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BMW gegen Harley-Davidson : Wie Du mir, so ich Dir

Ich Boxer, du V2: BMW R 18 Classic fordert die Harley-Davidson Heritage 114 (links) heraus. Klassischer können Tourer nicht aussehen. Bild: Rita Niehues

BMW und Harley-Davidson gehen sich gegenseitig an den Kragen und räubern jeweils im Revier des anderen. Den Kunden kann's recht sein. Konkurrenz belebt das Gefecht.

          5 Min.

          Die deutsch-amerikanischen Beziehungen treten in eine neue Phase. Was gewesen ist, verblasst angesichts einer neu entstandenen, noch vor kurzem kaum für möglich gehaltenen Konstellation. Joe Louis gegen Max Schmeling, D-Day, Marshallplan und Luftbrücke, Ich bin ein Berliner, Elvis in Bad Nauheim, Siegfried und Roy in Las Vegas, Nato-Doppelbeschluss, Tear down this wall, Polterpräsident und was im transatlantischen Verhältnis sonst noch eine Rolle gespielt haben mag – Geschichte.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Jetzt stellen BMW und Harley-Davidson die deutsch-amerikanische Freundschaft auf die Probe. Schluss mit friedlichem Nebeneinander, von nun an geht’s gegeneinander. Beide haben sich entschlossen, im Revier des anderen zu räubern, und zwar richtig. Auf der Suche nach neuer Kundschaft verlassen sie ihre gewohnten Territorien, stoßen zielgenau dorthin vor, wo das Herz des anderen schlägt. Über den Atlantik hinweg: Wie Du mir, so ich Dir.

          BMW macht neuerdings in Cruisern, Harley-Davidson baut Reiseenduros, die Motorradwelt steht kopf. Harley attackiert auf dem Feld der Funktion, BMW auf dem der Emotion, jeweils dort also, wo es der andere über Jahrzehnte hinweg zur Perfektion gebracht hat. Beide tun das nicht zaghaft, sondern mit harter Entschlossenheit, um zu vermeiden, dass ihr Vorstoß in der Blamage endet.

          Die erste Großenduro von Harley-Davidson in 118 Jahren Unternehmensgeschichte

          Offensichtlich zieht BMW dabei Lehren aus einer Episode in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre. Unbeholfen wirkte damals ein Versuch, das amerikanische Cruiser-Imperium herauszufordern, vermutlich hat sich halb Milwaukee prustend am Hamburger verschluckt, als BMW schüchtern mit einem Modell namens R 1200 C auftauchte. Heute lacht niemand mehr. Und wenn sich jemand verschluckt, dann höchstens aus Respekt vor der R 18 mit ihrem monumentalen Boxermotor.

          Ohne eine solche Vorgeschichte, aber auch ohne jegliche Vorerfahrung baut Harley-Davidson nun zum ersten Mal in seiner 118 Jahre währenden Geschichte eine Großenduro. Die Pan America ist der Gegenentwurf zum bayerischen Dauerbestseller R 1250 GS, dem Universaltalent und Super-SUV. Immer wieder ist versucht worden, den Bayern die Lederhose auszuziehen, doch bis heute gelang es nie. Nach wie vor ist „die GS“ die Leitfigur des Reiseenduro-Segments, und niemand in der Motor Company macht ein Hehl daraus, dass während der Entwicklung der Pan America vor allem an der GS, diesem einzigartigen Konglomerat verschiedenartigster Fähigkeiten, Maß genommen wurde. Obwohl Ducati, KTM und andere ebenfalls kompetente Maschinen mit Globetrotter-Attitüde am Start haben.

          Du Kardan, ich Chain: Harleys  Pan America (links) treibt ihr Hinterrad per Kette an. BMW vertraut auf die von vielen Reiseenduro-Fans so geschätzte Gelenkwelle. Bilderstrecke
          BMW gegen Harley-Davidson : Wie Du mir, so ich Dir

          Die Entwickler der Pan America und des umfangreicher ausgestatteten Schwestermodells Pan America Special begannen bei null. Motor, Fahrwerk, Elektronik, Ergonomie, Offroad-Kompetenz – da existierte nichts, worauf zurückgegriffen werden konnte. Nicht anders war die Ausgangslage für die BMW-Mannen, die vor der Aufgabe standen, etwas Überzeugendes zu ersinnen, mit dem man auf dem Cruisermarkt gegen Harley-Davidson bestehen kann.

          Keine Zweifel an der Eigenständigkeit der BMW

          Ist das gelungen? Um es zu erfahren, haben wir uns in die Sättel geschwungen: BMW R 18 in der Touring-Variante „Classic“ und das Harley-Pendant Softail Heritage 114 einerseits, Harley-Davidson Pan America Special und BMW R 1250 GS andererseits lauteten die Paarungen. Es kamen viele Kilometer zusammen.

          Oberflächlich betrachtet, scheint BMW mit der R 18 Classic ordentlich abgekupfert zu haben. Langgestreckte Silhouette, Starrrahmen-Look, Satteltaschen, Chromgepräge, Windschild sowie ein Gesicht mit Haupt-, Zusatzscheinwerfern und Blinkern – verblüffende Ähnlichkeit. Noch verblüffender allerdings ist, wie unterschiedlich die beiden dann doch sind, was daran liegt, dass BMW seine eigene Historie aufleben lässt, ohne allzu sehr zu Harley hinüber- zuschielen.

          Anstelle eines Zahnriemens treibt wie letztmals in den Fünfzigern als bezauberndes mechanisches Spektakel eine offen rotierende Kardanwelle das Hinterrad der R 18 an. Zweifel an der Eigenständigkeit der BMW fegt ohnehin der neu konstruierte, mit vielen technischen Zitaten aus der Vergangenheit arbeitende Zweizylindermotor weg, seines Zeichens größter Serienboxer aller Zeiten. Aus 1,8 Liter Hubraum fördert er 91 PS zutage und liefert zwischen 2000 und 4000 Umdrehungen kontinuierlich mehr als 150 Nm Drehmoment. Einzigartig wäre die Kombination aus majestätischem Auftritt, wuchtigem Antritt, Durchzug in niedrigsten Drehzahlen, Laufruhe, tiefenentspannten Schwingungen und Abwesenheit jeglicher Aggression, gäbe es da nicht einen, für den das gleichermaßen gilt: Harley-Davidsons Milwaukee-Eight 114. Souverän hält der 1868-Kubik-V-Twin mit 95 PS und 155 Nm dagegen und weigert sich, auch nur einen einzigen Millimeter zurückzuweichen.

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