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BMW : Big Boxer

BMW hat einen neuen Motorradmotor entwickelt. Bild: Wille

In einer Art Guerrilla-Aktion in Fernost gibt BMW Motorrad einen vagen Ausblick auf Kommendes. Es geht um nicht weniger als die Neue Welt.

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          Von München über Yokohama nach...? Das ist die große Frage. Wohin führt der weitere Weg dieses Monstrums? Und warum hat BMW es erstmals in jenem weit entfernten Land gezeigt, in dem man Klobrillen beheizt und mit Stäbchen isst? Die Weißblauen geben Rätsel auf. Erst machen sie einen neugierig, richten die Aufmerksamkeit nach Yokohama, dann verraten sie so gut wie nichts.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Was an gesicherten Fakten vorhanden ist, lässt sich in wenige Sätze packen. BMW hat einen neuen Motorradmotor entwickelt. Der Prototyp lief schon auf dem Prüfstand, demnächst soll er fahrfertig sein. Es handelt sich um einen Zweizylinder-Boxer, ganz im Einklang mit der fünfundneunzigjährigen Boxer-Tradition des Unternehmens. Er zeigt als Auffälligkeiten ausgeprägte Kühlrippen, was auf eine Luft/Ölkühlung hinweist, und für den Ventiltrieb Stößelstangen in verchromten Hüllrohren, die an Zeiten erinnern, die mehr als vier Jahrzehnte zurückliegen. Breit ist seine Heldenbrust, markant der Klassik-Look.

          Das Triebwerk hat gewaltige Ausmaße. Es dürfte der mit Abstand großvolumigste Motorradmotor der BMW-Geschichte sein. Die Typenbezeichnung R 18 könnte Hinweis auf einen Hubraum von 1800 Kubikzentimeter sein, womit wir schon beim Spekulieren sind. Fragt man BMW-Leute nach technischen Daten, zeigen sie sich als Meister darin, mit den Augen zu rollen. Erkundigt man sich danach, was sie mit dem Ding vorhaben, in welchen künftigen Motorradmodellen so etwas zum Einsatz kommen könnte, spielen sie vielsagend mit den Mundwinkeln. Sie behalten es für sich. Sofern sie es selbst schon genau wissen.

          Die Typenbezeichnung R 18 könnte Hinweis auf einen Hubraum von 1800 Kubikzentimeter sein. Bilderstrecke

          Gewiss ist, dass die Strategen im BMW-Konzern sich seit geraumer Zeit Gedanken machen, wie sie endlich auf dem riesigen, von Harley-Davidson dominierten amerikanischen Cruiser-, Chopper- und Klassiktourer-Markt zum Zuge kommen könnten. Mit dem derzeit vorhandenen Material fehlt es dort an Hubraum und Schlagkraft. Möglicherweise soll der Big Boxer die Lösung sein. Aber was hat das mit Yokohama zu tun?

          Dort fand soeben die 27. Hot Rod Custom Show mit spektakulären Um- und Einzelbauten auf zwei und vier Rädern statt. Manche Fachleute halten die Veranstaltung für das Nonplusultra dieser teils faszinierenden, teils skurrilen Szene. Für nur einen einzigen Tag wird eine große, schmucklose Kongresshalle zum Tummelplatz der Tuner, Tieferleger und Topstars unter den Veredlern. Einige hundert Fahrzeuge werden gezeigt. Mittendrin diesmal ein Motorrad, das nach allem aussah, nur nicht nach BMW – aber den dicken Boxer-Prototypen eingebaut hatte. Prompt wurde es zum „Best of Show“ gewählt.

          Was fällt Gurus zu ihrem neuen Dickerchen ein?

          Schlug also ein wie eine Bombe. Gebaut hatte es die japanische Custom-Schmiede Zon von Yuichi Yoshizawa und Yoshikazu Ueda. In deren kleine Werkstatt hatte der deutsche Großkonzern Ende Juli seinen Motor samt Kardanantrieb geliefert, mit der Bitte, etwas daraus zu machen, egal was, Hauptsache, ein Motorrad. Die Münchener wollten mal sehen, was solchen Gurus des Undergrounds zu ihrem neuen Dickerchen einfällt und welche Reaktionen das dann auslöst. Wer auf dem Cruisermarkt erfolgreich sein will, ist gut beraten, für die Umbau-Branche interessant zu sein.

          Mit vollendeter japanischer Höflichkeit lächeln Yoshizawa und Ueda über Fragen nach dem Stress hinweg, den ein solcher Auftrag verursacht, wenn nur vier Monate von ersten Überlegungen bis zur Vollendung des Werks rechtzeitig zur Ausstellung in Yokohama vergehen dürfen. Als sie sich an die Arbeit machten, ignorierten sie jegliche Anforderungen, die in der industriellen Serienfertigung gelten, schufen etwas, das entfernt an Rennmaschinen lange vergangener Tage erinnert, dengelten eigenhändig Tank und Sitz aus Blechen zusammen, ebenso die winzige Frontverkleidung. Handarbeit zudem: der kunstvoll geschweißte Rahmen, die Stahlrohr-Schwinge mit versteckter Federung, die Trapez-Vorderradgabel.

          Die beiden Japaner, bisher eher auf Harleys spezialisiert, nahmen sich sogar die Freiheit, dem Boxer Old-School-Vergaser anzuflanschen anstelle der zeitgemäßen Einspritzung, die der Prototyp aus München eigentlich hat und ein künftiger Serienmotor haben muss, um Umweltstandards einzuhalten. Sie gestalteten die Ventildeckel und die Stirnseite des Motors nach eigenen Vorstellungen und zogen auf ungewöhnlich große Alu-Räder von 21 Zoll vorn und 26 Zoll hinten betont schmale Reifen. Kurzum: Mit Serienbau hat das so viel zu tun wie Sake mit einer Schweinshaxe.

          Umso spannender, welche nächsten Schritte die Weißblauen planen. Ihre Guerrilla-Aktion war eine sonderbare, auf alle Fälle innovative Art, frühzeitig auf etwas Neues aufmerksam zu machen, ohne viel zu verraten. Auf dem Weg von München über Yokohama nach Amerika und in den Rest der Cruiserwelt. Vielleicht. Man wird sehen. Möglicherweise schon bald.

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