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Bizzarrini : Bitte ein Bizz!

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Die flache Silhouette fasziniert bis heute: Bizzarrini GT Strada 5300. Bild: Kunstpalast

Vor 50 Jahren ging Bizzarrini unter. Wir lassen die italienische Automarke mit einer Fahrt im GT 5300 Strada wiederauferstehen.

          Der schneeweiße Klassiker erregt auf dem Parkplatz des bayerischen Flugplatzes Jesenwang Aufsehen. Sofort sind Schaulustige vom megaflachen Sportwagen begeistert. Aber was ist das für ein Typ? Für einen klassischen Ferrari zu langgestreckt, für einen Lamborghini sind die Formen zu fließend, und für einen Maserati sieht er zu sehr nach Rennwagen aus. Jetzt startet der Besitzer den Motor. Ein dumpfes Grollen setzt ein, aber es ist eindeutig kein aggressiver Italo-V12, sondern ein Small-Block-Achtzylinder aus Amerika. Beim Blick auf die seitlich angebrachten Embleme wird nun klar, dass dieser Exot eine Kombination aus italienischem Design und amerikanischem Motorenbau ist – ein Bizzarrini GT 5300 Strada.

          Der italienische Hersteller hat bis heute Kultcharakter bei Sportwagenfans, auch wenn er schon vor 50 Jahren im Frühjahr 1969 pleiteging. Sein Status als Autolegende hat vor allem mit seinem Gründer zu tun, Giotto Bizzarrini. Dieser hatte einst als junger Ingenieur Ende der 1950er Jahre bei Ferrari die Ikone 250 GTO mit entworfen, später dann bei Lamborghini am Entstehen des legendären Zwölfzylinders gearbeitet und nach einer kurzen Phase beim Autobauer Iso seine eigenes Unternehmen Automobili Bizzarrini gegründet.

          Für seinen jetzigen Besitzer war der Bizzarini 5300 immer schon ein Traumwagen. Der Unternehmer aus dem Raum München fing als junger Mann mit dem Sammeln von preisgünstigen amerikanischen Autos an. Seine Oldtimerleidenschaft wuchs mit den Jahren, und immer wieder kam ein neuer Klassiker in die Sammlung. Dabei zogen den Bayern die nahezu unverwüstlichen V8-Motoren besonders an, weil sie ihm anders als die komplexen italienischen Zwölfzylinder zuverlässiger erschienen und auch einfacher zu warten sind.

          Die Kombination aus formschönem Italo-Design und zuverlässiger Antriebstechnik begeisterte ihn so sehr, dass relativ bald die Vollendung dieses Konstruktionsprinzips, ein Bizzarrini GT 5300, in den Fokus geriet. 2018 kaufte er ihn. Ein guter Freund und talentierter Mechaniker hält die Schätzchen in Schuss.

          Dass in den 1960er Jahren Fahrzeuge mit südländischem Design und amerikanischen Triebwerken zunehmend beliebt wurden, war italienischen Herstellern wie Detomaso mit dem Mangusta, Iso mit dem Rivolta oder Grifo sowie Bizzarrini mit dem 5300 zu verdanken. Die Herausforderer wollten damit den Ikonen Ferrari, Maserati und später auch Lamborghini Konkurrenz machen, scheuten aber die kostenintensive Entwicklung eigener Motoren und griffen stattdessen einfach ins Regal.

          Der heute oft und gerne auf bayerischen Landstraßen bewegte 5300 ist ein Fahrzeug aus dem letzten Bizzarrini-Baujahr. Den 1968 kurz vor der anstehenden Pleite produzierten GT 5300 bewegt ein 5,4-Liter-Chevrolet-Achtzylinder mit etwa 350 PS. Der Bizzarrini liegt dabei extrem gut auf der Straße: Die geringe Höhe der Alu-Karrosserie von nur 1,11 Meter, ein aufwendig konstruiertes Fahrwerk und der extrem weit nach hinten versetzte Frontmittelmotor sorgen nahezu für eine 50:50-Achsverteilung des Gewichts und hervorragende Fahrleistungen. Das überrascht nicht, denn der 5300 entstand schließlich als Ableitung eines Rennwagens vom Typ Grifo A3/C Competizione. Den hatte Giotto Bizzarrini zuvor für Sportwagenhersteller Iso entwickelt. Wegen Meinungsverschiedenheiten trennte sich Giotto Bizzarrini jedoch von Iso, machte sich selbständig baute von 1965 an den 5300. Später kamen der P 538, ein offener Sportwagen, und der GT 1900 mit Opel-Technik dazu. Von beiden entstanden jedoch nur wenige Exemplare, der GT 5300 wird auf rund 100 Einheiten geschätzt. Bizarrrini selbst hat wohl nie Buch geführt.

          Alltagstauglichkeit war nicht so wichtig

          Wohl wegen seiner Rennsport-Gene sieht der GT 5300 aus jeder Perspektive ziemlich atemberaubend aus: superflach, extrem langgestreckt, mit harmonisch-runden Formen, dabei zeitlos-elegant und wenig kapriziös. Was für den Konstrukteur und Chef in Personalunion damals wohl nicht ganz so wichtig gewesen sein dürfte, war die Alltagstauglichkeit des 5300. So gibt es keine Sitzverstellung, stattdessen wurden früher die Sitzpolster auf die Größe jedes Käufers individuell angepasst. Das führt heute bei Menschen jenseits 1,75 Meter Körpergröße zu Verrenkungen, um überhaupt ins Auto einsteigen zu können, inklusive anschließender Froschhaltung am Lenkrad. Dieses kann zumindest mit einem Handgriff abgenommen werden, um leichter auf den Fahrersitz zu gelangen.

          Auch die Wärmeentwicklung des Motors, der fast bis zwischen die Insassen reicht, sorgt für heiße Füße und gerötete Köpfe ob der Abstrahlung ins Wageninnere. Der V8 sitzt so dicht am Fahrerraum, dass sogar oben im Armaturenbrett eine Öffnungsklappe eingebaut ist, um von dort aus am Zündverteiler arbeiten zu können.

          Das ist alles sofort vergessen, wenn der Bizz erst einmal rollt, leichtfüßig über kurvige Straßen bollert und dank des enormen Drehmoments schaltfaul gefahren werden kann. So reicht der erste Gang bis Tempo 110, innerorts bleibt der zweite daher außen vor. Der Sportwagen sieht aber nicht nur ungemein schnell aus, er ist es auch. Der legendäre Rennfahrer und belgische Motorjournalist Paul Frère jagte 1965 einen baugleichen Wagen auf gestoppte 270 km/h, vor mehr als einem halben Jahrhundert noch ein Fabelwert für ein Straßenauto. Dass er heute noch auf der Autobahn die meisten modernen Sportwagen von der linken Spur verdrängen könnte, wenn der Fahrer es wollte, geschenkt, dafür ist er viel zu schade. Der 1926 geborene und bis heute in seiner Heimatstadt Livorno lebende Giotto Bizzarrini hat jedenfalls nicht nur mit dem Ferrari 250 GTO, sondern ebenso mit dem 5300 ein Meisterwerk abgeliefert.

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