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Bentley : Das fröhliche Scheidungskind

Bentley montiert alles selbst, in der Produktion kommen Roboter kaum zum Einsatz Bild: Hersteller

Als Rolls-Royce und Bentley 2003 getrennt wurden, befürchteten viele Mitarbeiter den Untergang. Doch heute geht es Bentley besser denn je. In die Zukunft fährt man mit kleineren Motoren, Hybrid-Antrieb, Diesel und vielleicht auch mit Geländewagen.

          Die Aussagen zur Zukunft von Bentley mögen noch etwas gewagt sein, doch wer sich mit dem seit Februar amtierenden Chef Wolfgang Dürheimer über die kommende Produktstrategie unterhält, spürt, dass die genannten Entscheidungen fallen werden, wenn sie auch noch nicht festgeschrieben sind. Bislang gibt es für die drei aktuellen Bentley-Modelle (Continental Flying Spur, Continental GT und Mulsanne) zwei Motoren, einen Sechsliter-W12 und einen 6,8-Liter-V8. Angekündigt ist ein Vierliter-V8 für den Continental.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Ja, auch in Crewe kann man sich der allgemeinen Entwicklung nicht entziehen. So ist China seit kurzem der Markt Nummer 2 für die VW-Tochtergesellschaft, und im Reich der Mitte wird es über kurz oder lang zu politischen Vorgaben kommen. Die Antwort wird dann ein Dreiliter-Triebwerk sein, natürlich mit Direkteinspritzung und Turbolader. So ein kleiner Motor in einem Bentley wäre ein Novum, doch die Zeiten ändern sich eben.

          Das weiß auch Dürheimer, er denkt weiter und fragt, ob man den Bentley-Fahrer am Mittleren Ring in München ins Taxi oder die S-Bahn setzen solle, wenn dereinst der innere Bereich des Mittleren Rings von Oberbürgermeister Udes Nachfolgern für Autos mit Verbrennungsmotoren gesperrt worden ist. Dann braucht es einen Bentley, der mindestens 30 Kilometer elektrisch fahren kann, und wer dem Chef zuhört, kann der Stringenz seiner Aussagen entnehmen, dass es dann so einen Bentley geben wird. Dürheimer, der in Personalunion Vorsitzender von Bugatti ist und die Motorsportaktivitäten des Volkswagen-Konzerns verantwortet, spricht zudem offen über einen Dieselmotor im Bentley und über die Möglichkeit, einen Geländewagen zu bauen. Bei Porsche – dort war er lange Jahre Entwicklungschef – hat der Zweiundfünfzigjährige gelernt, dass man niemals nie sagen darf. Er war ein Gegner des Dieselmotors im Porsche und ließ sich eines Besseren belehren.

          In die Nähe von 10.000 verkauften Einheiten im Jahr

          Ähnliches scheint ihm mit Bentley vorzuschweben, und ein Griff in den Technikbaukasten des Konzerns eröffnet zweifelsohne große Möglichkeiten, nicht nur in Sachen Hybridantrieb oder Dieselmotor. In 18 Monaten wäre ein Selbstzünder-Bentley marktreif, fiele heute die Entscheidung, einen zu bauen, sagt der Diplom-Ingenieur, der seine Karriere bei BMW-Motorrad begonnen hat.

          Er hat viel vor in seiner neuen Aufgabe, er will und muss – das haben ihm sowohl Konzernchef Martin Winterkorn als auch Übervater Ferdinand Piëch vor „Amtsantritt“ in Einzelgesprächen ins Stammbuch geschrieben – Bentley wieder dahin bringen, wo es schon einmal war: in die Nähe von 10.000 verkauften Einheiten im Jahr.

          „Das britische Erbe liegt in guten Händen“

          Rückblick: Als VW Bentley 1998 kauft und später (2003) von Rolls-Royce trennt (diese hatten 1931 das 1919 gegründete Unternehmen übernommen), geben selbst Fachleute kaum einen Pfifferling auf eine Zukunft der Marke. Bis dato waren Bentleys fast immer nur leicht abgewandelte Rolls-Royce gewesen. Aber die Muttergesellschaft gehört jetzt zu BMW, sie zieht aus (ins 370 Kilometer entfernte Goodwood) und lässt die „Kinder“ (2500 Mitarbeiter) im Haus zurück. Doch diese werden blitzschnell erwachsen, steil schießt die jährliche Verkaufszahl nach oben: 6500, 8500, 9000 und dann auf fast 10.000 im Jahr 2007. Noch nie hat sich ein Scheidungskind so fröhlich entwickelt. Die Wirtschaftskrise, die in der zweiten Jahreshälfte 2008 ihren Anfang nimmt, lässt die Verkaufszahlen auf 7604 Einheiten fallen und auf 4616 im Jahr 2009 abstürzen. Inzwischen arbeiten 3500 Menschen bei Bentley, betriebsbedingte Kündigungen können durch einen mehrmonatigen Gehaltsabschlag von zehn Prozent (vom Pförtner bis zum Chef) vermieden werden.

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