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BMW 700 : Das Findelkind aus Wien

  • -Aktualisiert am

Ausfahrt mit einem Prototyp des BMW 700 Coupé in der Leutasch mit Grenzkontrolle Bild: Zitka

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Autoindustrie nichts zu lachen. Und doch wurde vor 50 Jahren der BMW 700 auf Band gelegt. Nur wenige wissen, dass dieses Auto, mit dem BMW seine Selbständigkeit rettete, eigentlich ein Findelkind war.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Autoindustrie in Deutschland nichts zu lachen. Wie alle anderen. Zerstörte oder im Osten verlorengegangene Werke, kein Geld, ein sich nur langsam konsolidierender Markt - die Bayerischen Motoren Werke bekamen das mit am meisten zu spüren. Eisenach lag in der Sowjetzone, die Werke Spandau und Milbertshofen waren weitgehend zerstört, der Flugmotorenbau von den Alliierten unterbunden.

          Und der 1952 herausgebrachte „Barockengel“ BMW 501, mit einem Sechszylinder aus der Vorkriegszeit bestückt, war zwar attraktiv und luxuriös, aber für die Nachkriegszeit zu teuer. Der Motorradboom ging viel zu schnell zu Ende, die Programmlücke in der Mittelklasse, wo andere bereits gutes Geld verdienten, konnte mit Isetta und BMW 600 nicht gefüllt werden. Aufwand und Ertrag klafften immer mehr auseinander, der Verlust stieg auf über neun Millionen Mark an.

          Zum Überleben zu wenig und zum Sterben zu viel

          Obwohl der BMW 600 sicherlich mehr als eine gestreckte Isetta war und als echter Viersitzer auf nur 2,89 Meter Länge die Innenraumfrage recht intelligent löste, bot er eher praktischen Funktionalismus als Befriedigung wirtschaftswunderlichen Standesbewusstseins.

          Sport und Staub: Alex von Falkenhausen bei österreichischer Alpenfahrt 1960

          Während Lloyd, NSU und Glas ein Mehrfaches absetzten, weil ihre Produkte wie richtige Autos aussahen, brachte es der BMW trotz sportlicher Erfolge von 1956 bis 1959 nur auf 34.311 Stück - zum Überleben zu wenig und zum Sterben zu viel. Kein Wunder also, dass die Nervosität mit jedem Tag wuchs. Entwicklung und Versuch wollten den 600 zuerst noch sportlicher machen, konzentrierten sich dann aber auf einen „Mittelwagen“ mit 1,6-Liter-Vierzylinder. Für dessen Bau aber fehlte das Geld.

          Grünes Licht zum Weitermachen

          Das Schicksal sollte BMW in andere Bahnen lenken. Im März 1957 tritt ein neuer Vorstandsvorsitzender an, Heinrich Richter-Brohm, im Krieg Herr über die Rüstungsbetriebe in Böhmen und Mähren, dann Generaldirektor bei der Voest in Linz. Ein Maschinenbauer, aber kein Autofachmann, welcher der Hofkamarilla bei BMW mit ihren unterschiedlichen Konzepten und Meinungen bald hilflos gegenübersteht. Doch da besucht ihn Wolfgang Denzel, BMW-Importeur für Österreich, man kannte sich noch aus den Tagen bei der Voest. Und er, einst erfolgreicher Rennfahrer auf BMW-Motorrädern und auf dem BMW 328, nach dem Krieg begabter Sportwagenkonstrukteur, der alerte, elegante Wiener Wolfgang Denzel also gewinnt das Vertrauen des preußischen Generalssohnes, überzeugt den vergeblich um Kredite für den Mittelwagen bemühten Richter-Brohm davon, dass zuerst besser ein schicker sportlicher Kleinwagen entstehen und das Geld für das größere Projekt verdienen sollte.

          Gleichzeitig beginnt er in Wien auf eigene Faust an einem solchen Auto zu arbeiten, zieht den begabten Italiener Giovanni Michelotti hinzu und legt im März 1958 in München Zeichnungen des WD 600 als Coupé und viersitzige Limousine vor - schon da klar zu erkennen: der spätere BMW 700. Richter-Brohm ist beeindruckt und gibt Denzel grünes Licht zum Weitermachen. Eiligst in Wien angefertigte Fahrgestelle des WD 600 werden nach Turin gebracht und dort bei Vignale nach den Vorgaben Michelottis karossiert. Den fertigen Prototyp stellt Denzel vier Monate später am Starnberger See vor, rein intern, ohne Presse und an einem geheimen Ort.

          Die finanzielle Lage ist nach wie vor desaströs

          Vorstandsmitglied Kämpfer: „Alle waren platt. Keiner hat das erwartet, hat das dem Denzel zugetraut.“ Mit nur geringem Aufwand hat er aus dem Liliput-Omnibus BMW 600 ein richtiges Auto gemacht - „eine Erlösung!“. Noch an Ort und Stelle fällt mitten im Grünen der Vorstandsbeschluss: „Wir bauen.“ Nun geht es Schlag auf Schlag. Im August wird, ebenfalls am Starnberger See, im Hotel Elisabeth ein inzwischen fertiggestelltes BMW 700 Coupé von Helmut Werner Bönsch der Presse vorgestellt, und im September stehen Coupé und Viersitzer, von Schaulustigen dicht umlagert, auf der IAA in Frankfurt.

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