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Jahrestag Berliner Mauerfall : Flucht in der Isetta

Bild: BMW Group

30 Jahre nach dem Mauerfall: BMW zeigt die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung in einem bewegenden Film.

          2 Min.

          Freiheit und Selbstbestimmung drohen leicht unter die Räder zu kommen, wenn sie quasi selbstverständlich sind. Doch auch 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ist es wert, daran zu erinnern, dass sie eben keine Selbstverständlichkeit sind und es lohnt, jeden Tag aufs Neue dafür einzutreten. In der DDR mussten Erfindergeist, handwerkliches Geschick und eine BMW Isetta her, um der Unterdrückung entkommen zu können. Beginnend 1964 flohen nacheinander neun Menschen in einer umgebauten Isetta. Das Meisterstück zeigt BMW nun zum Jahrestag in einem emotional anrührenden Kurzfilm.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Im Mauermuseum an der Berliner Friedrichstraße mit Blick auf den Checkpoint Charlie ist das kleinste jemals genutzte Fluchtfahrzeug ausgestellt. Klaus-Günter Jacobi (79) begleitet als Touristenführer regelmäßig Besucher durch die Museumsräume. Jacobi kennt nicht nur die Details zahlreicher Fluchtversuche, von ihm stammt auch die Idee, einen Menschen im Inneren des winzigen Motocoupés zu verstecken und mit ihm unerkannt über die Grenze zu gelangen. Sein bester Kumpel schaffte so die Flucht von Ost- nach West-Berlin.

          Jacobis Familie hatte den Osten der Stadt bereits 1958, drei Jahre vor dem Mauerbau, verlassen. Als sein langjähriger Freund Manfred Koster ihn um Hilfe bei der Flucht aus der DDR bat, ersann er einen kühnen Plan. Seine BMW Isetta sollte als Fluchtfahrzeug dienen. Das nur 2,30 Meter lange und 1,40 Meter breite Motocoupé würde wohl kaum den Verdacht der Grenzsoldaten erregen. Es scheint in der Tat kaum möglich, einen Menschen im Inneren zu verstecken. Schon auf den dafür vorgesehenen Sitzplätzen hinter der Fronttür ist kaum ausreichend Platz für zwei Insassen. Das Versteck für den Freund aus dem Osten entstand daher hinter der Sitzbank direkt am Motor. In seiner einstigen Lehrwerkstatt in Berlin-Reinickendorf konnte Kfz-Mechaniker Jacobi den Umbau vornehmen. Er schnitt eine Einstiegsöffnung in die Abdeckung hinter der Sitzbank, versetzte die Ablage nach oben und entfernte Ersatzrad, Heizung und Luftfilter. Zudem tauschte er den 13 Liter fassenden Tank gegen einen Zwei-Liter-Kanister, um Platz für den verborgenen Passagier zu schaffen.

          „The Small Escape“ zeigt, wie aus der BMW Isetta ein Fluchtwagen wurde und wie die riskante Fahrt über den Grenzübergang gelang. In Budapest entstand mit Requisiten, Kostümen, Fahrzeugen und Straßenansichten ein originalgetreues Abbild des Berlins der 1960er-Jahre. Dabei sorgt der Nachbau eines Checkpoints samt Mauer und Grenzstreifen für eine beklemmende Atmosphäre, die sich im Film immer weiter steigert und schließlich in einem Happy End auflöst. „Autos haben den Menschen seit ihrer Erfindung Freiheit und Selbstbestimmtheit gebracht. Autos bringen Menschen zusammen. Die bewegende Fluchtgeschichte mit Hilfe der BMW Isetta ist auch sinnbildlich dafür zu sehen, welch unschätzbaren Wert Autos und die Möglichkeit der individuellen Mobilität haben können – es geht um Freiheit, Unabhängigkeit und Träume. Unser Film würdigt den Antrieb und den Mut der Menschen, die diese erfolgreiche Flucht damals ermöglicht haben“, sagt Jens Thiemer, Leiter Markenführung BMW.

          Am 23. Mai 1964, kurz vor Schließung des Grenzübergangs um Mitternacht, rollte die von Klaus-Günter Jacobi umgebaute BMW Isetta unter dem geöffneten Schlagbaum hindurch. Kurz darauf konnte er seinen Freund Manfred aus dem Versteck hinter der Sitzbank befreien. Für Jacobis BMW Isetta war dies der einzige Einsatz als Fluchtfahrzeug, doch sein Coup fand Nachahmer. Mit einer weiteren, ähnlich umgebauten BMW Isetta gelang in den folgenden Jahren acht weiteren DDR-Bürgern die Flucht in den Westen. Dieses Fahrzeug ist heute im Museum zu sehen.  

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