ von BMW Bild: Hersteller

Luft zum Kühlen, Lust auf Verzicht und das Herz eines Boxers: Mit der R nineT Scrambler baut BMW die Abteilung Klassik aus.

          Leistung, Drehmoment, Gewicht. Das sind die Fakten, die einen normalerweise als Erstes interessieren, wenn es um ein neues Motorrad geht. Hubraum, Zylinderzahl und -anordnung, Kraftübertragung, Rahmenbauweise. Wie schnell, wie teuer, welche Assistenzsysteme? Auch im Fall dieses Modells ist all das Technische nicht nebensächlich. Doch eine weitere wichtige Frage drängt sich auf: Wie viel Bart ist angemessen?

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Reicht ein Dreitagebart? So gerade eben vielleicht. Zwei Wochen des ungehemmten Wachstums im Gesicht erscheinen passender, denn es geht um die neue R nineT Scrambler aus der „Erlebniswelt Heritage“ von BMW. Um auf der sicheren Seite zu sein, rührten wir vor der ersten Probefahrt den Rasierer vier Wochen lang nicht an. Allen ästhetischen Bedenken zum Trotz.

          Am 17. September kommt die Scrambler auf den Markt, als Variante jener Maschine, die vor knapp drei Jahren durch ihren eigenwilligen Namen (im Marketing-Original R nineT) irritierte und dennoch einschlug wie eine Bombe. Mit einer ordentlichen Portion Bayern-Dusel erwischte BMW den richtigen Zeitpunkt, traf den Zeitgeschmack, gönnte dem Fahrzeug liebevoll gemachte Details, widerstand der Versuchung, im Sinne der Kostenreduzierung in der Fertigung Aufwendiges zu vereinfachen. In der R nineT überlebte der ansonsten ausgemusterte luftgekühlte 1170-Kubik-Boxermotor.

          Mit diesem wunderbar urwüchsigen Triebwerk wurde sie zu einem Fixpunkt der Retroszene, begehrt in der wachsenden Gemeinde bärtiger Jethelm- und Lederjackenträger, verehrt in der Custom- und der Hipsterszene, gekauft auch von sonstigen Bärtigen und Unbärtigen, die sich schon lange eine puristische BMW gewünscht hatten, deren Design die Historie des Unternehmens aufgreift, klassische Anmutung mit modernem Fahrverhalten verknüpft. Fast 23 000 Stück wurden bisher verkauft.

          Am 17. September kommt die Scrambler auf den Markt Bilderstrecke

          Nun also das zweite „Heritage“-Modell. Scrambler bedeutet: anknüpfen an die Fünfziger, die Sechziger, an die Vor-Enduro-Ära, als Normalmaschinen für Abstecher ins Gelände herhalten mussten und dafür mit breitem Lenker, hohem Auspuff und Stollenreifen ausgestattet wurden. Die 13 000 Euro kostende Scrambler unterscheidet sich von der Ur-nineT vor allem durch eine entspanntere, aufrechtere Sitzposition, verursacht durch die höher und näher am Fahrer plazierte Lenkstange sowie die niedriger und weiter hinten angebrachten Fußrasten. Schön gesteppt und im Farbton „Sattelbraun“ ungemein attraktiv ist die nach Leder und Patina aussehende Sitzbank, aber dünn gepolstert und somit streng zum Gesäß.

          Der stützende Heckrahmen lässt sich einfach demontieren, um den Doppel- gegen einen Einzelsitz zu tauschen, was Teil der Strategie einer umfangreichen Individualisierbarkeit ist. So sind zum Beispiel statt der serienmäßigen Gussräder gegen Aufpreis (395 Euro) Drahtspeichenräder erhältlich. Wer dann noch die Straßenbereifung gegen Stollenmaterial tauscht, fügt eine starke Note Custom-Spirit hinzu, muss allerdings verwässerte Lenkpräzision und verlängerte Bremswege in Kauf nehmen.

          Ein kurzes Zucken schickt der Kardan-Antriebsstrang

          Weitgehend unverändert blieb der bekannt druckvoll zu Werke gehende Zweizylinder-Boxer. 110 PS (81 kW, bei 7750 Umdrehungen) werden geboten sowie Drehmomentwallungen von bis zu 116 Newtonmeter bei 6000/min. Das Triebwerk agiert nun weniger bissig auf Gasbefehle, sanfteres Ansprechverhalten lautete eines der Entwicklungsziele. Ein kurzes Zucken schickt der Kardan-Antriebsstrang beim Schalten durchs Gebälk. Beeindruckend klingt das sonore Akustikspektakel aus der eng anliegenden Akrapovic-Abgasanlage, nicht unverschämt laut, aber markant, vielleicht am ehesten vergleichbar mit dem langen Furz eines Orcas in anderthalb Meter Wassertiefe. Die Abgasreinigung erfüllt die Euro-4-Bestimmungen; den Entwicklern gelang es nach eigenen Angaben, den Boxer ohne Leistungsverlust über die Hürde zu hieven. Der Verbrauch soll gesunken sein; BMW nennt 5,3 Liter für 100 Kilometer nach der WMTC-Norm.

          Die technischen Unterschiede zwischen Scrambler und Ur-nineT sind umfangreicher, als der erste Blick es vermuten lässt. 19 statt 17 Zoll messendes Vorderrad, flacher stehende Gabel (konventionelle Telegabel mit Gummifaltenbälgen statt Upside-down-Gabel), 15 Millimeter mehr Federweg hinten sowie axial statt radial montierte Bremssättel sind einige der Punkte. Das Cockpit besteht allein aus einem kleinen runden Gehäuse mit Analog-Tacho. Kilometer- und Tageskilometerstand, Uhrzeit und Motortemperatur werden in einem Digitalfenster gezeigt, mehr aber nicht. Weitere Informationen behält das Motorrad für sich, es sei denn, man lässt gegen Aufpreis ein zweites Rundinstrument im Cockpit installieren zur Anzeige von Drehzahl, Gang et cetera.

          Zu den Verlockungen auf der Liste der Extras zählen auch LED-Blinker (100 Euro), Heizgriffe (210 Euro), Stabilitätskontrolle (320 Euro). Bei Letzterer handelt es sich um das einzige verfügbare Assistenzsystem neben dem serienmäßig vorhandenen ABS. Mit ihrem Basispreis von 13 000 Euro ist die Scrambler 1900 Euro günstiger als ihre Schwester, jedoch gilt es zu bedenken, dass jene hier und da exquisiter ausgestattet wird, beispielsweise einen attraktiven handgebürsteten Aluminium-Tank hat, der für die mit einem 17-Liter-Stahltank bestückte Scrambler 1000 Euro Aufpreis kostet.

          So oder so zelebriert die Neue eine schnörkellose, knorrige Art des Fahrens. In schneller Kurvenfahrt versteift sie sich etwas, ist nicht unhandlich, aber auf klare Lenkimpulse angewiesen, nicht unkomfortabel, doch von einer gesunden Grundhärte beseelt, kein Schmusemotorrad also, sondern ein 220-Kilo-Paket Charakter. Aller Voraussicht nach werden rasch weitere Variationen der R nineT folgen. Schon auf den Herbstmessen dürfte sich zeigen: BMW ist momentan eine der bärtigsten Motorradmarken überhaupt.

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